Interview mit Autorin Ramita Navai "Das Problem ist nicht der Islam, sondern unterdrückte Sexualität"
Ramita Navai
Foto: Graeme RobertsonEin Mann im Rollstuhl kommt ins Polizeirevier, neben ihm seine Frau in Handschellen. "Ja, meine Frau ist eine Prostituierte!", brüllt er. Er kann nur noch seinen linken Arm bewegen, mit ihm fuchtelt er in der Luft herum. "Sie verkauft ihren Körper für Geld, weil es die einzige Möglichkeit ist, meine Medizin zu bezahlen. So behandelt die Islamische Republik ihre Kriegsveteranen!" Er ist aufgebracht, weil die Polizei seine Frau ins Gefängnis werfen will. "Denkt ihr etwa, wir wollen so ein beschissenes Leben führen?" Die Polizisten lassen die Frau laufen.
Iraner müssen lügen, um ihr Gesicht zu wahren, um sozial akzeptiert zu sein, um zu überleben in einer Gesellschaft, die hohe moralische Ansprüche an ihre Mitglieder stellt, sagt die frühere "Times"-Korrespondentin Ramita Navai. "Aber natürlich gibt es überall Alkohol, Drogen, und natürlich leben die Menschen ihre Sexualität aus."
Geboren in Teheran, floh Ramita Navai mit ihren Eltern als Achtjährige vor der Islamischen Revolution. Heute lebt sie in London und reist immer wieder in ihre alte Heimat. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über sexuelle Unterdrückung, Doppelmoral und ihr neues Buch "Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran", das gerade auf Deutsch erschienen ist. Lesen Sie Ihre Einschätzung zur iranischen Gesellschaft.
Besucherinnen auf dem Fernsehturm in Teheran
Foto: Morteza Nikoubazl/ REUTERSSPIEGEL ONLINE: Frau Navai, Ihrem Buch merkt man zwischen den Zeilen Ihre Liebe für Teheran an - man kann es aber auch als harsche Kritik an der Stadt lesen. Werfen Ihnen Iraner Nestbeschmutzung vor?
Navai: Interessanterweise kommen solche Töne nur von Iranern, die nicht in Iran leben. Zwar sind sie selbst sehr kritisch gegenüber den Mächtigen dort, aber sie mögen keine Kritik, die ein größeres Publikum erreicht. 'Warum wäscht du unsere Schmutzwäsche in aller Öffentlichkeit?', fragen sie. Ich habe gelernt, dass Iraner im Ausland sehr altmodisch, chauvinistisch und nationalistisch sein können.
SPIEGEL ONLINE: Woher rührt dieses Unbehagen gegenüber öffentlicher Kritik?
Navai: Ich glaube, viele Iraner wollen unbedingt als gebildet und kultiviert wahrgenommen werden. Aber jede Gesellschaft hat auch ihre hässlichen Seiten. Wir sollten nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Das passt diesen Leuten aber nicht.
SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch geht es viel um sexuelle Unterdrückung.
Navai: Ja, sie hat eine unglaubliche Auswirkung auf unsere Gesellschaft. Zwar gibt es Freiräume, zum Beispiel unter Freunden. Aber gesamtgesellschaftlich liegt noch ein langer Weg vor uns. Die Regierung mischt sich in private Bereiche ein und macht Vorschriften, obwohl sie hier absolut nichts verloren hat. Diese Verklemmtheit und Unterdrückung führt oft dazu, dass man über seine Sexualität lügen muss.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Beschreibung trifft auch auf Karatschi oder Kabul zu. Würden Sie das als islamisches Problem bezeichnen?
