Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

R.E.M. haben sich nach zehn langweiligen Jahren endlich wieder zu einer guten Platte durchgerungen, meint Andreas Borcholte und bescheinigt der jungen Sängerin Duffy das Zeug zum Klassiker. Jan Wigger geht mit Kelley Polar in die Disco.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

R.E.M. - "Accelerate"
(Warner, 28. März)

Zehn Jahre. Zehn geschlagene Jahre hat es gedauert, bis R.E.M. den Ausstieg Bill Berrys verkraftet haben. 1997 verließ der Drummer, Teil der Ur-Besetzung des College-Rock-Quartetts, die Band, seitdem schliefen einem bei jedem neuen Album die Füße ein, auch beim besten Willen und aller Sympathie. Das gipfelte im Slow-Motion-Folkpop von "Around the Sun" (2004), das vielleicht schlechteste, harmloseste und langweiligste R.E.M.-Album, das es je gab. Vielleicht war das ein Schock, vielleicht war es die Erfahrung einer erfolgsverwöhnten, etwas zu saturierten Gruppe, zum ersten Mal seit 1985 keine Single in die Billboard-Charts befördert zu haben. Vielleicht ist einfach nur ein Knoten geplatzt. "Accelerate" jedenfalls klingt so roh, rauh und kernig, als hätten sich Sänger Michael Stipe, Gitarrist Peter Buck und Bassist Mike Mills in den vergangenen drei Jahren nicht nur einer Gruppentherapie, sondern auch gleich noch einer Verjüngungskur unterzogen. Gleich der erste Song, "Living Well is the best Revenge", ist ein Statement: Schroffe Gitarren, klare Songstruktur, melodiös im Hintergrund mäandernder Bass - so kompakt klangen R.E.M. nicht mal auf der Rockplatte "Monster", zuletzt wahrscheinlich auf "Reckoning".

Michael Stipe empfände es natürlich als Beleidigung, wenn man anmerken würde, die Band klinge so frisch wie damals in den Achtzigern. Dabei ist es das größte Kompliment für eine Rockgruppe, die in den knapp 30 Jahren ihres Bestehens durch Höhen und Tiefen gegangen ist. "Man-Sized Wreath" und "Supernatural Superserious" konsolidieren den neuen Garagensound, im hinteren Teil des nur 34-minütigen Albums wird es dann ein bisschen ruhiger, die neue Spannung, dieses elektrische Kribbeln, bleibt auch in schönen und selbstreflexiven Momenten wie "Sing For The Submarine" erhalten. Selbst für die eine oder andere politische Spitze bleibt Raum, so singt Stipe in "Until the Day is Done": "The verdict is dire, the country is in ruins". Unter Ruinen wird man begraben oder man kämpft sich aus ihnen heraus, zurück ans Licht. "I've got to fall in another direction. Accelerate", singt Stipe im Titelstück. Accelerate heißt Beschleunigen. R.E.M. haben wieder Fahrt aufgenommen. (9) Andreas Borcholte

Duffy - "Rockferry"
(Island/Universal, 28. März)

Man kann es langsam echt nicht mehr hören: Die neue Amy Winehouse hier, die neue Amy Winehouse da ... wer braucht eigentlich eine neue Amy Winehouse, wenn die alte noch lebt und gerade mal zwei Platten aufgenommen hat? Die Waliserin Aimee Anne Duffy hat mit ihrer dunkelhaarigen und trunksüchtigen Kollegin lediglich eine beeindruckend kratzige, sehr schwarze Singstimme gemeinsam. Was also läge näher, als damit den süßen Soul der Sechziger wiederzubeleben. Warum sich gerade diese naive und sehnende Musik aus der Prä-68er-Ära zurzeit größter Beliebtheit erfreut und scharenweise Dusty-Springfield-Epigonen hervorbringt, muss an anderer Stelle geklärt werden. Duffy jedenfalls schlägt sich in diesem von Amys und Adeles beackerten Retro-Feld mehr als ordentlich, in England hat ihr das mit Album und Single eine Chart-Doppelspitze eingebracht. Tatsächlich ist allein das Lied "Rockferry" ein Pop-Monument, das mit seiner Exaltiertheit und Eminenz an Sixties-Meilensteine wie "These Boots Are Made For Walking" heranreicht. Wenn Duffy zum Finale des Songs die Stimme erhebt und voller Inbrunst die Refrainzeile "I move to Rockferry tomorrow" hervorstößt, ist das ein so klarer, strahlender Musikmoment, dass man als Zuhörer in Ehrfurcht erstarren möchte.

