Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Oasis - "Heathen Chemistry"
(Epic/Sony Music)
Aus teilweise nur mittelmäßigen Leistungen das Maximale herausholen - das konnten die zehn Feldspieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, das konnten Oasis auf "Standing On The Shoulder Of Giants". Was Noel mit "Sunday Morning Call" richtig machte, zerstörte Vorzeige-Prolet Liam, indem er "Hey Jude" in Form seiner Eigenkomposition "Little James" vorbildlich zersang. Für die restlichen Bandmitglieder interessiert sich bis heute immer noch niemand. Jetzt also "Heathen Chemistry": Die besten Songs folgen als Triptychon gleich aufeinander: "Stop Crying Your Heart Out" ist eigentlich "Slide Away", doch wen stört das schon noch. Dann Liams "Songbird", fast eine Skizze, natürlich sehr "Beatles" und eigentlich sehr angenehm. "Little By Little" ist unbestritten der große Hit der Platte, denn mindestens einer ist ja doch immer drauf. Der Rest ist weitestgehend bekannt: Liam reüssiert als Songschreiber auch mit "Born On A Different Cloud", verbockt aber "Better Man" (vier Minuten Gedröhne, 34 Minuten Stille). Die Nörgler haben trotzdem Pech gehabt: "Heathen Chemistry" ist den Umständen entsprechend wirklich zufriedenstellend ausgefallen. Man kann sie getrost neben die anderen Oasis-Platten ins Regal stellen und weiter auf ein neues "Definitely Maybe" warten. Es ist jedoch nicht schwer zu erahnen: Das Warten wird vergeblich sein.
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Will Smith - "Born To Reign"
(Columbia/Sony Music)
Willkommen im Land der perfekten Cross-Vermarktung: Pünktlich zum weltweiten Start des Action-Spektakels "Men In Black II" wird das neue Solo-Album des Hauptdarstellers Will Smith veröffentlicht, das natürlich auch den "MIB"-Titelsong "Nod Ya Head" enthält - ein geradezu garantierter Hit, dieses Werk. Eigentlich müsste man darüber also gar kein Wort verlieren, denn Smith pflegt auf seinem dritten Album erneut die kultivierteste Variante des HipHop-Genres, die es gibt: Pop-Appeal vor Street Credibility - wie man hört, gibt es diverse etablierte Rapper, die schlichtweg bestreiten, dass Will Smiths Hautfarbe tatsächlich schwarz ist. Aber wie dem auch sei: "Born To Reign" präsentiert den Schauspieler/Entertainer in mäßiger Form: Latin-Elemente kuscheln sich an gängige Trends, und zuweilen versucht Smith sogar, den Rap-Stil seines erfolgreichen Kollegen Eminem zu imitieren, was reichlich peinlich klingt. Satte R&B-Balladen reihen sich reibungslos an poppige Sommerhits, allein das "MIB2"-Titelstück verfügt durch harte Funk-Gitarren über einen eigenständigen Charakter. Zu wenig für ein gelungenes Album des "Fresh Prince", aber wie gesagt: Ein Hit wird's trotzdem. Andreas Borcholte
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Seagull Screaming Kiss Her Kiss Her - "Red Talk"
(Cherry Red/Zomba)
Bei den Genies Andy Partridge und Colin Moulding waren es auf "The Big Express" zwar mehrere Möwen, die zum Kuss aufforderten, aber bei einer Band, die sich nach einem XTC-Song benannt hat, wollen wir mal nicht so sein. Seagull Screaming Kiss Her Kiss Her - wir wissen wenig über diese tolle Girl-Band, die in ihrem Heimatland Japan schon einige Platten veröffentlicht haben soll. "Red Talk" versammelt 18 der besten Stücke und lärmt herrlich altmodisch zwischen Punk, New Wave und Indie-Rock. Es gibt schön schrullige Songtitel ("A Guitar For Me And Milk For Her") und heimliche Grüße an den erklärten Fan von Courtney Love: Ein Stück heißt "Asking For It" (kein Hole-Cover!), "Pretty In Pink" verkündet verschmitzt "She's pretty on the inside/ she's pretty on the outside". Was macht eigentlich Molly Ringwald?
Faultline -"Your Love Means Everything"
(Blanco y Negro/Warner Brothers)
David Kosten, Klangtüftler und Heimstudio-Nerd, lebt in London und hat genau zwei ganz besondere Dinge fertiggebracht: Sein Album "Your Love Means Everything" klingt zum einen, als wäre es unter einer Taucherglocke aufgenommen worden, zum anderen präsentiert er mit den Gastsängern Chris Martin (Coldplay), Jacob Golden, Wayne Coyne (The Flaming Lips) und Michael Stipe (R.E.M.) nicht gerade die Geringsten unter den Vokalisten. Zu Kostens wunderbar verschlafenen Soundlandschaften brilliert Chris Martin erwartungsgemäß auf "Where Is My Boy?", während Stipe in "Greenfields" den Verlust von Grünflächen und zerbrochenen Träumen betrauert: "I only know, there's nothing here for me/ nothing in this whole world left for me to see". Und Wayne Coyne? Schwebt wie gewohnt im All.
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Sonnit - "Popgun"
(Columbia/Sony Music)
Fünf Twentysomethings aus Braunschweig, die den Duft der weiten Popwelt atmen wollen und sich an Vorbildern wie den frühen U2, Depeche Mode oder New Order orientieren - das musste die deutsche Popszene schon öfter über sich ergehen lassen. Was Sonnit aus dem Kreis der belanglosen Provinzmucker heraushebt, ist nicht nur die leitende Produzentenhand des erfahrenen Roland Spremberg (A-ha etc.), sondern vor allem der unbekümmerte, fast schon undogmatische Umgang mit Tanz- und Elektronikelementen, den das Quartett auf ihrem Debüt-Album "Popgun" pflegt. Durch beschleunigende Loops und pumpende, zuweilen an Big Beat erinnernde Rhythmen bekommen die ansonsten reichlich piefigen Eigenkompositionen den nötigen Druck, um nicht im Orkus der Belanglosigkeit zu verschwinden. Kein ganz großer Wurf, aber dennoch beachtlich. Das Britpopper-Image auf den Promo-Bildern sollten die Jungs loswerden und auf die Tournee mit Fury In The Slaughterhouse verzichten, dann könnt's was werden... Andreas Borcholte
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