MUSIK Menuett im Reich der Mitte
Nein, keine besonderen Kennzeichen: Er tritt wie ein richtiger Pianist in Erscheinung. Lässig schreitet er über die Bühne der Konzerthalle in Pekings Verbotener Stadt, macht brav seinen Diener und setzt sich locker auf den Hocker vor seinem Flügel. Mozart wird er darbieten, das kleine A-Dur-Klavierkonzert (KV 414), technisch nicht gerade ein Werk voll biestigem Fingerhakeln.
Doch, o Amadeus, der Versuch schlägt fehl, der Spieler böse daneben. Die Triller holpern, die Läufe stolpern, ein paar Mal kommt der Solist sogar aus dem Takt und ins Schleudern. Und wenn schon: Nach 27 Minuten schlägt Theo Lieven, 48, mit Wuppdich den Schlussakkord - geschafft. Für den Strahlemann mit Drei-Tage-Bart ist Happy End, und das chinesische Publikum entlässt ihn mit höflichem Beifall.
Ob Mozart in Peking oder Verdi in Schanghai, ob Operngala in Reinkultur oder Piano-Demo eines ehrgeizigen Dilettanten - im Reich der Mitte hat die abendländische Tonkunst neuerdings Hochkonjunktur; China, keine Frage, strebt auch e-musikalisch zur Weltmacht.
Vor gut 20 Jahren, als der Geiger Isaac Stern durch das Land der Großen Mauer tourte und seine Expedition durch den (später Oscar-prämiierten) Dokumentarfilm »Von Mao zu Mozart« weltweit bekannt machte, galt das Riesenreich bei klassischer Musik fast noch als Entwicklungsland. Doch spätestens seit der Liberalisierung des Handels setzt auch der Kulturbetrieb der kommunistischen Volksrepublik auf weltoffenen Wandel. Und nirgends klappt die Wende leichter und politisch unverfänglicher als in der Musik, dem Esperanto aller Schöngeister.
Inzwischen betreibt China mit Tonwaren blühenden Im- und Export. Gastspiele der Berliner Philharmoniker beispielsweise und der Dresdner Staatskapelle oder Recitals der Violinistin Anne-Sophie Mutter und der Starpianistin Martha Argerich sind schon lange keine exotischen Sensationen mehr.
Nachdem im September 1998 die Puccini-Oper »Turandot« vor dem Pekinger Kaiserpalast als das mit 15 Millionen Dollar teuerste Projekt der Theatergeschichte inszeniert worden ist, gilt ein Reißer wie Verdis »Aida«, der Anfang November beim Zweiten Kunstfestival in Schanghai mit über 3000 (auch vierbeinigen) Mitwirkenden für ein Zehntel der Kosten in Szene ging, fast schon als Ereignis zweiter Wahl.
Wichtiger als derlei Luxustermine mit Billettpreisen von über 1000 Dollar sind indes die weniger spektakulären Veranstaltungen, die bei bezahlbaren Tickets ausgefallene Programme bieten. Die landeseigenen Symphoniker - allein Peking hat sieben Klassik-Orchester - spielen das etablierte Repertoire heute genau so selbstverständlich und fast so routiniert wie die Klangkörper des Abendlandes. Europäische und amerikanische Kammermusik-Formationen sind fast ständig im Land unterwegs. Innerhalb von 13 Tagen gab das Landesjugendorchester Nordrhein-Westfalen jüngst neun symphonische Abende in acht chinesischen Städten; diese Woche startet das Symphonieorchester der BBC London zu seinem Debüt im Reich der Mitte.
Aber die Volksrepublik erbringt auch längst imposante Eigenleistungen und wirft sich dabei sogar in Schale. In Schanghai wurde vor zwei Jahren ein 300 Millionen Mark teures Opernhaus eröffnet, mit 32 000 Quadratmetern Fläche hinter Aluminium- und Glasverkleidung. Schon bald will die Hauptstadt Peking, die ewige Zweite, mit einer vergleichbar prunkvollen Singstätte nachziehen.
Noch dieses Jahr wird das Land mit dem »China Philharmonic Orchestra« erstmals einen mit 120 fest angestellten Musikern stattlichen Klangkörper zwecks internationaler Repräsentanz auf die Beine stellen. Der in Deutschland ausgebildete Kapellmeister Yu Long hat, als künftiger Chefdirigent, zur offiziellen Taufe am 16. Dezember Musik von Wagner, Tschaikowski, Brahms und Schönberg gewählt und erwartet zur Feier des Tages höchste Politprominenz. Sein Fernziel: Das aus Spitzenspielern des Landes formierte Ensemble auf Top-Niveau zu liften - Peking soll gleichsam seine Berliner Philharmoniker haben.
