Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Leserbriefe
Höchst unappetitlich
Nr. 44/2025 Der Epstein-Fluch
Gut recherchiert und kommentiert, danke. Ich befürchte nur, dass die amerikanischen Wähler dies nicht wahrhaben oder vergessen werden. Trump kann hier sein Volk mustergültig manipulieren. Demokratie und Freiheit haben in den USA leider ganz andere und nicht nur positive Bedeutungen.
Oliver Blum, NürnbergNiemand außer dem SPIEGEL interessiert sich für diese Titelgeschichte. So kann man auch am Leser vorbeischreiben. Während die Stadtbild-Diskussion läuft, beschäftigt sich Ihr Blatt mit einem Toten, über den niemand mehr spricht. Geradezu grotesk wird es, wenn auch noch der Versuch gestartet wird, Trump mit hineinzuziehen.
Gerd Glaser, Brandenburg an der HavelDas Enttäuschende an Ihrer Trump-Epstein-Titelstory ist, dass 100 Prozent von dem, was Sie darin präsentieren, schon bekannt ist. Vom SPIEGEL erwarte ich eine investigative Recherche zum Sachverhalt.
John Osmani, Nideggen (NRW)Nun lese ich schon ein halbes Jahrhundert den SPIEGEL (zunächst die Hefte meines großen Bruders). Die Recherche ist immer noch auf Spitzenniveau, aber eine stilistische Entgleisung wie in Heft 44 auf Seite 10 hätte ich beim SPIEGEL niemals für möglich gehalten. »Epstein, dieser Mann mit den Echsenaugen …« – was kommt als Nächstes? Rattenaugen? Kakerlakenaugen? Auch wenn Jeffrey Epstein mutmaßlich ein äußerst unerfreulicher Zeitgenosse war, bleibt er ein Mensch mit stinknormalen Menschenaugen. Was für eine unsachliche und unnötige Dämonisierung.
Alex Bauch, Freiburg
Gartenersatz für Tausende
Nr. 43/2025 Die Frage, ob das Tempelhofer Feld bebaut werden soll, spaltet die Hauptstadt. Es geht dabei um Freiheit, Klima, Demokratie. Und um die Feldlerche
Das Tempelhofer Feld ist eine Oase und der meistbesuchte Park Berlins. Im Sommer machen wir da Musik, die Gärten fühlen sich wie Urlaub an. Auch »ein bisschen« Wohnungsbau würde dieses Paradies kaputt machen und den Mietspiegel steigen lassen.
Susanne Umari, BerlinAus stadt- und klimapolitischer Perspektive ist das Tempelhofer Feld eine große Errungenschaft. Es sollte nicht bebaut werden – auch nicht am Rand. Es grenzt an drei dicht besiedelte Bezirke und ist der Gartenersatz für Tausende Berliner:innen. Es schafft Teilhabe und Erholung und ist als Frischluftschneise unverzichtbar für die Stadt. Dass SPD und CDU jedes Jahr aufs Neue Fantasien über die Bebauung auspacken, liegt vor allen Dingen daran, dass es sich um attraktive Grundstücke für lobbystarke Investoren handelt. In Berlin gibt es genügend ausgewiesenes Bauland, das zuerst bebaut werden könnte. Am besten mit bezahlbaren Wohnungen.
Friederike Hildebrandt, BerlinLeider verbleibt die Debatte doch in einem Schwarz-Weiß-Schema: Hier die Befürworter:innen einer Bebauung, dort die Bewahrer:innen – für die im Artikel nur zwei Personen der Initiative 100% Tempelhofer Feld interviewt werden. Was dabei zu kurz kommt, sind die vielen Menschen, Projekte und Initiativen, die das Feld längst mit Leben füllen – und deren Stimmen in der öffentlichen Debatte kaum Gehör finden. Das sind die Berlinerinnen und Berliner, die das Feld tagtäglich für Sport, Begegnung, Kultur, Nachbarschaftsarbeit und Erholung nutzen. Ebenso unterbelichtet bleibt die ökologische Bedeutung des Feldes für das Stadtklima. Bitte geben Sie den vielfältigen Stimmen des Feldes in einer künftigen Berichterstattung mehr Raum.
