Leserbriefe - DER SPIEGEL
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Artikel 61 / 62

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Leserbriefe

Das SPIEGEL-Titelthema zum Bürgergeld, der Gastbeitrag über die Grenzen klimafreundlichen Verhaltens, das Porträt des Berliner Sozialphilosophen Wolfgang Engler und das Interview mit dem Macron-Berater Giuliano da Empoli – diese Artikel haben in der vergangenen Woche zahlreiche Leserinnen und Leser dazu bewegt, uns ihre Meinung in einem Brief mitzuteilen.
• aus DER SPIEGEL 43/2025

Was muss, das muss

Nr. 42/2025 Titel: Zu faul zum Arbeiten? 

  • Jahrzehntelang habe ich in einem deutschen Unternehmen gear­beitet. Ich stellte mir oft die Frage, weshalb es gerade in der Arbeitseinstellung und in der Haltung gegenüber dem Arbeitgeber so viele kulturelle Unterschiede zwischen uns Schweizern und unseren nördlichen Nachbarn gibt. Warum haben deutsche Arbeitnehmer im Durchschnitt doppelt so viele Krankheitsabsenzen pro Jahr? Die ehemalige Lokomotive Europas scheint ein kulturelles Problem zu haben und sollte sich diesem Wandel stellen.
    Jonny Billeter, Mönchaltorf (Schweiz)

  • Es ist eine Unverschämtheit, wie vor allem die Union und die FDP seit Jahren eine ganze Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht stellen, wie auch im Titel suggeriert wird. Für viele Menschen ist das jedoch keine Frage, sondern die vorherrschende Meinung. Das höre ich seit Jahren deutschlandweit immer wieder. Wenn es wirklich darum ginge, für mehr Gerechtigkeit und höhere Einnahmen zu sorgen, gäbe es genügend Möglichkeiten. Da man sich damit aber bei den eigenen Wählergruppen unbeliebt machen würde, kürzt man lieber bei den sozial Schwächsten. Demokratisch? Ja. Aber christlich und sozial? Nein.
    Gert Schmidt, Lehrte (Nieders.)

  • Glückwunsch, die Koalition hat die nächste Blendgranate gezündet. Jeder, der sich mit der Materie beruflich beschäftigt hat, erkennt rasch, dass sich nicht wirklich etwas ändert. Auch wenn ein Arbeits­loser zur Vorstellung bei einem Arbeitgeber vorspricht, erfährt das Jobcenter nicht, weshalb es nicht zur Arbeitsaufnahme kommt. Dem Datenschutz sei Dank.
    Knut Kriegsmann, Ulm

  • Nun also unter der neuen Re­gie­rung wieder die gleichen Diskussionen über immer dieselben Probleme: Bürgergeld, Wirtschaftsaufschwung bis Wehrdienst. Als Ossi der Nachkriegsgeneration kann ich dazu nur sagen: »Was muss, das muss« oder mit Richard David Precht: »Von der Pflicht«. Wenn wir uns nicht trauen, sagen uns andere, was zu tun ist.
    Christoph Müller, Chemnitz

An dieser Stelle sprechen wir jede Woche mit einem Leser oder einer Leserin über die Kritik an einem unserer Beiträge

»Ein Chico gehört eher nicht in den SPIEGEL«

Der Leser Michael Schneider aus Siegburg hat den Artikel »Eine Million hab ich auf die Kacke gehauen« kritisiert (hier die ganze Geschichte ). Max Polonyi hat ihn angerufen.

SPIEGEL: Herr Schneider, Ihnen hat nicht gefallen, was ich geschrieben habe. Warum?

Schneider: Da hat einer sechs Richtige angekreuzt, sonst nichts geleistet, und Sie schreiben sechs Seiten über ihn. Der SPIEGEL hat einen begrenzten Umfang, und Sie verschwenden so viel Platz für jemanden, der mit seinen Millionen protzt. Das finde ich falsch. Ich habe nichts gegen den Mann, aber es ist zum Fremdschämen, wie er angibt. Es mag Leute geben, die das mögen, aber die lesen den SPIEGEL eher nicht. Das ist etwas für den Boulevard. Vom SPIEGEL erwarte ich andere Themen.

SPIEGEL: Welche denn?

Schneider: Mehr über das Leid in Gaza oder den Krieg in der Ukraine. Meinetwegen Feuerwehrleute, Altenpfleger, Tierschützer, Menschen, die dieses Land voranbringen und am Laufen halten. Ich lese den SPIEGEL als Nachrichtenmagazin, als »Sturmgeschütz der Demokratie«, wie Augstein einst sagte. Ich wünsche mir, bei der Lektüre wieder mehr davon zu spüren.