Allerdings ist das Musikleben made in Germany für die Chinesen durchaus nicht nur Vorbild. Was in deutschen Lehrplänen verkümmert, ist in China von Staats wegen Ehrensache: die musikalische Nachwuchsförderung. »Wir haben heute überall Grund-, Mittel- und Hochschulen, die systematischen Musikunterricht erteilen«, sagt die seit 45 Jahren lehrende Klavierprofessorin Zhou Guangren dem SPIEGEL, als sie im Pekinger Konservatorium Teenager zur Eignung für einen Meisterkurs abhorcht: »Der Andrang ist enorm, der Anspruch hoch; alle spielen Menuette von Mozart, Sonaten von Beethoven, Etüden von Chopin.« Auf der Tafel im Übungssaal wird die anspruchsvolle Pädagogik sogar sichtbar: Eine Bach-Komposition ist da, in deutscher Sprache, versteht sich, analysiert.
Bei so viel Fleiß und Ehrgeiz ist es kein Wunder, dass chinesische Musiker weltweit Lorbeer ernten. Beim diesjährigen Bundeswettbewerb »Jugend musiziert« wurde der aus Peking stammende Klavier-Knabe Jie-Hua Zhu, 13, Preisträger seiner Altersklasse und durfte im Juli sogar Bundespräsident Rau vorspielen. Letzten Monat holte sich der Pianovirtuose Yundi Li, 18, die Palme beim Warschauer Chopin-Wettbewerb, einem der angesehensten und schwierigsten der Welt.
Auch auf neue, experimentelle Töne sind die Chinesen inzwischen eingestimmt. Im März dieses Jahres hat das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks die Orchesterphantasie »Out of Tang Court« von Zhou Long uraufgeführt. Im September wurde im Berliner Hebbel-Theater das Multimedia-Spektakel »Four Grand Inventions« dargeboten, in dem der Künstler Danny Yung vier legendäre Erfindungen Chinas - Papier, Druckkunst, Kompass, Schießpulver - feiert. Anfang dieses Monats spielten die New Yorker Philharmoniker ein Capriccio für Klavier und Orchester, für dessen lyrischen Stil und Titel ("Red Silk Dance") sich der Komponist Bright Sheng von der Seidenstraße anregen ließ.
Doch je eindrucksvoller sich China der zugleich landeseigenen und internationalen Musikszene öffnet, umso krasser spüren Macher und Manager vor Ort die Probleme des Wachstums: hohe, ständig steigende Kosten. Während sich der reiche Nachbar Japan, eine Nation in chronischem Klassik-Fieber, die Einfuhr teuerster Stars leisten kann, wird in der Volksrepublik China jeder Yuan dreimal umgedreht: Der Staat knausert, ohne Sponsoren läuft nichts.
Beim jüngst beendeten »3. Peking Musikfestival« beispielsweise, das sein künstlerischer Leiter Yu Long als »das wichtigste im Lande« bezeichnet, hat sich die öffentliche Hand auf PR-Hilfe beschränkt. Sie finanzierte den Druck aufwendiger Plakate und des kiloschweren Programmhefts und arrangierte die - fast lückenlose - Übertragung im staatlichen Hörfunk und Fernsehen. Den Löwenanteil an Gagen und Reisekosten übernahmen dagegen entweder internationale Konzerne und Nobelmarken, die vor Ort ihr Image pflegen, oder staatliche Stellen in den Gastländern, die in China repräsentieren wollen. Und wenn auch das nicht langte, mussten spendable Außenseiter einspringen wie der wundersame Pianomane Theo Lieven mit seinem wundersamen Mozart.
Was die meisten Zuhörer vor Lievens Pekinger Matinee nicht gewusst, danach allerdings vermutet haben dürften: Dieser Mann am Klavier mochte vieles sein, nur ein Profi der Tastenkunst war er nicht. Aber was dann?
Mit 58 Semestern Mathematik und je 55 Semestern Philosophie und Kunstgeschichte an der TH Aachen als ewiger Student immatrikuliert, bewohnt der Multimillionär nahe dem belgischen Lüttich einen feudalen Herrensitz, chauffiert wahlweise einen schwarzen Rolls-Royce, ein weißes Cabrio gleicher Marke und einen feuerroten Ferrari. Er besitzt die Pilotenlizenz bis hinauf zum 747-Jumbo und kauft sich demnächst die neue Cessna Citation X, das, wie er in Vorfreude strahlt, »schnellste Verkehrsflugzeug der Welt«. Ein Mann im Höhenflug.
Vor 25 Jahren hat der Rheinländer in einem Lagerschuppen eine Klitsche für Taschenrechner aufgemacht, dann die Firma Vobis gegründet, den Laden zu Deutschlands größter PC-Handelskette hochgezogen und diese »im richtigen Moment« wieder verkauft. Heute, als Präsident der Aachener Vincero Holding, besitzt er »diverse Beteiligungen an jüngeren und älteren Firmen«. Im Klartext: Fürs große Geld hat er ein Händchen.
