Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Leserbriefe
Mehr verwaltet als gestaltet
Nr. 46/2025 Titel: Der Merkel-Kult
Bisher fand ich die SPIEGEL-Titel immer recht ansprechend und gut gestaltet. Diese Woche musste ich die Ausgabe allerdings im Regal lassen. Eine Verklärung der Ära Merkel in einer Zeit, zu der uns alles von ihr verzapfte und ausgesessene so dermaßen auf die Füße fällt, ist schlicht inakzeptabel und ein Affront gegenüber allen engagierten Politikern – die es zum Glück ja auch noch gibt –, die das Land wiederum irgendwie auf die Füße stellen müssen.
Ullrich Herzau, BerlinDie Unterschiede zwischen Kanzler Merz und Altbundeskanzlerin Merkel in ihrer Persönlichkeitsstruktur und der damit verbundene »Merkel-Kult« sind offensichtlich: Während Angela Merkel mit ihrer betont sachlich-nüchternen Politikführung stets versucht hat, verschiedene gesellschaftliche Gruppen zusammenzuführen, polarisiert und spaltet Merz ganz bewusst. Der rechtskonservative Merz und seine Adlaten Spahn, Linnemann, Klöckner oder Reiche verstricken sich in immer neue neurechte Kulturkämpfe. Dies wohl auch in der irrigen Annahme, so die rechtsextreme AfD »halbieren« zu können, wie Merz einst vollmundig versprochen hat. Die politische Realität: Unter der liberalkonservativen, verbindlichen Merkel kam die CDU in ihren Hochzeiten auf bis zu 40 Prozent Zustimmung, unter Friedrich Merz rangiert sie in den meisten Umfragen derzeit mit 25 Prozent noch hinter der rechten AfD. Wenn die Merz-CDU so weitermacht, läuft sie Gefahr, sich selbst zu halbieren.
Hans-Ulrich Kramer, Leinfelden- Echterdingen (Bad.-Württ.)Ich empfinde Merkel als eine Politikerin, die Deutschland nach außen ruhig und moderat wirken ließ, aber innenpolitisch den langfristigen Zusammenhalt und die strategische Ausrichtung des Landes vernachlässigte. In meinen Augen hat sie zu oft auf kurzfristige Beruhigung statt auf klare Prinzipien gesetzt, was entscheidende Probleme aufgeschoben statt gelöst hat. Rückblickend sehe ich ihr Erbe als eines, das mehr Verwalten als Gestalten war – mit tiefen Folgen, die heute sichtbar werden.
Stefan Pachmayr, Gröbenzell (Bayern)Zu den Fehlern und Versäumnissen in der Ära Merkel zählt neben der Russlandpolitik auch die Haushaltspolitik. Die Niedrigzinsphase der Europäischen Zentralbank, die 2008 einsetzte und über ein Jahrzehnt andauerte, bescherte dem Bundeshaushalt einen unerwarteten und milliardenschweren Geldsegen. Schätzungen zufolge »ersparten« die günstigen Zinskonditionen den öffentlichen Haushalten allein von 2008 bis 2016 Ausgaben in Höhe von 240 Milliarden Euro. Die sparsame schwäbische Hausfrau hätte dieses Milliardengeschenk nachhaltig investiert und beispielsweise für die Sanierung der maroden Schienen- und Straßeninfrastruktur verwendet. Die unionsgeführten Bundesregierungen unter Kanzlerin Merkel zogen es jedoch vor, das Geld für konsumtive Ausgaben zu verfrühstücken.
Roland Sommer, Diedorf (Bayern)Angela Merkels Regierungszeit war eine für die Bürger angenehme. Es wurde gut verdient, viele konnten sich ein eigenes Haus leisten, wir waren »Reiseweltmeister«, Energie war billig, das soziale Netz wurde immer dichter. Objektiv wurde in dieser Zeit aber die Zukunft unseres Landes außer Acht gelassen. Fahren der Infrastruktur auf Verschleiß, Ausblenden der russischen Aggression (Annexion der Krim) 2014. Die Abhängigkeit von den Energielieferungen, die vollkommen verfehlte Asylpolitik. Die Probleme, die Merz jetzt zu bewältigen hat, sind riesengroß und nicht mit Merkels zu vergleichen. Ich befürchte, dass die Regierung Merz wegen vielerlei Ursachen scheitern wird. Einige Abgeordnete der SPD, aber auch der Union, haben immer noch nicht begriffen, dass diese Regierung die letzte Chance ist, unsere Demokratie zu retten. Einem großen Teil der Wählerschaft scheint ebenso nicht klar zu sein, worum es geht. Wenn die AfD, was zu befürchten ist, an die Macht kommt, werden wir ein Staat von Russlands Gnaden werden.