Mit Interesse und wachsender Sorge

Nr. 41/2025 Warum klimafreundliches Verhalten allein nichts bringt 

  • Mit Interesse habe ich den Gastbeitrag zum Klimaschutz gelesen – und mit wachsender Sorge. Die These, dass individuelles Handeln im Kampf gegen den Klimawandel irrelevant sei, halte ich für gefährlich und irreführend. Sie verkennt die Wechselwirkung zwischen persönlicher Verantwor­tung, gesellschaftlichem Wandel und politischem Fortschritt. Der Klimawandel ist ein globales Problem. Globale Lösungen entstehen jedoch nicht im luftleeren Raum. Sie sind das Ergebnis lokaler Initiativen, individueller Entscheidungen und gesellschaftlicher Bewegungen. Wer sich für klimafreundliches Verhalten entscheidet, sendet ein Signal – an Unternehmen, Politik und Mitmenschen. So entsteht Veränderung. Die Beispiele sind zahlreich und ermutigend: Barcelona und Paris setzen mit ihren 15-Minuten-Stadt-Konzepten auf lebensnahe, emissionsarme Stadtentwicklung, Skandinavien heizt fast ausschließlich mit Wärmepumpen und so weiter. Dieser Gastbeitrag trägt leider zur Lager­bildung bei, statt sie zu überwinden. Wer individuelles Engagement als bedeutungslos abtut, entwertet die Bemühungen vieler Menschen und fördert Resignation. Das ist nicht nur klimapolitisch problematisch, sondern auch gesellschaftlich gefährlich. Als Mitglied einer Organisation, die sich für Klimaneutralität im Sinne des Pariser Klimaabkommens einsetzt, appelliere ich an das Gewissen jedes Einzelnen: Es genügt nicht, sich auf gesetzliche Vorgaben zu verlassen. Wer weiß, was auf dem Spiel steht, sollte handeln – nicht weil er muss, sondern weil er will. Klima­schutz ist keine Frage der Ge­setze allein, sondern der Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.
    Sabine Back, Ulm

  • Frauke Rostalski beschreibt die »verquere Moral beim Klimaschutz« perfekt. Gerade deshalb wird ihr Beitrag den selbst ernannten »Klimaschützern« wohl die Zornesröte ins Gesicht treiben. Denn Ideologiebesessenheit schließt das Anerkennen von Fakten grundsätzlich aus.
    Uwe Fuhrmann, Monschau (NRW)

  • Als Psychotherapeutin fehlt mir in diesem Artikel die Erkenntnis der Systemtheorie, dass jede kleine Veränderung Auswirkungen auf ein ganzes System haben kann. Die globalen, nationalen und individuellen Beiträge zum Klimaschutz hängen untrennbar zusammen und sollten keinesfalls gegeneinander ausgespielt werden. Mit ihrer moralischen Verurteilung individueller Klimaschutzbemühungen als »verquer«, »sinnlos« und sogar schäd­lich ist meines Erachtens der Platz dieser Strafrechtlerin im Deutschen Ethikrat zu hinter­fragen. Dieser hat ja nicht über globale, sondern allenfalls über nationale Maßnahmen Empfehlungen an die Politik und die Öffentlichkeit auszusprechen. Nationale Maßnahmen stellt sie aber auch als sinnlos und sogar schädlich dar, bis am Sankt-Nimmerleins-Tag ein in ihren Augen »global funktionierendes Gesamt­konzept vorhanden ist«. Dieser Artikel entmutigt Menschen in ihren Selbstwirksamkeits- und Zusammengehörigkeitsgefühlen, die wir angesichts der Klima­katastrophe dringend brauchen, und lässt sie im Warten auf Lösungen von oben emotional verhungern.
    Dipl.-Psych. Hanna Tlach, Allensbach (Bad.-Württ.)

  • Herzlichen Dank, Frau Professor Rostalski, für Ihre »Richtigstellung« zum Thema Klimaschutz: Mehrfach bin ich in der Vergangenheit mit Freunden und Bekannten, die den »individuellen« Klimaschutz vertreten, in heftigen Streit geraten, weil ich ebendiesen in seiner Wirksamkeit infrage stellte. In der Tat scheinen wir nur dann weiterzukommen, wenn endlich die staatlichen Akteure gemeinschaftliche Konzepte zum Klimaschutz entwickeln und umsetzen.
    Dipl.-Ing. Bernd Keichel-Enders, Lieben­walde (Brandenb.)

