Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Leserbriefe
In der Wunde
Nr. 47/2025 Titel: Die Öffentlich-Rechtlichen in der Existenzkrise
Sie beschreiben die Problematik der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten recht treffend, nur sehe ich da nirgendwo eine Existenzkrise. Auch Ihr finales Horrorszenario für die Anstaltsverantwortlichen, die massenhafte Zahlungsverweigerung der Bürger, halte ich bezogen auf Deutschland für mentalitätsfremd.
Jürgen Andrae, Kamen (NRW)Wer im Glashaus sitzt … schon erstaunlich, wie ein privatwirtschaftlicher Verlag ohne Neuigkeitswert, dafür aber mit viel Tendenz eine Titelgeschichte gegen die öffentlich-rechtlichen Medien raushaut. Beispielhaft zeigt der SPIEGEL eine Umfrage, die er mit »Vertrauensverlust« betitelt, die aber für die letzten zwei Jahre eine leichte Trendumkehr hin zu wieder höheren Zustimmungswerten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zeigt.
Wulf-Peter Schmidt, KölnSeit der Veränderung des SPIEGEL-Layouts ärgere ich (Abonnent seit 30 Jahren) mich immer wieder mal über verschiedene Dinge. Die kleine Schrift wird ja nun wieder geändert. Gut so. Was mich auch ärgert, sind übergroße Fotos, die meines Erachtens zulasten des Textes gehen. Der Titel-Aufmacher toppt jetzt aber alles. Fast zwei komplette Seiten Farbe? Was soll der Unsinn? Bitte wieder mehr Text und weniger bunt.
Frank Schmidt, MainzEs war für mich eine große Freude, diesen sehr guten Artikel zu lesen, der den Finger präzise in der Wunde platzierte und ihn dort bis zum Schluss beließ. Bitte mehr davon. Genau dafür gibt es die »vierte Gewalt«, guten, unabhängigen Journalismus: dass man den Großkopferten faktenbasiert, nachdrücklich auf die Finger schaut, sodass es bei Bedarf auch mal wehtut, und gleichzeitig den Bürgern zeigt, dass sie den teils großkotzigen Eskapaden der Mächtigen nicht immer machtlos gegenüberstehen, sofern sie sich einig sind. Tausend Dank an alle, die an der Erstellung dieser Titelgeschichte beteiligt waren.
Magdalena Olden, Füssen (Bayern)Ich verstehe die ganze Diskussion nicht. Warum muss jede Landesfunkanstalt nach Meinungsvielfalt und Interessenausgleich streben? Nun lasst doch den NDR mehr die linke Seite und den BR mehr die rechte Seite bedienen. Soll doch Julia Ruhs nur vom BR gesendet werden, und der NDR fördert weiterhin »Reschke Fernsehen«. Die Meinungsvielfalt wird durch die gesamte ARD garantiert, nicht durch die einzelnen Sender. Wenn jeder es jedem recht machen will, kommt ein Einheitsbrei heraus, dem jede Würze fehlt. Leider läuft auch der SPIEGEL dem Trend nach, ein buntes Einerlei anzubieten, um Rechten und Linken zu gefallen. Er ist dadurch fade geworden. Ich traure den Zeiten nach, als der SPIEGEL noch eindeutig linksliberal war.
Dr. Klaus Steinvorth, Norderstedt (Schl.-Holst.)Der Artikel zur ARD und der Causa Julia Ruhs hat mich leider dermaßen geärgert, dass ich jetzt meinen dritten Leserbrief in über 30 Jahren schreibe. Journalismus hat etwas mit sauberem Arbeiten und Kritik an Mächtigen zu tun. Zum sauberen Arbeiten gehört, dass es eben nicht okay ist, eine nicht repräsentative Umfrage zu zitieren und Teil der Darstellung beziehungsweise Argumentation zu machen. Es ist eben auch kein Journalismus, wenn sich Frau Ruhs damit legitimiert, dass sie Dinge anspricht, die nicht allen gefallen. Das ist erst mal nur Polemik. Genauso war auch das ganze Format von ihr: einfach schlechter Journalismus. Das hätte man locker ausarbeiten können. Und: Es gibt keinen rechten oder linken Journalismus. Da könnte ich fluchen, wenn sie das so darstellen. Journalismus hat als Aufgabe: Machtkritik. Punkt. Wenn Plattformen, die mich nichts kosten, so einen Blödsinn darstellen: Okay, da geht’s ums Emotionalisieren. Aber doch bitte nicht vom SPIEGEL.
Dirk Tabbert, BerlinDen Titel halte ich für unpassend. Sicher handelt es sich um einen unflexiblen »Koloss« (ARD und ZDF) – aber in diese Sender habe ich viel, viel mehr Vertrauen als in die »Privaten« und genieße das (sicher sehr teuer erstellte) Programmangebot außerordentlich. Ohne ARD (insbesondere auch mit den dritten Programmen) und ZDF (mit NEO und so weiter) wäre meine Abendinformation und -unterhaltung wohl eher null. Ich sehe in der Kritik eine starke und für viele ältere Menschen nicht nachvollziehbare Übertreibung. Für mich gilt: sehr hohe Kosten, jedoch auch wertvolle bis unbezahlbar gute Leistungen.