Klaus Schakat, Forstern (Bayern)
»Das konnte man nur am Schreibtisch bei guter Beleuchtung lesen«
Die Leserin Marita Warner aus Berlin kritisiert den seit Ausgabe 39 neu gestalteten SPIEGEL. Die stellvertretende Chefredakteurin Cordula Meyer hat sie angerufen.
SPIEGEL: Frau Warner, was hat Ihnen an der Heftreform nicht gefallen?
Warner: Die verkleinerte Schriftgröße hat das Lesen anstrengend gemacht. Das konnte man nur am Schreibtisch bei guter Beleuchtung lesen, ich lese den SPIEGEL aber lieber auf dem Sofa.
SPIEGEL: Wir hatten die Schriftgröße nur um einen Viertelpunkt verkleinert, um das Schriftbild etwas luftiger zu machen. Aber das ist etlichen unserer Leserinnen und Leser negativ aufgefallen. Wir kehren deshalb mit dem nächsten Heft, der Ausgabe 48, zur ursprünglichen Größe zurück.
Warner: Das freut mich, weil ich den SPIEGEL weiterhin analog lesen möchte, ich habe gern etwas zum Be-greifen. Vielleicht können Sie auch die teilweise sehr großen Fotos noch einmal überdenken. Das erwarte ich nicht im SPIEGEL, für mich steht immer der Text und die Information im Vordergrund.
Büchse der Pandora
Nr. 45/2025 Leitartikel: Künstliche Intelligenz gehört ins Abitur
Der Autor plädiert vehement dafür, »die Integration von KI-Anwendungen in schulische Prüfungen voranzutreiben«, ohne auch nur den geringsten Anhaltspunkt zu geben, wie das geschehen soll.
Dr. Rudolf Winkel, Müllheim im Markgräflerland (Bad.-Württ.)Herr Himmelrath hat in allem recht: KI gehört in die Schule, weil wir die Heranwachsenden für die Anforderungen des Lebens und der Arbeitswelt fit machen müssen. Dazu müssen Prüfungsordnungen und die Ausbildung der jungen Lehrkräfte geändert werden. Ein entscheidender Faktor für eine rasche Umsetzung wurde aber übersehen: der Mangel an Wissen der bereits fertig ausgebildeten Lehrkräfte zu neuen Technologien. Wir wurden erst vor wenigen Jahren regelrecht überrollt vom Einsatz digitaler Endgeräte im Unterricht, eine große Herausforderung neben dem immer komplexer werdenden Umgang mit Schulklassen. Viele von uns bilden uns noch immer fort, um in der Digitalisierung dranzubleiben. Und nun überrollt uns schon die nächste Welle, und wir sollen sie nicht nur gewinnbringend in unseren Unterrichtsalltag einbauen, sondern auch neue Prüfungsformate erdenken. Dieser Faktor muss bei der Reaktion auf KI im Schulwesen zwingend mitgedacht werden.
Annette Hieber, Gymnasiallehrerin, Bruckmühl (Bayern)Widerspruch eines alten Schulmeisters: Wenn die Schulen nun sogar in Prüfungen künstliche Intelligenz zulassen, prüfen sie zwar die Medienkompetenz der Schüler:innen, jedoch weder deren Intelligenz noch ihre Allgemein- und Individualbildung, und begünstigen zudem die Jugendlichen aus der gehobenen Mittelschicht, die sich teure PC-Hardware leisten können. Finger weg von dieser geistig und wirtschaftlich gefährlichen Büchse der Pandora.
Fred Maurer, Aalen (Bad.-Württ.)
Ja
»So ehrbar seine private Auffassung auch ist: Diese Art der Kommunikation ist vollkommen unprofessionell.«
Fritz Gößlinghoff
Nein
»Nein, im Gegenteil, der Außenminister verdient eher ein Lob, denn wahrscheinlich war ihm schon bewusst, dass er mit seiner Aussage bei seinen Parteikollegen anecken würde.«
Henning Schussmüller
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Die Mauer muss halten
Nr. 46/2025 Wie die AfD bei den Wahlen 2026 punkten will
Die Autoren schreiben, dass die AfD manchmal aus taktischen Gründen den Kampfbegriff »Remigration« nicht benutze. Für die AfD ist Remigration kein Larifari-Kampfbegriff, sondern neben der Zerstörung der Demokratie und unseres Rechtsstaats ein zentrales Ziel. Die Remigration ist Teil ihres völkisch-nationalistischen Weltbildes. Sie strebt eine homogene Volksgemeinschaft an. Gegen eine solche Ideologie hilft entscheidend nur ein Parteiverbot. Alle demokratischen Parteien sollten darauf hinarbeiten. Bis dieses Ziel erreicht ist, muss man über die AfD aufklären und sie gleichzeitig politisch isolieren. Die Brandmauer muss halten.
