Festivals Leipzig im "Bach-Rausch"
Leipzig - Die Elite der internationalen Bach-Interpreten von Klassik bis Moderne haben das Leipziger Bachfest 2000 zu einem "Festival der Superlative" mit rund 72.000 Besuchern werden lassen. "Wir sind überwältigt vom künstlerischen Erfolg und Zuspruch des Publikums", sagte der Geschäftsführer des Bach-Archivs, Bernhard Heß, am Sonntag in Leipzig. "Es gibt kein erfolgreicheres Bachfest als unseres", kommentierte Kulturdezernent der Stadt, Georg Girardet. Das Fest ging mit einem Konzert unter der Leitung des Chefs der Internationalen Bach- Akademie, Helmuth Rilling, im Gewandhaus zu Ende.
Zehn Tag lang sorgten 64 Ensembles und 156 Solisten aus dem Ausland wie das Amsterdam Baroque Orchestra, das Bach Collegium Japan, Joshua Rifkin, David Geringas, Ton Koopman, Gustav Leonhardt, Nigel North sowie Thomanerchor und Gewandhausorchester für volle Kirchen und Säle. Die Auslastung der rund 100 Veranstaltungen lag nach Angaben von Sprecher Jörg Clemen bei 95 Prozent. Nach Ansicht von Girardet hat das Bachfest 2000 Leipzig auf dem Weg zur Bachstadt Nummer eins einen entscheidenden Schritt voran gebracht.
Das Festival "Bach - Ende und Anfang" habe das Niveau vorgegeben für Charakter und Qualität der künftig jährlichen Bachfeste in der Stadt, in der der Thomaskantor und Städtische Musikdirektor 27 Jahre lang wirkte. Neben klassischen Aufführungen der Hauptwerke wie der Johannes- und der Matthäus-Passion oder der h-Moll-Messe sowie geistlicher und weltlicher Orgelwerke, Kantaten und Kammermusik erfreuten sich auch die Jazz-Reihen großer Beliebtheit, in denen unter anderem Posaunist Albert Mangelsdorff mit musikalischen Themen Bachs experimentierte.
Am Freitagabend versetzten der US-Sänger Bobby McFerrin und der französische Play-Bach-Pionier Jacques Loussier beim nächtlichen Open-Air-Spektakel "Swinging Bach" allein 15.000 Menschen in einen wahren "Bach-Rausch". Für das zweistündige Ausharren bei teils heftigen Regenschauern wurden sie mit einem Crossover-Konzert vom Feinsten belohnt.
Offiziell wurde Bach an seinem 250. Todestag am Freitag mit einem Festakt von Politikern, Künstlern und Wissenschaftlern in der Thomaskirche geehrt. "Bach war ein ungewöhnlich begabter, sensibler und fleißiger Musiker mit künstlerischem Wagemut, der sich weder von gegebenen Lebens- und Arbeitsbedingungen noch künstlerischen Dogmen hat abhalten lassen", sagte der Harvard-Professor Christoph Wolff, der als neuer Chef des Leipziger Bach-Archivs im Gespräch ist.
Auf Leipzig lag an dem Tag auch der Focus des multimedialen Programms "24 hours Bach", das via TV in 40 Länder und via Internet rund um den Globus ausgestrahlt wurde. Im Internet können Fans jetzt auch die erste virtuelle Bachbibliothek "Bach Digital" nutzen, in der künftig alle vom Verfall bedrohten 1 200 Handschriften und Druckwerke digitalisiert sein sollen.
Neben viel Lob gab es auch Kritik. Ausländische Besucher bemängelten fehlende Übersetzungen in den Konzertprogrammen. Vor allem bei ausverkauften Konzerten entstanden durch enge Planung lange Wartezeiten sowie Verspätungen.
Am Rande des offiziellen Fest-Programms sorgten Ensembles mit ungewöhnlichen Aktionen für Aufsehen. Lautstark zogen am Todestag des Maestros etwa 50 junge Leute im Stil der Berliner Love-Parade durch das Zentrum und beschallten amüsierte und irritierte Passanten mit Bachs Musik. "Wir lassen nicht zu, dass Bach zumeist nur von Älteren in Kirchen zelebriert und vereinnahmt wird", meinte Veranstalter Andreas Milles vom Verein "Retina". Den Shopping-Freunden verhalf der "Meister der Fuge" zu sonntäglichem Einkaufsbummel: wo Bach einst rund um die Thomaskirche spazierte, lockten offene Geschäfte.