Grand Prix Party nach Punkten
Gängige Melodien und simple Songtexte bieten die meisten der nationalen Gesangsstars, die sich in Kopenhagen dem europäischen Votum stellen. Klingt banal, und das ist es wahrscheinlich auch. Dennoch: Die 38.000 Tickets für die Show im eigens überdachten Parken-Stadion waren binnen zwei Stunden verkauft, trotz der Preise von umgerechnet 100 bis 200 Mark. Derzeit können Schwarzmarkt-Zocker das Vier- bis Achtfache verlangen.
Kein Zweifel, bei der Party wird ausgelassenste Stimmung herrschen. Das glaubt auch Organisationschef Jörgen Ramskov. Angesichts der für ein kleines Land gewaltigen Gesamtkosten von umgerechnet über 15 Millionen Mark für die Party sei das Ganze "natürlich auch irgendwie ein Alptraum", so Ramskov. "Wir haben durchaus überlegt, eine Versicherung für den Fall abzuschließen, dass Dänemark wieder gewinnt und wir den Wettbewerb nächstes Jahr wieder austragen müssen."
Französin Natasha ist Favoritin der Experten
Aber vielleicht gewinnt Dänemark ja gar nicht? Professionelle Beobachter erwarten eher einen Sieg der Französin Natasha St. Pier ("Je n'ai que mon âme") oder der schwedischen "Friends" mit ihrem Abba-Neuaufguss "Listen To Your Heartbeat". Die 29-jährige Michelle aus Deutschland kommt beim Favoritenraten der Experten mit ihrem Wettbewerbsbeitrag "Wer Liebe lebt" immerhin noch auf einen siebten Platz.
In der heimischen Schlagerwelt werden ihr dagegen recht gute Chancen auf den ersten Platz eingeräumt, erwartungsgemäß. Selbst der Münchner Komponist und Grand Seigneur des Grand Prix, Ralph Siegel, der in diesem Jahr seine Pop-Pferdchen nicht so erfolgreich ins Rennen schicken konnte, erkennt Michelles Potenzial: "Sie sieht ja sehr hübsch aus. Und das Lied ist auch ganz nett." Schlagerstar Guildo Horn formuliert es ein klein wenig enthusiastischer: "Michelle war für mich von Anfang an Favoritin und hat, so glaube ich, in Dänemark auch alle Chancen."
Dabei ist Michelle doch eine Art Gegenentwurf zur Hornschen Schlagerironie und wurde bereits als Beginn einer neuen Ära gefeiert. Auch wenn es im Wesentlichen um gängige Melodien und simple Songtexte geht, darf man den Schlagerbetrieb jetzt wieder ernst nehmen.
Wer die Startliste der 23 Teilnehmerländer studiert, könnte übrigens meinen, Michelle würde gleich zweimal antreten, denn auch die Niederländer werden von einer Sängerin dieses Namens vertreten. Die singt allerdings in englischer Sprache, ist mit ihren 19 Jahren noch jünger als ihre Konkurrentin aus Deutschland, klingt dennoch sehr viel reifer und muss sich nicht den Vorwurf gefallen lassen, wie Daisy Duck zu klingen.
"Die Musik ist eher nachrangig"
Durchaus ernst nimmt die Sozialwissenschaft das Thema Schlager: In einer Studie wird das "Guildo-Horn-Phänomen" beispielsweise als "symptomatischer Ausdruck für die spätmoderne Gesellschaft" interpretiert. Die "fast omnipräsente mediale Spaßkultur" biete, so Autorin Ludgera Vogt in einem Band des Uni-Verlags Konstanz, "neue Möglichkeiten der sozialen Integration". Die soziale Funktion des deutschen Schlagers hat der Psychologe Martin Schweer von der Universität Vechta näher untersucht und festgestellt: "Die Beziehung zum Star steht im Vordergrund, die Musik ist eher nachrangig."
Schräge Töne sind also erlaubt. Hoffentlich wissen das die Grand-Prix-Sänger nicht.
Britta Heidemann