Nicht alles auf dem Album, das unter der Ägide des ehemaligen Suede-Gitarristen Bernard Butler entstand, hält diesem Anspruch stand, vor allem niedliche Popsongs wie "Distant Dreamer" oder allzu augenfällige Zitate wie das "My Girl"-Intro in "Warwick Avenue" wirken unnötig anbiedernd. Brillant hingegen ist Duffy immer dann, wenn sie hemmunglos kitschig wird ("Stepping Stone") oder an vergessene Deep-Soul-Größen wie Candi Staton erinnert, zum Beispiel in der Uptempo-Nummer "Serious" oder in der wundervollen Ballade "Syrup & Honey". "Baby baby, baby, spend your time on me", fleht sie darin. Gerne. Und am liebsten ganz ohne Amy-Vergleich. (7) Andreas Borcholte

Moby - "Last Night"
(Mute/EMI, 28. März)

Das Cover ist schon scheußlich, und leider wird es auch drinnen nicht besser. "Last Night" ist Mobys ganz persönliche Liebeserklärung an das Nachtleben seiner Heimatstadt New York, ein Konzeptalbum, das den Hörer von den ersten zaghaften Aufwärmdrinks in der Bar über die heiße Phase des Abtanzens bis zum kühlen Chill-out in der Lounge führt. Eingentlich eine schöne Idee, wenn Moby nicht den Fehler gemacht hätte, seine aurale Reise als Nostalgietrip zu gestalten. Der frühere Hardcore-Techno-DJ und spätere Öko-Folk-Elektroniker zelebriert alles, was er früher mal mochte: Old-School-HipHop und Chicago-House in "I Love To Move In Here", schlimmen Hi-NRG-Sound in "Everyday it's 1989" und fieses technoides Geballer in "The Stars". Mit einem Wort: widerlich. Was nicht heißen soll, dass der grassierende Retro-Disco-Trend nicht seine Berechtigung hätte, siehe das wunderbar gelungene Album von Hercules And Love Affair oder das bereits im letzten Jahr veröffentlichte Tanzstandardwerk von The Ones. Mobys sicher mit Herzblut und viel Expertise kompilierter Ringelpiez fängt jedoch schon nach wenigen Stücken furchtbar an zu nerven, indem ungute Erinnerungen an sehr viel schlechte Club-Musik geweckt werden. Die Single "Disco Lies" sticht heraus, weil sie wie modern und wie die logische Fortführung der letzten Moby-Alben klingt. Eine kleine Mogelpackung. Ärgerlich. (3) Andreas Borcholte

Kelley Polar – "I Need You To Hold On While The Sky Is Falling"
(Environ/!K7/ Alive, bereits erschienen)

Alles dreht sich, alles bewegt sich: Schon mit "Entropy Reigns (In The Celestial City") gelang Michael Kelley alias Kelley Polar einer der leichtesten und hellsten Disco-Tracks der letzten Zeit, ein reueloses Vergnügen inmitten von Schweiß, Tränen, gutem Kokain und Champagner. Der Albumtitel "I Need You To Hold On While The Sky Is Falling" klingt nach vernachlässigenswertem Endneunziger-Emo, führt aber in Wirklichkeit mitten in die Welt des studierten Romantikers, der Glanz und Versuchung der Nacht besingt. Bei Kelley Polar wird der Dancefloor noch mit Höflichkeit aufgeräumt und der Laden höchstselbst ausgefegt. Zumindest verwunderlich bleibt die Tatsache, dass der US-Künstler nun schon zum zweiten Mal ein mindestens passables Ausgehalbum gemacht hat, ohne dafür selbst auszugehen: Kelley bleibt vernünftigerweise am Wochenende zu Hause und arbeitet. Und ist das imaginierte (Club)-Leben nicht überhaupt das Schönste? Es ist so, wie The Notwist es auf ihrer neuen Single "Good Lies" sagen: "Let's just imitate the real/ Until we find a better one." (6) Jan Wigger

The Indelicates – "American Demo"
(Weekender/Indigo, 28. März)

Wenn man seit vielen Wochen überwiegend auf Hochglanz polierten Ami-Kram von Boston, Chicago, Kansas oder Hall & Oates hört, kommt einem das "American Demo" der ultrabritischen Indelicates vor, als sei es in einer anderen Galaxie aufgenommen worden. Beißender Zynismus, allgemeiner Überdruss und der stets eingeforderte (und hier eingelöste) Wahnsinn erinnern an Black Box Recorder und The Auteurs, an freudig dilettierende, kunstbeflissene Defätisten und Eierköpfe also, denen selbst geringer Erfolg in Deutschland auf immer verwehrt bleiben wird. Auf die einzig richtige Art und Weise wird die Band vorgestellt: "This is the last significant statement to be made in Rock'n'Roll/ Everything that follows is footnote we can turn to when we are old." Wer Eddie Argos’ Schnauzbart mag und Glenn Hansard aus dem Film "Once" für einen Poser hält, wird mit Stücken wie "Julia, We Don't Live In The 60s" oder "If Jeff Buckley Had Lived" glücklich werden. Zumindest über die Texte kann es keine zwei Meinungen geben: Pure genius. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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