Abschied von Günter Grass "Der König der Spielzeughändler"
Abschied von Günter Grass: "Der König der Spielzeughändler"
Foto: Daniel Bockwoldt/ dpaDer Tod, das wissen wir von Rilke, ist groß. Fast ebenso groß war nun die Gedenkfeier, die in der Stadt Lübeck für Günter Grass ausgerichtet wurde. Schließlich war auch der ein Großer, eine der übermächtigen Figuren der bundesdeutschen Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
900 Gäste aus Politik und Kulturbetrieb waren ins Lübecker Theater gekommen, um Abschied zu nehmen. Hauptredner war John Irving. Der, selbst Schriftsteller, sagte: "Es gibt keine Schriftsteller mehr - keine wie ihn." Grass habe immer verlangt, man müsse zornig bleiben. Nicht nur in dieser Hinsicht nehme er seinen Freund als Vorbild.
Grass-Gedenkfeier: "Es gibt keinen mehr wie ihn"
Der US-Amerikaner, weltberühmt durch Romane wie "Das Hotel New Hampshire", erinnerte an den Spielzeughändler aus Grass' berühmtestem Roman "Die Blechtrommel". Er wisse jetzt, wie sich Oskar Matzerath gefühlt habe, als dieser Sigismund Markus, von den Nazis in den Selbstmord getrieben, plötzlich nicht mehr da war. "Günter Grass war der König der Spielzeughändler. Jetzt hat er uns verlassen und alles Spielzeug aus dieser Welt mitgenommen", so Irving.
Er erinnerte an Grass' Erfolgsroman "Der Butt" aus den Siebzigerjahren und auch an eines dessen fast vergessener Bücher, das 1969 erschienene "Örtlich betäubt": Darin setzt ein Schüler einen Hund in Brand, um das Gewissen der Berliner wachzurütteln.
"Stinkende Realität"
Kulturstaatsministerin Monika Grütters würdigte den Literaturnobelpreisträger als unerschütterlichen Mahner, der sich nicht zu schade gewesen sei, sich immer wieder mit der "stinkenden Realität" auseinanderzusetzen. "Günter Grass steht wie kaum ein anderer für den Künstler als kritisches Korrektiv demokratischer Politik."
Als Christdemokratin war Grütters in Lübeck fast eine Exotin. Unter den Gästen waren zahlreiche SPD-Politiker. Grass hatte die Partei jahrzehntelang unterstützt, für Willy Brandt zog er in den Sechzigern in den Wahlkampf und ließ sich mit Eiern bewerfen.
Der heutige SPD-Chef Sigmar Gabriel betonte, Grass habe bis zuletzt auch gegenüber der SPD immer sein Prinzip der "kritischen Solidarität" gelebt. "Er hat mir immer wieder Ratschläge gegeben, auch ungebeten. Am meisten wird mir der Schriftsteller Günter Grass fehlen."
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig, auch er SPD, sagte: "Günter Grass war ein kolossal mutiger Mensch", denn er habe sich immer wieder ohne Rücksicht auf sich selbst eingemischt. "Günter Grass wird fehlen. Als Schreiber ebenso wie als Störenfried."
Die Redner sparten das späte Grass-Bekenntnis von 2006 nicht aus, kurz vor Kriegsende zur Waffen-SS eingezogen worden zu sein. "Beinahe tragisch angesichts seiner großen Verdienste um den geistigen und moralischen Wiederaufbau der Bundesrepublik war seine späte Offenbarung", sagte die Kulturstaatsministerin.
Und auch der Streit über das Grass-Gedicht "Was gesagt werden muss", in dem Grass 2012 die Atomwaffen-Politik Israels scharf kritisiert hatte, kam zur Sprache. Dies sei das typische "dennoch" von Grass: "Er hat an Israel geglaubt. Gerade deshalb kritisierte er dessen Regierung. Harsch und konfrontativ", fügte Albig hinzu - ein unnötig vereinfachender Schlenker, mit der SPD-Politiker der prekären Sicherheitslage Israels ebenso wenig gerecht wurde, wie den pauschalen, wenig differenzierten Versen von Grass.
Der Autor Adolf Muschg sagte am Rande der Gedenkfeier, Günter Grass sei einer der wenigen Jahrhundertdichter. Der 33-jährige Schriftsteller Benjamin Lebert, von Grass gefördert, bedauerte: "Ich habe einen literarischen Großvater verloren." Der Schauspieler Mario Adorf, der ein Gedicht Grass' vortrug, lobte, Grass habe sich nie einfach zurückgelehnt, sondern seine Stimme erhoben.
Auch andere Sozialdemokraten würdigten Grass. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte: "Er war für mich ein kluger und sehr kritischer Ratgeber." Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz bekannte, Grass habe "uns alle fasziniert". "Er war ein Demokrat, der sich immer eingemischt hat." Und Nordrhein-Westfalens Regierungschefin Hannelore Kraft bekannte: "Mir fehlt der Mensch Günter Grass."
In der Gedenkfeier las Grass' Tochter Helene das Gedicht "Mir träumte, ich müsste Abschied nehmen" aus dem 1986 erschienenen, damals von der Kritik heftig gezausten Roman "Die Rättin". Darin heißt es: "Ich schreibe zum Schluss meinen Feinden ein Wort: Schwamm drüber - oder: Es lohnte den Streit nicht. Auf einmal habe ich Zeit."
Mehrmals kam die Geburtsstadt von Grass, Danzig, zur Sprache. Das Oberhaupt Danzigs, Pawel Adamowicz, dankte Grass für seinen Einsatz für Danzig und Polen.
Der Literaturnobelpreisträger war am 13. April 2015 im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben. Er wurde bereits Ende April im engsten Familienkreis in seinem langjährigen Wohnort Behlendorf im Süden Lübecks beigesetzt.