Peter Carlé, HamburgEs ist einfach dreiste und unverschämte Abzocke, wenn man für etwas bezahlen muss, das man nicht in Anspruch nimmt. Warum wird das nicht einfach so geregelt wie beim Privatfernsehen, wo man nur zahlt, wenn man es auch bestellt hat?
Silke Bestek, EssenWas habe ich von einem ÖRR, der mir hübsch ausgewogen mitteilt, manche seien für Atomkraft, andere dagegen? Das können alle anderen auch. Stattdessen wüsste ich gern, was kostet Atomkraft (ohne Schönfärberei), was nutzt sie und was sind die Risiken? Dafür brauchen wir vertrauenswürdige Medien. Deshalb wünsche ich mir einen auf Tatsachen konzentrierten ÖRR. Als Haltung reicht es, auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen.
Hans-Joachim Bock, Röhrmoos (Bayern)
»In diesem Fall haben Sie den Menschen zu viel zugemutet«
Die Leserin Barbara Geisenberger aus München hat den Text »Aus dem Kampf auf die Anklagebank« aus Heft 46 kritisiert (hier der ganze Text ). Autorin Sara Wess hat sie angerufen.
SPIEGEL: Frau Geisenberger, Sie haben sich über meinen Artikel geärgert. Warum?
Geisenberger: Ich war schockiert, weil Sie detailliert mehrere Vergewaltigungen schildern. Die Details sind überflüssig, unangebracht, zu intim. Da entstehen Bilder, die für die betroffenen Frauen sehr erniedrigend und beschämend sein können.
SPIEGEL: Ich finde, dass vage Beschreibungen die mutmaßlichen Taten verharmlost hätten. Eine schwere Vergewaltigung ist abstrakt, Details geben wieder, was laut Zeugin passiert ist.
Geisenberger: Ich verstehe Ihren Punkt. Aber ich finde gerade das Konkrete schwierig. Es bedient Voyeurismus. Es muss sich hier nicht jeder eine möglichst lebendige Vorstellung machen, um sich eine Meinung zu bilden. Die Wiederholung der Taten in Worten empfinde ich als gewaltvoll. Als Berichterstatter sollten Sie eine Art Filter sein. In diesem Fall aber haben Sie den Menschen zu viel zugemutet.
Rückgrat gezeigt
Nr. 46/2025 Leitartikel: Der Unkontrollierbare – Außenminister Johann Wadephul schadet der Regierung
Nie hätte ich gedacht, dass ich den Bayerischen Rundfunk für menschlicher halten muss als den SPIEGEL. In »Politik und Hintergrund« auf BR24 heißt es »die CDU hat kein Außenminister-, sondern ein Haltungsproblem« und sinngemäß weiter: bedient damit den Empörungsreflex der Rechtsradikalen. In meinen Augen völlig richtig und damit kontraproduktiv. Bei euch ist es dagegen ein »Außenministerproblem«. Was soll das? Den Außenminister für menschliche Regungen zu schelten, statt die Seite der Betroffenen, der »Unteren«, einzunehmen? Ernsthaft?
Dieter Hollmann, Mölln (Schl.-Holst.)Zuletzt gab es einige kritische Leserbriefe in Ihrer Rubrik »Posteingang«: kognitiv unterfordernde Themenauswahl, sinkendes intellektuelles Niveau mancher Artikel sowie generelle Entwicklung in Richtung Yellow Press. Der brillante Leitartikel »Der Unkontrollierbare« von Frau Marina Kormbaki in der letzten SPIEGEL-Ausgabe beweist eindrucksvoll: Das ist Journalismus auf höchstem Niveau.
Denis Ivanov, Offenbach am MainNein, nein, nein, Frau Kormbaki! Ich bin gar nicht einverstanden mit Ihren Interpretationen und Schlussfolgerungen. Im Gegenteil: Ich bin froh, dass wir zumindest diesen CDU-Außenminister in der Regierung haben, einen der »letzten Liberalen in der Unionsfraktion«, wie Sie selbst schreiben, einer, der nicht Ja und Amen sagt zu allem, was unser Bundeskanzler sich so einfallen lässt, und der ihn vermutlich gar in seinem außenpolitischen Handeln beeinflusst hat. Hätten wir doch bloß auch noch einen Innenminister vom Schlage eines Gerhart Baum. Dann wären uns wohl die unglücklichen Äußerungen des Bundeskanzlers zum »Stadtbild« erspart geblieben. Noch leben wir in einer Demokratie. Und das sollte bedeuten, dass der Bundeskanzler – trotz Richtlinienkompetenz – auch auf seine Minister und Ministerinnen hört.
Christel Lauterbach, Hungen (Hessen)Ja, Wadephul ist mit seinem Mitgefühl der eigenen Partei in die Abschiebeparade gegrätscht, jetzt stehen diverse Parteigranden als herzlos da. Aber was hätte Wadephul sonst machen sollen? »Ach, das ist aber schön hier und die Häuser so luftig. Ein Abenteuerspielplatz für die Kinder, diese Schuttberge, und so spannend mit den Minen.« Irgendwie war das für ihn wohl keine Option.
