Gesellschaftskritik Lust ist Klassenkampf
Über 100 Jahre lang galt er als Satan der Pornographie und als geisteskranker Dracula der Weltliteratur. Seine Ausschweifungen brachten ihn in die Bastille, seine Werke ins Irrenhaus. Sein Name wurde zum Begriff für sexuelle Gewaltlust: Aus dem Marquis de Sade wurde der Sadismus.
Jetzt hat zum erstenmal ein junger Wiener Marxist, Michael Siegert, 32, de Sade als radikalen Satiriker der Gesellschaft seiner Zeit entdeckt. Er sieht in ihm einen Ankläger, der die Grausamkeiten des frühen Kolonialismus und Kapitalismus entlarvt. Sade ist für Siegert ein »sexualökonomischer Frühsozialist«, der die Habgier der herrschenden Klassen -- des Adels, des Klerus und des Bürgertums -- bloßstellt und die Fragwürdigkeit der Gewaltlust bewußt macht, indem er sie durch Übertreibung verfremdet*.
Damit widerspricht Siegert allen bisherigen Sade-Interpreten. Sie deuteten den Marquis
* als pathologischen Fall, als Triebtäter und verruchten Sex-and-Crime-Schreiber;
* als ersten großen Erforscher menschlicher Sexualität, der als Analytiker ihrer Perversionen Entdeckungen Freuds vorwegnahm;
* als Vorläufer Nietzsches, als Verkünder einer Welt der Gewalt, in der freilich das Recht des Stärkeren nur noch ohnmächtige Revolte ist, Demgegenüber lautet Siegerts sozialistische Sade-Perspektive: »Sade ist der Sexualreporter der ursprünglichen Akkumulation, wie Marx ihr Theoretiker ist. Die reale Existenz des Bösen ist eine ökonomische und ihr Medium ist nicht zuletzt die Sinnlichkeit.«
In der Tat kann Siegert auf überraschende Textkongruenzen von de Sade und Marx verweisen. So zitiert er eine berühmte Stelle aus dem »Kapital« von Marx, wonach »die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära« nicht nur durch die Plünderung der Gold- und Silberschätze Mittel- und Südamerikas gekennzeichnet wurde, sondern auch durch die »Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingeborenen Bevölkerung in die Bergwerke«, durch die
* Michael Siegert: »De Sade und Wir«. makol Verlag, Frankfurt; 264 Seiten; 10 Mark.
begonnene Eroberung und Ausraubung Ostindiens, und schließlich durch »die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute«.
Eben diesen Zusammenhang zwischen kolonialer Gewalt und ursprünglicher Kapitalbildung, in der die Gewalt selbst als ökonomische Produktivkraft ungeheure Profite einbrachte, kannte bereits auch der Marquis de Sade.
In seinem politisch-utopischen Briefroman »Aline und Valcour« (1795) heißt es: »Solange im Gold der Reichtum der Staaten gesehen wird, braucht es Muskeln, um es ihr (der Natur) zu entreißen ... Ohne Zweifel haben die Weißen aus diesem Grund die Schwarzen unterworfen, wie sie auch die anderen unterwerfen könnten. .
