Interview Teil 2 "Ich liebe George Clooney"
Zurück: Teil 1
SPIEGEL: Als Sie im Mai 60 Jahre alt wurden, gab es weltweiten Medienrummel. Wie sah Ihre Party aus?
Dylan: Ach, nichts Besonderes. Ich habe ein paar Kerzen gekauft und die Familie eingeladen.
SPIEGEL: Sie wurden in letzter Zeit mit dem Oscar ausgezeichnet und mit Ehrungen überhäuft. Was halten Sie davon, dass Sie seit Jahren für den Literatur-Nobelpreis im Gespräch sind?
Dylan: Ich habe davon gehört. Aber in welche Gesellschaft bringt mich das bloß? In die von Leuten wie Hemingway und Steinbeck? Ich weiß nicht, ob ich in dieser Kategorie richtig aufgehoben bin.
SPIEGEL: Interessieren Sie sich für neuere, jüngere Literatur?
Dylan: Unbedingt. Nur kann ich da nichts Interessantes entdecken. Die Zeiten haben sich geändert. Worüber soll ein Autor heute auch schreiben, was nicht jeden Tag im Fernsehen oder in der Zeitung stattfindet?
SPIEGEL: Wie wäre es mit Emotionen?
Dylan: Aber kein Schriftsteller kann so stark mit Gefühlen arbeiten, wie es die Medien tun. Verglichen mit der heutigen Situation genossen Literaten wie Shelley, Rimbaud oder Byron eine geradezu luxuriöse Freiheit.
SPIEGEL: Sie glauben, dass die Medien Literatur und Poesie ruiniert haben?
Dylan: Oh, absolut. Jeder Literat, wenn er nicht gerade Kafka ist, schreibt für ein Publikum und das wird heute von den Medien in Beschlag genommen. Speziell die Nachrichtensendungen bieten dem Publikum mehr, als sich die wildesten Dichter erträumen können. Was bleibt da noch für Literaten und Poeten? Wir leben in einer Welt, in der Science-Fiction längst Realität geworden ist. Sie wird beherrscht von Disney. Überall künstliche Shopping-Paradiese und Themenparks.
SPIEGEL: Bedeutet Ihre Absage an die Poesie, dass Sie sich überhaupt aller zeitgenössischen Kultur verweigern?
Dylan: Okay, Sie werden es nicht glauben, aber ich liebe das Ballett. Jedes Jahr besuche ich mindestens drei oder vier Aufführungen. Ich liebe Ballett seit meiner Kindheit. Ich mag die Stimmung, die geschmeidigen Bewegungen der Tänzer und den umwerfenden Klang eines Orchesters.
SPIEGEL: Aber mit Literatur sind Sie durch?
Dylan: Literatur ist überholt. Filme sind die neue Literatur. Wer heute etwas zu sagen hat, macht einen Film.
SPIEGEL: Welcher Film ist für Sie große Literatur?
Dylan: Da genau liegt das Problem, denn Filme können keine große Literatur sein.
SPIEGEL: Warum?
Dylan: Weil sie nur eine zweitrangige Kunstform sind. Literatur führt dich in den Kopf und ins Herz einer fiktiven Figur. Das schafft kein Drehbuch und kein Regisseur. Filmfiguren bleiben immer auf Distanz, immer weit weg und flach auf der Leinwand. Ich habe noch keinen Film gesehen, der besser wäre als das schlechteste Buch, das ich gelesen habe.
SPIEGEL: Sie übertreiben.
Dylan: Ich schwöre, dass es mir ernst ist.
SPIEGEL: Wann hat Ihnen zuletzt ein Film gefallen?
Dylan: Ich bevorzuge die Zeit, deren Musik mir gefiel, die zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre. Und ich sehe mir lieber einen Film von 1948 an als einen aus diesem Sommer.
SPIEGEL: Was war damals besser?
Dylan: Es wurde nicht so viel Wind um nichts gemacht und nicht so viel sinnlos gefaselt; man kam damals einfach schneller auf den Punkt. Deshalb kann ich mich, was Filme betrifft, auch eher mit den Gedanken und Charakteren von damals identifizieren. Und außerdem bevorzuge ich Schwarzweiß. Ich finde Farben scheußlich.
SPIEGEL: Sie mögen keine Farben?
Dylan: Manchmal sind Farben okay. Aber wenn ich die Wahl habe, bevorzuge ich Schwarz und Weiß. In meinen Augen harmoniert das besser.
SPIEGEL: Und in den letzten 50 Jahren gab es also keinen bemerkenswerten Film?
Dylan: Lassen Sie mich mal nachdenken. Nein, mir fallen nur abschreckende Beispiele ein.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Dylan: Nehmen wir "Der Pate", ein Film über den Abschaum der Erde. Menschlichen Dreck wie die Mafia derart zu glorifizieren entsetzt mich sehr. Solche Kriminellen sind keine Helden sie sind Dreck.
SPIEGEL: Die Vorlage war ein Roman.
Dylan: Sicher, aber in dem Roman wird man schnell erkennen, dass diese Figuren Abschaum sind. Dem Film gelingt es, sie als Helden zu porträtieren, weil er nie unter die Oberfläche geht. Nur ein Buch kann die negativen und eventuell auch die positiven Seiten solcher Charaktere ausloten.
SPIEGEL: Immerhin gibt es auch Filme wie "O Brother, Where Art Thou?" von den Coen-Brüdern ein Werk, das gerade erst die von Ihnen so geliebte traditionelle amerikanische Country- und Blues-Musik wieder populär gemacht hat; der Soundtrack mit alten und neuen Aufnahmen war in den USA ein überraschender Millionenerfolg.
Dylan: Ich war begeistert von dem Album und hab mir sogar den Film dazu angesehen.
SPIEGEL: Moment mal der ist doch modern und zudem in Farbe?
Dylan: Ich liebe George Clooney. Ein sehr sympathischer Typ. Die Szenen, in denen er als Sänger auftritt, sind einfach unglaublich gut.
SPIEGEL: Also doch ein moderner Film, den Sie mögen?
Dylan: Falsch, ich mag nur die George-Clooney-Momente. Ohne ihn wäre das auch nur Mist geworden. Aber ich würde mir jeden Film mit George Clooney anschauen, der Junge hat Herz. Und er hat es geschafft, für eine Musik, die von den Medien gemeinhin als unkommerziell abgestempelt wird, ein gewaltiges Publikum zu erobern und dadurch bewiesen, wie sehr die Medien uns betrügen. Soll ich Ihnen verraten, was die beste Werbung ist?
Weiter in Teil 3: Dylan über den Einfluss des Dylan-Mythos auf sein Privatleben