Georg Biedermann, Günzburg (Bayern)Merz hat es nicht verstanden! Der AfD geht es nicht um die CDU oder andere Parteien. Ihr geht es um Deutschland – aber nicht so, wie viele meinen: Ihr Ziel ist, die Macht in Deutschland zu übernehmen, um die Demokratie von innen auszuhöhlen. Wer die deutsche Geschichte nicht kennt oder ignoriert, darf gern in die USA schauen. Dort macht Trump gerade vor, wie einfach das ist. Merz und die anderen Strategen der Macht in unseren Parteien haben anscheinend vergessen oder nie verstanden, dass Parteien in unserer Gesellschaft Mittel zum Zweck sind. Sie wirken laut Grundgesetz »bei der politischen Willensbildung des Volkes mit«. Nirgends steht, dass sie damit auch einen Bestandsschutz erwerben.
Thomas M. Ankele, Weilheim an der Teck (Bad.-Württ.)Ich finde es ausgesprochen amüsant, dass sich Mitglieder der Partei, die ständig davon redet, man lebe in einer Meinungsdiktatur und dürfe nicht mehr alles sagen, innerparteiliche Kritik nur dann zu äußern trauen, wenn man ihnen Anonymität zusichert. Wie heißt es doch so schön? Der Mensch geht (in seinen Wahlkampf-Parolen) immer von sich selbst aus.
Silke Deyhle, Illertissen (Bayern)
Mehr soziale Gerechtigkeit
Nr. 45/2025 Linken-Parteichefin Ines Schwerdtner über fehlenden Respekt im politischen Streit
Das Interview mit Frau Schwerdtner war das Schlimmste, das ich je im SPIEGEL gelesen habe. Wie können Sie dieser selbst erklärten Marxistin helfen, unwidersprochen ihre grotesken Gedanken zu verbreiten?
Dr. Thorsten Jäkel, BremenFrau Schwerdtner hat recht: Zuspitzung ist in der politischen Debatte erlaubt, ja sogar geboten. Wir leben in einer Zeit, in der die Konservativen die Spaltung der Gesellschaft betreiben. So war es etwa Herr Linnemann, der vor der Wahl monatelang gegen Sozialleistungen Beziehende und Geflüchtete gehetzt hat. Das setzt sich jetzt in der Regierung fort. Aufgabe der Linken muss es daher sein, einen gut vernehmbaren Gegenpol zu bilden, der die tatsächliche Situation von Alleinerziehenden, Mindestlohnempfänger:innen, Langzeitarbeitslosen und Migrant:innen beschreibt. Dass die Großkopferten mehr zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen sollten, ist anhand volkswirtschaftlicher Kenngrößen nachweisbar. Mehr soziale Gerechtigkeit bedeutet mehr Wohlstand.
Andreas Meißner, Tutzing (Bayern)
Korrekturen
Zu »Hüne und Hühnchen« in SPIEGEL 44/2025, Seite 60: August von Goethe starb wahrscheinlich wegen einer Hirnhautentzündung, nicht an seiner Alkoholsucht. Auch waren es nicht Zeitgenossen, die den Sohn Johann Wolfgang von Goethes als »erbärmlichen Wicht« beschrieben; vielmehr hatte er selbst das Gefühl, als solcher dazustehen – so die Darstellung in der Biografie »Im Schatten des Vaters« von Stephan Oswald.Zu »Sein amerikanischer Traum« in SPIEGEL 45/2025, Seite 52: Für das Präsidentenamt in den USA bewerben darf sich, wer die US-Staatsbürgerschaft qua Geburt erhält – und nicht nur, wie fälschlicherweise geschrieben, Personen, die in den USA geboren sind.Zu »Aus dem Kampf auf die Anklage-bank« in SPIEGEL 46/2025, Seite 37: Statt Stabsoffizier muss es Stabsunteroffizier heißen.Zu »Der Schatz der letzten Kaiserin« in SPIEGEL 46/2025, Seite 100: Der legendäre »Florentiner« war kein ungeschliffener, sondern ein umgeschliffener Riesendiamant.
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