  • Frau Rostalskis Freibrief für Bequemlichkeit argumentiert elegant, aber falsch. »Ob sich der Einzelne so oder anders verhält«, ist eben nicht »irrelevant«, denn wir können den Gesetzen der Physik nicht entkommen: Jedes Gramm CO₂, das wir nicht emittieren, hilft, die Erhitzung unseres Planeten abzumildern. Solange die von Frau Rostalski vage angedeuteten Verantwortlichen, »die derzeit eigentlich am Zug sind«, nichts tun, sind wir selbst am Zug – auch und gerade diejenigen, die bisher zu wenig Rücksicht aufs Klima genommen haben.
    Julia Reich, Tutzing (Bayern)

  • Der Gastbeitrag lässt sich auf den Punkt reduzieren: »Warten wir einfach ab, was die USA, China und Indien tun.« Klassisches Ablenken von der eigenen Verantwortung. Ich selbst fürchte den Tag, an dem meine Kinder mich fragen: »Papi, was hast du getan, um die Klimakatastrophe abzuwenden?« Ich vermute, der Verweis auf diesen Beitrag wird nicht hoch angerechnet.
    Matthias Heindorf, Allschwil (Schweiz)

Sollen vegetarische Produkte weiterhin Bezeichnungen wie »Wurst« tragen dürfen?

Ja

»Der arme Bürger! Den seit Jahrzehnten unter irreführender Werbung verkauften Leberkäse wollen wir mal nicht erwähnen und den falschen Hasen lassen wir auch mal lieber weg.«

Einar Jenet

Nein

»Ich als Koch mit 45 Jahren Berufserfahrung musste in meinem Leben viel Verständnis für alle Formen des Vegetarismus, Veganismus und sonstiger Ismen aufbringen, aber irgendwo hört's auf.«

Frieder Steinseifer

Das Beste über das innerdeutsche Ost-West-Verhältnis

Nr. 41/2025 Der Berliner Sozialphilosoph Wolfgang Engler analysiert die ostdeutsche Seele. Hat ihn das krank gemacht? 

  • Großes Kompliment an Alexander Osang. Sein Interview mit Wolfgang Engler ist das Beste, was ich seit Langem über das innerdeutsche Ost-West-Verhältnis gelesen habe. Englers Kapitalismuskritik (»Stand der Zivilisation«) trifft meines Erachtens den Kern des Problems.
    Dr. Michael Groß, Nesselröden (Nieders.)

  • In einem wohltuend sympathischen Ton schreibt Alexander Osang über Wolfgang Engler, der, mit seinen Lebenszweifeln und seiner kritischen Kapitalismusbetrachtung, in mir eine neue, interessierte Leserin, im Westen geboren und lebend, gewonnen hat. Es wäre gut, wenn es im SPIEGEL mehr dieser Texte gäbe. Eine weitere Stimme des Ostens, von der ich gern lese, ist Sabine Rennefanz auf SPIEGEL.de, die Ausgewogenheit im Meinungsbild erkennbar werden lässt.
    Sylvia Rosenkranz-Hirschhäuser, Weilrod (Hessen)

  • Das Übliche. Es treffen sich zwei professionelle Angeber aus dem Osten. Nackte Füße in 1000-Euro-Schuhen, 20.000 Euro für eine Psychotherapie, natürlich aus eigener Tasche, jede Menge prominente Namen und eine gehörige Portion Larmoyanz. Der Löwe ist arrogant. Er erwähnt es nicht.
    Karl Dieter Schaller, Hamburg

  • Ein Satz im Artikel über Wolfgang Engler hat mich bis ins Mark getroffen: »Er beschreibt die Selbstvergessenheit des Bürgertums, er erzählt – elegant und kühlen Blutes –, wie die vormundschaftliche Demokratie von Linken, Sozialdemokraten und Grünen in die illiberale der Populisten umschlagen kann.« So deutlich ist mir das vorher noch nie geworden.
    Dr. Thomas Bernstein, Leipzig

Zum grundsätzlichen Nachdenken angeregt

Nr. 41/2025 Autor und Regierungsberater Giuliano da Empoli erklärt, wie Autokraten und Techbosse die Welt zerstören 

  • Die Unvereinbarkeit von autokratischer und demokratischer Sicht wird klar, auch, dass es einen kämpferischen Glauben an die Richtigkeit demokratischer, liberaler Organisationen benötigt: die »europäische Vision«. Diese Einstellung entspricht meines Erachtens der christlichen Methode: »Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben« (Matthäus 10, 16b). »Ohne Falsch« bedeutet: ein­deutig, klar in der Richtung, zielstrebig. Sich anzubiedern oder zu versuchen, Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen, ist dumm. Ich bin froh, dass da Empoli die gewisse Hoffnung hat: Es lohnt sich, für die »europäische Vision« zu kämpfen.
    Annette Lukat, Wesel (NRW)

  • Das Interview hat mich beeindruckt und zum grundsätzlichen Nachdenken angeregt. Die klaren Antworten von da Empoli bestechen durch ihre fast beängstigende Sachlichkeit ohne parteipolitisches Kalkül. Ich hoffe, er behält nicht recht – und die Ratio­nalität gewinnt. Aber sicher bin ich mir nicht.
    Dr. Frank Latka, Berlin

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