Jürgen Focke, DüsseldorfZum Glück geschieht es immer wieder mal, dass wir einen Politiker oder eine Politikerin in einer Situation als Menschen mit Gefühlen und ganz eigenen Grundhaltungen erleben, wo keine Ideologie und kein Parteiprogramm im Vordergrund stehen. Da befindet sich der Außenminister mitten in Syrien, in einem grausam und sinnlos zerstörten Land, das weitgehend Ratten und Geiern ein Zuhause bietet, aber nur wenigen Menschen. Und in diesem Kessel der Zerstörung, des Leids und maßlosen Unheils fällt aus der Seele des Außenministers der Satz über die bei uns lebenden syrischen Menschen: »Kurzfristig können sie nicht zurückkehren.« Unabhängig von allem Parteiengezänk in Deutschland, und nur darum konnte es in dem Augenblick gehen, war das der einzig menschlich angemessene Ausdruck eines Politikers, der zuallererst auch ein Mensch ist. Es gibt Sachverhalte, da gilt es, dass Parteidisziplin und Koalitionsverträge hintenanstehen, um das Menschliche zu retten, zu dem wir in letzter Konsequenz als Mitmenschen verpflichtet sind. Wie kaltherzig und inhuman wirkt da das politische Umfeld von Herrn Wadephul, allen voran der Fraktionsvorsitzende der CDU Jens Spahn mit seiner Forderung nach Patriotismus von syrischen Menschen.
Georg Schützler, Ludwigsburg (Bad.-Württ.)Schon möglich, dass Merz und Wadephul nicht wirklich harmonieren. Gerade deswegen braucht es aber jemanden wie Außenminister Wadephul in der Regierung, da er Merz’ Politik eine dringend nötige empathische Haltung entgegensetzt, für Menschen, die nicht Kampf und Krieg und Härte sehen wollen. Dass der harte Kurs von Merz, Dobrindt, Spahn und Co. rein gar nichts zur Schwächung der AfD beiträgt, ist inzwischen offensichtlich. Im Zweifel sollte man sich doch für Menschlichkeit und Integration bemühen und nicht versuchen, zu polarisieren und um die Wählerschaft einer rechtsextremen Partei zu buhlen. Das Bild von Politikern, die sich von der AfD am Nasenring durch die Manege führen lassen, passt dabei leider genau (besonders im Fall des Innenministers, der sich nicht einmal an Einreisezusagen aus Afghanistan hält). Vielleicht also doch ein bisschen Merkel in Form von Herrn Wadephul, um wenigstens den Anschein von humaner Politik zu wahren? Ob es dem Ansehen und dem Einfluss des Landes wirklich schadet, wenn man ehrlich ist und Rückgrat zeigt?
Andrea Bauer, Oberammergau (Bayern)
Ja
»Pistorius ist ein diplomatisches Meisterstück gelungen. Er hat Kanzlerformat.«
Ulrich Holzhauer
Nein
»Eigentlich ja, mir fehlt aber die Frauenmusterung. Das sagt eine Frau, die ihr Leben lang für Gleichstellung gekämpft hat.«
Sigrid Puschmann
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Papier reicht nicht mehr
Nr. 46/2025 Rückzieher beim Klimaschutz – nur China macht Hoffnung
Es ist erschütternd, mit welchen Argumenten die CO₂-Reduzierung ausgesetzt wird. Der Klimaschutz wird herausgezögert, um vermeintlich Kosten zu sparen. Auch die Reparaturen der Umweltverschmutzung leiden darunter. In 20 Jahren, vielleicht auch früher, wird das ganze generierte Geld der Weltwirtschaft nicht reichen, alle Schäden zu kompensieren. Ein Blick auf die deutsche Autoindustrie, die uns angeblich so viel Wohlstand brachte: Da möchte ich meinen, dass die Straßen und Brücken doch alle in Ordnung sein müssten. Aber das Geld, das die Autoindustrie generiert, reicht nicht dafür. Auch andere Schäden wie Feinstaub, Mikroplastik und CO₂-Ausstoß müssen durch Schulden der Regierung gerichtet werden.
Lothar Buss, DarmstadtPapierene Beschlüsse, etwa auch von der bevorstehenden Klimakonferenz in Brasilien, reichen jetzt nicht mehr. Ein halbes Jahrhundert nach dem vom Club of Rome vorgelegten Bericht »Grenzen des Wachstums« muss man sich endlich vom Fetisch des bisher enormen Wirtschaftswachstums verabschieden. Auch das Wachstum der Weltbevölkerung – in den letzten 50 Jahren eine Verdoppelung von 4 Milliarden auf jetzt 8,2 Milliarden Menschen – hat das Klima beeinträchtigt und kann so nicht weitergehen. Ohne klugen Verzicht und weise Selbstbeschränkung des Homo sapiens bliebe der Klimaschutz nur Papier.
Dr. Hans Christian Hummel, Hannover