Navai: Das Problem ist nicht der Islam, sondern unterdrückte Sexualität. Schauen Sie nach Indien, wo es sehr viel sexuelle Gewalt gibt, und wir reden hier nicht nur über Muslime, sondern über Hindus. Ja, die "Stadt der Lügen" könnte überall auf der Welt sein. Aber in Teheran ist die Lage auf gewisse Weise extrem. Weil die Wahrheit oft lebensbedrohlich ist, sind Freundschaft und vertraute Kreise dort besonders wichtig. Die sexuelle Unterdrückung führt zu Gewalt und zu maßlos übertriebener Form von Sexualität. Prostitution zum Beispiel ist offiziell verboten, aber man findet sie in Teheran überall. Viele Frauen bieten sich ganz offen auf Facebook an.
SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, man müsse in Teheran lügen, um zu überleben. Wie meinen Sie das?
Navai: Egal, ob man eine außereheliche Affäre hat, homosexuell ist oder was auch immer, es geht ums soziale Überleben, um Gesichtswahrung, aber auch im wahrsten Sinne des Wortes ums Überleben. Darum, nicht umgebracht zu werden. Man ist also gezwungen zu lügen.
SPIEGEL ONLINE: Welche Lügen sind Ihnen besonders häufig begegnet?
Navai: Unverheiratete Frauen sprechen nicht über ihre Beziehungen, weil sie nicht als sexuell freizügig gelten wollen. Lügen gibt es aber auch in anderen Lebensbereichen. Fast jeder trinkt Alkohol, aber niemand würde es öffentlich zugeben. Selbst in religiöser Hinsicht wird gelogen: Ein Atheist würde nie zugeben, dass er nicht an Gott glaubt. Gäbe er es zu, könnte er hingerichtet werden.
SPIEGEL ONLINE: Warum begehren Menschen nicht auf gegen diese Unfreiheit?
Navai: Die Menschen haben Angst. Sie haben gesehen, wie die Proteste 2009 brutal niedergeschlagen wurden. Sie sehen, in welche Richtung sich Länder wie Irak oder Syrien entwickeln. Aber in Iran, hoffe ich, entwickeln sich die Dinge langsam in die richtige Richtung. Durch Satellitenfernsehen und das Internet blicken Iraner in die ganze Welt und lernen, welche Freiheiten es gibt. Es wird zum Beispiel immer gewöhnlicher, dass unverheiratete Paare zusammenleben. Vor ein paar Jahren wäre das undenkbar gewesen.
SPIEGEL ONLINE: Die meisten Ehen in Iran dürften aber, wie in vielen anderen Ländern auch, von den Eltern arrangiert werden.
Navai: Das stimmt, aber die übliche Variante ist, dass man sich verliebt und die Eltern dann der Form halber die Ehe arrangieren. Im heutigen Iran heiratet kaum eine Frau einen Mann gegen ihren Willen. Zwangsehen sind die absolute Ausnahme. Es gibt eine Art analoges Tinder, meine Großmutter kannte das schon: Eine junge Frau bekommt von ihren Eltern einen Stapel mit Fotos und wählt daraus denjenigen, den sie näher kennenlernen möchte. Selbst in religiösen, konservativen Familien gibt es Liebesheiraten.
SPIEGEL ONLINE: Macht Ihnen Sorge, dass Xenophobe Ihr Buch als Argumentationshilfe nutzen könnten?
Navai: Wenn man aus islamischen Ländern über Terror, häusliche Gewalt oder Fälle von Pädophilie berichtet, werden das solche Leute immer für ihre feindseligen Ansichten nutzen und behaupten: 'Seht her, so sind die Muslime!' Aber das darf mich natürlich nicht davon abhalten, kritisch über Kritikwürdiges zu schreiben. Letztlich trage ich nur so dazu bei, die Verhältnisse zu verbessern. Und genau das wünsche ich ja den Menschen in Teheran.
Ramita Navai:
Stadt der Lügen
Liebe, Sex und Tod in Teheran.
Kein & Aber; 352 Seiten; 22 Euro.
Buch bei Amazon: "Stadt der Lügen" von Ramita Navai Buch bei Thalia: "Stadt der Lügen" von Ramita Navai