Dr. Julia Thom, BerlinKeine Miete wird sinken, weil das Feld bebaut wird. Stattdessen wird Sportlern und Müßiggängern ihre innerstädtische Möglichkeit genommen und den Tieren eines der verbliebenen Rückzugsgebiete.
Antonio Rohrßen, BerlinWas Ihr Text als »ewigen Kampf« bezeichnet, ist in Wahrheit ein Kampf gegen ein demokratisches Mandat und die klimatische Vernunft. Das Feld ist Berlins größtes Kaltluftentstehungsgebiet – in heißen Sommernächten strömt diese Kaltluft in die Quartiere von Neukölln, Kreuzberg und Tempelhof. Jede Randbebauung würde diese »Klimaanlage der Stadt« beschädigen. 738.124 Berlinerinnen und Berliner stimmten 2014 für den Erhalt des Feldes. Heute ignoriert die CDU-SPD-Koalition nicht nur dieses Mandat, sondern auch die Dialogwerkstätten 2024, deren Teilnehmer die Bebauung eindeutig ablehnten. Wann überhört eine Demokratie systematisch ihre Bürger? Die Debatte wird oft als »Grün gegen Wohnungsbau« inszeniert – eine falsche Alternative. Der Stadtentwicklungsplan 2040 weist Flächenpotenzial für 249.000 Wohnungen aus, ohne das Feld anzutasten. Berlin braucht bis 2030 etwa 200.000 neue Wohnungen. Das Problem liegt nicht an fehlendem Land, sondern an fehlender Umsetzung bereits geplanter Projekte.
Tobias Lippek, BerlinDas größte Problem in Berlin ist die künstliche Verknappung des bestehenden Wohnungsangebots: etwa durch die vielen illegalen Ferienwohnungen (30.000 nach Schätzungen des Senats), aber auch durch Leerstand (über 40.000 Wohnungen laut Zensus 2022) sowie die überbordenden Kurzzeitvermietungen von möblierten Wohnungen zu horrenden Mietpreisen (15.000 bis 20.000 Stück, stellte die Investitionsbank Berlin für 2022 fest). Macht insgesamt circa 90.000 Wohnungen. Dies alles sind Zweckentfremdungen normaler Angebotswohnungen – und die sind in Berlin seit elf Jahren verboten. So lange schon hätte Berlin gegen die Tricksereien vorgehen müssen. Ein Riesenpotenzial bezahlbarer Wohnungen würde dadurch schnell auf den Mietmarkt zurückgeholt. Weiter: Fast eine Million Quadratmeter Büroräume stehen in Berlin leer. Sie müssen ohnehin saniert werden, und ein großer Teil davon könnte gleich in Wohnraum umgewandelt werden. Macht weitere circa 30.000 Wohnungen, außerhalb des S-Bahn-Rings.
Heike Aghte, THF.VISION gUG, BerlinDer Berliner Senat hat vor ein paar Jahren festgestellt, dass es 300 Standorte in der Stadt gäbe, wo jetzt eingeschossige Supermärkte stehen, die überbaut werden könnten. Das wären locker doppelt so viele Wohnungen wie bei einer Randbebauung am Tempelhofer Feld. Und ohne dass das auf Kosten der Umwelt geht. Das Tempelhofer Feld ist längst weltweit bekannt und bewundert, genau so, wie es jetzt ist. Es ist keine »Brache«, sondern eine geschützte Wiesenlandschaft. Für alle, die es genau wissen wollen: Halbtrockenrasen, Trockenrasen, Frischwiesen – alles nach Bundesrecht und Europarecht geschützt. Warum soll dieser Lieblingsort der Bevölkerung, Sportparadies und Teil der städtischen Identität, mit drei Millionen Besuchen im Jahr, zerfleddert und zerfressen werden? Und das ganz ohne Not, weil ja selbst der Stadtentwicklungsplan 2040 eine Feldbebauung als nicht notwendig ansieht, ja, gar nicht erst erwähnt?