Die »ökonomische .Rechtfertigung"« der Morde in Sades Romanen leitet Siegert aus dem spanischen Völkermord an den Indianern ab. Er verweist dabei auf den Augenzeugenbericht des Bischofs Las Casas an Kaiser Karl V. wonach von 1518 bis 1530 in Amerika vier Millionen Indianer umgebracht worden sind. Siegert: »Wenn Gold Lust bringt und zur Goldbeschaffung Menschen sterben müssen, dann ist Mord doppelt lustvoll und doppelt gerechtfertigt.«
Freilich erkannte Sade auch schon -- ähnlich Marx -- die ökonomische Sinnlosigkeit kolonialer Gewalt, die im Falle Portugals zur völligen Verschuldung gegenüber England geführt hatte: »Bis 1754 sind mehr als zwei Milliarden aus den brasilianischen Bergwerken in dein Königreich gebracht worden, und trotzdem besaß deine Nation zu dieser Zeit keine fünf Millionen Taler: Ihr schuldet den Engländern 50 Millionen ... Wenn euer Gold euch so arm macht, warum opfert ihr dann soviel, um es aus der Erde zu holen?«
Marx verallgemeinerte: »Das Kolonialsystem mit seinem Seehandel und seinen Handeiskriegen diente ihm (dem System der Staatsschulden) als Treibhaus ... Die Staatsschuld, d. h. die Veräußerung des Staats -- ob despotisch, konstitutionell oder republikanisch -- drückt der kapitalistischen Ära ihren Stempel auf.
Auch über die Klassenjustiz, die Gewalt und Diebstahl der Herrschenden gesetzlich deckt, sind Sade und Marx einer Meinung. Sade im Roman »Juliette": »Wenn der arme Landmann, durch die ungeheuren Steuern ... an den Bettelstab gebracht, seinen Pflug sinken läßt und zur Waffe greift und dir auf der Landstraße auflauert, wenn man diesen Menschen bestraft, begeht man eine große Infamie.« Und Marx im »Kapital": »So wurde das von Grund und Boden gewaltsam ... verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht« -gebrandmarkt, -gefoltert.«
Mit seinen Marx-nahen Einsichten -- zu denen auch die ironische Ableitung des bürgerlichen Eigentumsrechts aus dem Diebstahl gehört -- ist Sade der neben Diderot »brillanteste Dialektiker der Aufklärung«. Denn er beschreibe entartete Herrschaft, indem er »Gewalt in das sexuelle Spiel« einbezieht.
Da aber die Entartung der Herrschaft im frühen Kolonialismus und im modernen Imperialismus -- die spanische Eroberung Amerikas und Auschwitz -- eine »tiefe strukturelle Beziehung« aufweist, entdeckt Siegert in den satirisch verfremdeten und surrealistisch überhöhten Gewaltmenschen und Gewaltszenen Sades auch die Umrisse eines neuen Zeitalters der Gewalt: »Die Regression der Herrschaftsmethoden die Sade literarisch darstellt, ist im Faschismus soziale Realität geworden.«
So antizipiert Sade in den Mordphantasien seines Ministers Samt-Fond bereits das, was die »ultimative Steigerung des Klassenkampfs von oben« ist: den Genozid oder Völkermord.
Siegert vergleicht denn auch Samt-Fond mit Hitler: »Der große Mord ist, bei Sades Samt-Fond wie bei Hitler, die mythische Negation der Revolution. Sades ... Samt-Fond (er wird gelegentlich mächtiger denn der König' bezeichnet) will mit dem Genozid der Revolution zuvorkommen. Hitler, Erbe der verpfuschten deutschen Revolution, will für alle Zeiten den Typ des Aufrührers, des Angreifers auslöschen, den er im Juden verkörpert sieht.«
Daß der radikale Intellektuelle Sade sogar die bürgerliche Französische Revolution links überholte und die Lehren von Marx, Trotzki und Mao über die Revolution in Permanenz vorwegnahm, zeigte Siegert an einem Beispiel aus Sades »Philosophie im Boudoir« (1795). Sade hatte zeitweise als Sekretär der jakobinischen »Sektion der Piken« an der Revolution teilgenommen. war dann jedoch als Gemäßigter verhaftet und nur durch den Tod Robespierres vor der Hinrichtung bewahrt worden.
Der angeblich Gemäßigte forderte schließlich die permanente Kontrolle der Gesetze und der Herrschaft durch das Volk: »Der moralische Zustand ist ein Zustand der ewigen Bewegung, der notwendig zum Aufstand führt. Und der Republikaner muß den Staat, dem er angehört, ständig in Revolution halten.«