Drakes neue "Playlist": Mehr als nur ein Rapper
Drake-Album "More Life" Blem Blem
Ed Sheeran definiert das Popjahr 2017? Ed Sheeran!? Das konnte Aubrey Drake Graham natürlich nicht auf sich sitzen lassen, nachdem er die letzte Sommersaison mit "One Dance" dominiert hat, dafür aber bei den Grammys trotzdem nur in der Rap-Kategorie nominiert wurde. Frechheit. Denn Drake, der längst mehr ist als der zur Softieness neigende Rapper aus Toronto, hat längst einen Weltanspruch und will nicht länger ins "Black Music"-Getto sortiert werden. Globales Superstardom ist angesagt.
Deshalb: Egal, dass erst letztes Jahr das reguläre Album "Views" mit 20 Songs und 80 Minuten Spielzeit erschienen ist. Am vergangenen Wochenende "droppte" Drake seine neue, bereits für Dezember angekündigte "Playlist", weil in den Monaten auf Tour schon wieder so viele Ideen sprudelten, wie er selbst übrigens, mitternächtens schwafelnd, irgendwo auf der Hälfte von "More Life" zu Protokoll gibt. Es sind übrigens diesmal 21 Songs, die aber nur 77 Minuten brauchen: Hey!
Aber wer soll das eigentlich alles hören, fragt man sich ob des Outputs so mancher R&B- und Rap-Künstler. Zuletzt veröffentlichte Südstaaten-Trap-Artist Future zwei neuen Alben im Wochenabstand. Zählt man Drakes gesammelte Mixtapes, Alben und Compilations zusammen kommt man mindestens auf ein gutes Dutzend in gut zehn Jahren. Uff.
Drakes neue "Playlist": Mehr als nur ein Rapper
Aber: Trotz seiner enervierenden Dauer und trotz der von der Macbook-Festplatte zusammengepuzzelten Randomness kann "More Life" auf beinahe kompletter Distanz überzeugen. Ed Sheeran muss vielleicht nicht um seine Vormachtstellung in den globalen Charts bangen, aber Hits, die an Drake-Smasher wie "Hotline Bling" oder "One Love" heranreichen, finden sich gleich mehrere auf "More Life". Allein das wiederum karibisch beschwingte "Get It Together" (mit Black Coffee und Jorja Smith), das mit überkandidelten "Skrrt Skrrt"-Vocals gepimpte "Portland" (mit Quavo and Travi$ Scott), die von Sampha gesungene Ballade "4422" oder Kanye Wests mit heimeligen Soul-Samples gepimpter Beitrag "Glow" haben Potential, zu Sommerhymnen zu werden.
Höhepunkt ist allerdings Drakes glockenhell selbst gesungener Tearjerker "Teenage Fever", in dem er Jennifer Lopez' Debüt-Hit "If I Had Your Love" sampelt - eine Hommage an seinen Jugendschwarm, mit dem er angeblich gerade eine Affäre hatte. Es bleibt wild und wirr in Drakes Privatleben, was dann auch Thema diverser eher im klassischen Schmollsound gehaltenen Tracks ist (u.a. "Fake Love").
Aber handelte "Views" noch von Drakes Heimatstadt Toronto und seinem Aufwachsen dort, so öffnet "More Life" den Fokus und wirkt tatsächlich aufgeladen mit frischer, weltläufiger Inspiration. Schon der Titel ist dem jamaikanischen Patois entliehen und bedeutet "better life", die Rhythmik und Atmosphäre der Karibikinselbewohner, eine der größten Einwanderergruppen in Toronto, steht noch mehr im Vordergrund als bisher, was erneut zu Diskussionen führen dürfte, ob der halb afrokanadische, halb jüdische Drake sich diese ethnischen Spezifikationen überhaupt einfach so als urbane "Heritage" aneignen darf.
Der andere große Einfluss auf "More Life" kommt folgerichtig aus England, ebenfalls ein Land unter großem West-Indies-Einfluss. Die Grime-Superstars Griggs und Skepta aus London haben hier prominente Gastauftritte, und Drake selbst brüstet sich in "Blem" damit, den Südlondoner Marihuana-Code ebenso zu beherrschen wie den jamaikanischen ("Gyalchester").
Kommt also ganz schön rum, der aspirierende Weltstar Drake, der sich am Ende, im besinnlichen "Can't Have Everything" nochmal ganz kokett bescheiden gibt. Auch wenn der Name Drake auf dem Cover von "More Life" aus Insiderwitzgründen nicht draufsteht, es ist eines seiner besten Alben bisher. 2018 dann der nächste Album-Streich. Spätestens.