Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Black Rebel Motorcycle Club - "Black Rebel Motorcycle Club"
(Virgin)
Für die vom Aussterben bedrohte Gattung der "Shoegazer", die ihre Nächte am liebsten in verrauchten Kaschemmen und drogenvernebelten Clubs verbringen, gibt es ab sofort wieder Hoffnung: Drei höllisch stilbewusste junge Menschen aus San Francisco wandeln mit ihrem selbst betitelten Debüt auf den
Feedback-verzerrten Spuren von Drone-Legenden wie Spaceman 3, Spiritualized oder The Jesus And Mary Chain in den Zeiten von "Psychocandy" oder "Honey's Dead". Dass auf "Black Rebel Motorcycle Club" daher einiges wie ein dröhnendes Déjà-vu-Erlebnis klingt, darf nicht weiter stören: Die weltmüden
Brando-Verehrer sind nicht nur eigenständig genug, um nicht in die Kopisten-Falle zu tappen, sie haben auch noch großartige Song-Epen wie "Rifles" im Gepäck.
Black Rebel Motorcycle Club bei Virgin Records mit Soundfiles und Video
Black Rebel Motorcycle Club - offizielle Website
Brian Wilson - "Live At The Roxy Theatre"
(Brimel Records/Sanctuary/Zomba)
Auch wenn man vor dem Songwriting von Lennon/McCartney auf der Stelle in Ehrfurcht erstarrte, lag einem das scheue, vom despotischem Vater tyrannisierte und vom verrückten Psychologen Eugene Landy auf Hawaii vor einem allzu frühen Tod gerettete Genie Brian Wilson immer etwas mehr am Herzen. Ausgerechnet aus dem geschichtsträchtigen Hollywood-Club Roxy, in dem sich an jenem Abend im vergangenen Jahr auch Bette Midler und Nancy Sinatra drängten, stammt dieses knapp zweistündige, beeindruckende Live-Dokument, auf dem der erratische Kindskopf nebst neuer Band hörbar gut gelaunt Solo-Material und Songs der Beach Boys vorträgt. Ein Glück, dass auch die drei genialsten Kompositionen des Meisters nicht fehlen: "God Only Knows", "Caroline No" und "Til' I Die". Gelitten am Leben, schrieb Brian Wilson diese Songs für die Ewigkeit.
Brian Wilson - offizielle Website
Brian Wilson: "Wir werden besser als die Beach Boys klingen"
Mull Historical Society - "Loss"
(Blanco Y Negro/WEA)
Auf der gottverlassenen schottischen Insel Mull behütet aufgewachsen, blieb Mull-Historical-Society-Vordenker Colin McIntyre nichts anderes übrig, als sein erstes Album "Loss" Mama und Papa zu widmen. Für die Querverweise bleiben wir gleich in Schottland: Luftiger als Travis und nicht ganz so melancholisch wie die Delgados, steht McIntyre dem melodieseligen Teenage-Fanclub am nächsten. Ungleich skurriler und verspielter geht es auf "Loss" zu: Bläser, putzige Synthies und ein Kinderchor untermalen Anrührendes ("Only I") wie Hitverdächtiges ("Animal Cannabus"). Eine seiner früheren Lieblingsbands stattete der Singer/Songwriter mit dem denkwürdigen Gruppennamen "Smells Like Marzipan" aus. Ein komischer Kauz - aber sympathisch.
Mull Historical Society - offizielle Website
Cornelius - "Point"
(Matador/Zomba)
Vier lange Jahre musste man auf den Nachfolger von "Fantasma" warten, doch hat sich das geduldige Ausharren diesmal wirklich gelohnt. Mit "Point" ist dem japanischen Wunderknaben und sanften Dekonstruktivisten Keigo Oyamada alias Cornelius ein diesmal erstaunlich zugängliches Stil- und Sound-Sammelsurium gelungen: Während "Smoke" fast als herkömmlicher Rock-Song durchgeht und die Vignette "I Hate Hate" die Erfindung des Casio-Metals markieren könnte, verströmt "Brazil" gepflegt hawaiianisches Kolorit. Ausnahmsweise hat hier sogar die Plattenfirma im Infoblatt zu tief gegriffen: "Point" wird mit Sicherheit zu weitaus mehr Gelegenheiten gehört werden als bei einer langen Autofahrt oder der dreiviertel Stunde unter dem Kopfhörer.
Cornelius bei Matador Records mit Soundfiles und Video
Cornelius - offizielle Website
CD-Kritik: Cornelius: "Fantasma"
Kevlar - "The Great Collapse"
(Sticksister/Stickman Records/Indigo)
Nach The (International) Noise Conspiracy und einer beachtlichen Anzahl weiterer Hardcore- und Indie-Rock-Bands schickt sich nun auch das bereits vor fünf Jahren gegründete Quartett Kevlar an, vom nordschwedischen Umea aus die Welt zu erobern. Auf "The Great Collapse" geht es heftiger zu als
bei den zeitreisenden und längst arrivierten Label-Kollegen von Motorpsycho: Trotz der an Fugazi erinnernden, vertrackt-verschachtelten Songstrukturen verlieren die euphorischen Skandinavier nur selten den Sinn fürs Wesentliche und die rettende Hookline aus dem Auge. Klassischer Gitarren-Rock, Hardcore oder Emo-Core? Junge, dünne Menschen in Minor-Threat-T-Shirts werden bei der Beantwortung dieser Frage sicher gerne
behilflich sein.
Kevlar - offizielle Website