Nicole Hilscher, Berlin
Gescheit kritisiert
Nr. 43/2025 Der Soziologe Heinz Bude erklärt den Niedergang der Grünen
Erst vor zwei Wochen eröffnete uns Frauke Rostalski in einem Gastbeitrag im SPIEGEL, dass der Einzelne sich seiner Klimasünden nicht schämen müsse, da die Lösung der globalen Krise eh nicht in der Hand des Individuums liege. Nun ergänzt der renommierte Soziologe Heinz Bude diese frappierende Sichtweise, indem er den Grünen eine programmatische Ab- und Umkehr verschreibt, da das 1,5-Grad-Ziel als klimapolitische Vorgabe sowieso verfehlt werde und die Menschen erkennen, »dass die Welt so schnell nicht untergeht«. Die klimapolitische Quittung für diese Nach-uns-die-Sintflut-Attitüde wird uns um die Ohren fliegen. Statt des Prinzips Hoffnung brauchen wir dringend das Prinzip Verantwortung.
Dr. Volker Brand, Bad Oeynhausen (NRW)Von jemandem, der wie Heinz Bude so gescheit kritisiert und so sehr Bündnis 90/Die Grünen (wie viele Jahrzehnte lang haben die noch mal regiert?) für die Staats-, Politik- und Umweltverdrossenheit weiter Teile der Bevölkerung verantwortlich machen kann, hätte ich schon ein paar substanziellere Vorschläge für deren zukünftigen Kurs erwartet.
Christoph Nitsche, Straßenhaus (Rhld.-Pf.)Vielen, vielen Dank, Herr Bude, für Ihren klar formulierten Artikel, der mich als in letzter Zeit zunehmend verärgerte, aber immer grün Wählende wieder etwas aufgerichtet hat. Erstens: Ja, es gäbe noch Themen und Wege, man könnte sich neu strukturieren, nachdem die alte Riege die Flucht ergriffen hat. Man könnte dazu stehen, dass Wachstum nicht unbegrenzt möglich und gut ist, aber trotzdem auf vielen Gebieten etwas erreicht werden kann und auch schon erreicht worden ist. Und dass Deutschland nicht immer meinen sollte, es müsste und könnte (allein und mit Patentrezept) die Welt retten. Zweitens aber: Gott sei Dank, ein guter und anregender Lesestoff nach dem entsetzlichen Bericht über die authentische Künstlichkeit über die Rapperin Katja Krasavice im selben Heft.
Annegret Jakob-Bissem, Ötisheim (Bad.-Württ.)Heinz Bude wünscht den Grünen »die Einsicht, dass die Welt so schnell nicht untergeht«? Nein, sosehr wir auch darauf hinarbeiten, die Welt als solche wird nicht bald untergehen, und das glauben auch die Grünen nicht. Aber gut in ihr zu leben, wird nach und nach immer schwerer werden. Man muss kein Naturwissenschaftler sein, um das Prinzip der Kipppunkte zu verstehen. Abzuwarten und sich an den Interessen der heutigen Europäer auszurichten, ist daher keine gute Strategie, sofern man auch für spätere Generationen und andere Weltregionen Verantwortung empfindet. Ich wünsche mir von den Grünen, dass sie ihrem Ursprung treu bleiben als Fürsprecher der Natur und unserer Lebensgrundlagen, als Mahner und als Erklärer von ökologischen Zusammenhängen. Wer unangenehme Wahrheiten ausspricht, macht sich nur unbeliebt, weil er uns auf unseren Egoismus aufmerksam macht. Im Übrigen braucht kein Deutscher den Glottisschlag zu üben, denn das Deutsche mit seinen langen, zusammengesetzten Wörtern wimmelt nur so davon: Wann immer eine Silbe mit einem Vokal beginnt (verinnerlichen, Mitarbeit, Halbinsel, einüben, Holzofen).
Ina Raschke, Köln