Peter Handke wird in Serbien mit Preisen überhäuft: Überfall mit Orden - DER SPIEGEL
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meinung •Schriftsteller Peter Handke in Serbien Überfall mit Orden

Eine Einordnung von Elke Schmitter
Der Schriftsteller Peter Handke reist durch Serbien und wird mit Preisen überhäuft. Angeblich hat er nicht damit gerechnet. Dass er jetzt in einer Reihe mit Kriegsverbrechern steht, stört ihn nicht.
Der österreichische Autor Peter Handke erhält den Orden der Republika Srpska von der Präsidentin der Republik, Željka Cvijanović
Der österreichische Autor Peter Handke erhält den Orden der Republika Srpska von der Präsidentin der Republik, Željka Cvijanović

Der österreichische Autor Peter Handke erhält den Orden der Republika Srpska von der Präsidentin der Republik, Željka Cvijanović

Foto: Radivoje Pavicic / AP / picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der österreichische Nobelpreisträger Peter Handke ist in diesem Frühjahr von seiner Wahlheimat Paris nach Serbien gefahren und hat dort in Freundschaft und Ehrungen geschwelgt. Dreierlei nahm der 79-jährige Autor entgegen, einmal den Ivo-Andrić-Preis (benannt nach dem jugoslawischen Diplomaten und ebenfalls mit dem Nobelpreis gekrönten Schriftsteller), den »Orden des Karadjordje-Sterns der ersten Stufe« und dann noch den höchsten Orden der Republika Srpska. Das ist jener Teil Bosnien-Herzegowinas, der nach dem Jugoslawien-Krieg durch ethnische »Säuberungen« nahezu »rein« serbisch wurde und es, durch völkisch-nationalistische Politik, in weiten Teilen auch geblieben ist.

Handke teilt diesen Preis mit den schriftstellernden Kriegsverbrechern Ratko Mladić und Radovan Karadžić, beide zu lebenslanger Haft verurteilt, sowie dem serbischen Rechtsradikalen Vojislav Šešelj. Auch mit einem Denkmal zu seinen Ehren ließ der Dichter sich würdigen, eine traditionelle Darstellung des Dichters mit allerdings übergroßem Kopf.

Nichts von all dem überrascht. Handkes Parteinahme für die serbisch-nationalistische Darstellung der Geschichte ist bekannt; zuletzt bei der Entgegennahme des Nobelpreises in Stockholm sorgte sie für Proteste. Die Tatsachen der Jugoslawien-Kriege sind unbestritten, aber was sind die passenden Worte? Die serbischen Nationalisten können sich darauf verlassen, dass Peter Handke jene findet, die haarscharf am Justiziablen vorbeigehen, bosnisch-muslimische Opfer schmähen und serbische Täter salvieren. Die Überlebenden des größten Massakers der Balkankriege bezeichnete Handke beispielsweise als »sogenannte Mütter von Srebrenica« – denn er, wäre er Mutter, würde »im Stillen trauern«. Und das »serbische Volk« (die politische Opposition spielt bei ihm keine Rolle) hat »zugleich so viel Schwermut und Optimismus in sich« wie kein anderes.

So zitierte ihn eine Belgrader Zeitung. Michael Martens, Osteuropa-Korrespondent der »FAZ«, berichtete über die Handke-Reise  und fragt: »Hat Hermann Löns je Schöneres über die Lüneburger Heide und ihre Menschen gesagt?« Und vielleicht war es ja dieser ätzende Spott, der Vergleich mit einem Heidedichter und Journalisten, der Handke zu einer Erwiderung an die »FAZ« provozierte. Unter dem Titel »Seelenheimat Sprache«  heißt es, dass er »auf die beiden offiziellen Auszeichnungen während dieser Reise mitnichten gefasst war«. Der »einzige große Reisegrund« sei der Andrić-Preis gewesen.

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Der träumerische Dichter, von Wegelagerern mit Orden überrascht? In seiner Entgegnung auf Handkes Leserbrief, die bald auf der Website des Zsolnay-Verlages veröffentlicht werden soll, erinnert Martens daran, dass der Karadjordje-Orden für »außerordentlichen Einsatz für Serbien und die Serben« bereits im Februar 2020 verliehen wurde, in – vielleicht coronabedingter – Abwesenheit; die andere Preisung war in den serbischen Medien ebenfalls angekündigt. »Man wird Serbiens Präsidenten deshalb eine Rüge nicht ersparen können«, so der Korrespondent, unter anderem Verfasser einer brillanten Andrić-Biografie. »Dass er und sein Apparat Handke die Ehrung bis zuletzt verheimlicht haben, ihn also im vergangenen Jahr von der Verleihung nicht in Kenntnis gesetzt und den Schriftsteller nun offenbar unter irgendeinem Vorwand in den Präsidentenpalast gelockt haben, um dort mit einem Orden über den Ahnungslosen herzufallen, sollte unter Freunden nicht Usance sein.«

Es ist allerdings bei Peter Handke Usance, mit Nebelkerzen zu werfen, wo einmal Pulverdampf war. Nun geht er darüber hinaus. An die FAZ schreibt er, in dem Versuch, die Arbeit des Korrespondenten zu diskreditieren: »Daß ich in Banja Luka von mir gegeben haben soll: ›Das ist ein großer Augenblick für mich‹ ist Unsinn.« Allerdings ist dieser Satz wörtlich aus den serbischen Medien zitiert . Durch seine jüngste Ehrung in einer stolzen Reihe mit zwei verurteilten Kriegsverbrechern zu stehen, ist für den Autor, nach wie vor, kein erwähnenswertes Problem. Für seine Verehrerinnen und Verehrer – und auch für seinen Verlag – sollte es eines sein.

Anmerkung der Redaktion: Gegenüber der ursprünglichen Fassung haben wir den Text ergänzt um einen Beleg, dass serbische Medien Handke zitieren mit den Sätzen: »Ich bin glücklich, hier zu sein. Das ist ein großer Augenblick für mich.« In Handkes Darstellung war diese Behauptung des FAZ-Korrespondenten »Unsinn«.