Aber auch für Mozart? Wie, bei allen Buddhas, kam dieser einstige »Goldjunge« ("Die Zeit") des Computer-Business dazu, sich in der chinesischen Millionen-Metropole öffentlich an den Steinway zu setzen und beim Pekinger Musikfestival neben erlauchtesten Star-Interpreten aufzutreten?
Ganz einfach - Lieven hat ein großes Vermögen und einen großen Spleen: Er ist Klaviernarr und dem Instrument hörig. »Blut geleckt« hat er früh, »mit sechs«, nach dem Abitur sogar die Musikhochschule besucht, 1970, bei einem Wettbewerb, nicht den erhofften Preis gewonnen und erst einmal die Lust verloren. Aber als gemachter Mann gründete er die »Internationale Klavierstiftung Theo Lieven zu Hamburg«, richtete am Comer See eine mit Weinkeller, Köchin und einer Million Mark Jahresetat ausgestattete Villa als herrschaftliche Lehrstelle für junge Pianovirtuosen ein und - wurde rückfällig. Er nahm wieder Unterricht und tritt seitdem auch immer mal wieder auf. »Dass ich allerdings jemals in Peking spielen würde«, hat er »nicht für möglich gehalten«.
Sein Engagement verdankt er tatsächlich nur seiner Rolle als Retter aus der Not: Ohne seine finanzielle Unterstützung hätte ein markanter Beitrag des diesjährigen Festivals abgesagt werden müssen, das Pekinger Programm seinen wichtigsten zeitgenössischen Schwerpunkt verloren. Was zeigt: Im chinesischen Klassikbetrieb hängt immer noch viel an einem seidenen Faden.
Als Highlight einer dichten, dreiwöchigen Konzertfolge hatte der Festival-Direktor Yu Long, 36, diesen Herbst die asiatische Premiere der Chorsymphonie »Die sieben Tore von Jerusalem« des polnischen Neutöners Krzysztof Penderecki, 66, ausgewählt.
Doch der fromme Knaller, mit 6 Solisten, fast 100 Choristen und 140 Orchestermusikern gigantisch besetzt, erwies sich als unerhört kostspieliges Spektakel. Jedenfalls mussten die ursprünglich vorgesehenen Orchestermusiker aus Polen wegen Geldmangels kurzfristig absagen.
In der berechtigten Sorge, die Premiere seines biblischen Reißers könnte platzen, wandte sich Penderecki im vergangenen April an Norbert Thomas, 54, den Intendanten der Neuen Philharmonie Westfalen. Thomas, selbst studierter Musiker, gilt in der Branche als gewiefter Manager. Der, hoffte Penderecki, könnte das Event noch retten.
Tatsächlich machte Thomas mobil. Seinem Orchester, mit 130 Planstellen einer der größten Klangkörper Deutschlands, bot sich mit einem Gastspiel in China immerhin die Chance, international aufzuspielen, zusammen mit dem Chor der Nationaloper Warschau auf fernöstlichem Boden deutsch-polnische Aussöhnung zu demonstrieren und, aus Jux, erstmals in Chinas Geschichte auf der Großen Mauer Alphörner blöken zu lassen. Nur: Die nötigen Mittel, rund eine halbe Million Mark, waren in den Kassen der verarmten Kohlenpott-Kommunen nicht aufzutreiben.
Thomas ging betteln. Angesichts der völkerverbindenden Wirkung des Unternehmens steuerte das Auswärtige Amt 200 000 Mark bei, Sponsoren vor Ort spendierten milde Gaben »bis runter zu ein paar Hundertern« (Thomas). Doch Ende Juli waren die Reisekosten immer noch nicht restlos gedeckt.
Da kam Lieven ins Spiel. Gegen die Zusage, in einem morgendlichen Extrakonzert zwei (brillante) Meisterschüler seiner Stiftung und sich selbst als Interpreten präsentieren zu können, stiftete der Klavieromane den Fehlbetrag: Mit 60 000 Mark, für ihn wenig mehr als ein Pappenstiel, half der millionenschwere Laienspieler dem Pekinger Festival aus der Patsche.
Ob Lieven allerdings nach seinem pannenreichen Mozart-Konzert noch weiter vor Publikum treten wird, scheint fraglich. Sein Selbstvertrauen, berichten Freunde, habe in China Schaden genommen. Gut so: Für den Musikbetrieb, nicht nur in Peking, ist seine Holding jedenfalls nützlicher als sein Handling - sie läuft einfach besser. KLAUS UMBACH