Interview Teil 3 "Höflichkeit wirkt Wunder"
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SPIEGEL: Bitte.
Dylan: Mund-zu-Mund-Propaganda. Nur durch sie schlüpft manchmal etwas durch das Netz und beweist, dass man auch mit Qualität Erfolg haben kann. Zum Glück gibt es noch Menschen, die sich für etwas begeistern, weil sie kapieren, dass es gut ist, ohne dass es ihnen von den Medien aufgedrängt wurde.
SPIEGEL: Sie haben einst mit dem Griff zur elektrischen Gitarre die Musikwelt revolutioniert. Halten Sie den exzessiven Einsatz moderner Technik in der gegenwärtigen Musikwelt für gut?
Dylan: Es gibt heute zu viel Musik, die ohne Technik gar nichts wäre. Eigentlich alles, was zurzeit populär ist. Aber das ist kein Vorwurf, denn diese Generation ist so aufgewachsen und hat nichts anderes erlebt.
SPIEGEL: Gibt es zeitgenössische Popmusik, die Ihnen zusagt?
Dylan: Sie fragen den Falschen. Ich kenne nichts davon. Bloß weil ich Teil der Amüsierindustrie bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich mich mehr als notwendig damit beschäftige. Ich höre Musik nicht, um unterhalten zu werden. Ich suche nach Substanz. Und wenn Sie nun wissen wollen, ob ich da in letzter Zeit etwas bemerkt habe, muss ich leider mit Nein antworten.
SPIEGEL: Wie steht es mit HipHop?
Dylan: Da höre ich nur Maschinen.
SPIEGEL: Sind HipHopper, die Geschichten zu Musik erzählen, nicht die Folksänger von heute?
Dylan: Ich kenne keine Namen, nennen Sie mir welche.
SPIEGEL: Eminem? Dr. Dre?
Dylan: Keine Ahnung. Nie gehört.
SPIEGEL: Aber Sie haben vor langer Zeit mal mit dem Rap-Pionier Kurtis Blow zusammengearbeitet. Wie konnte das passieren?
Dylan: Wissen Sie was? Ich habe absolut keinen Schimmer. War ich gut? Ich weiß es nicht mehr.
SPIEGEL: Sie befinden sich seit Ende der achtziger Jahre auf einer so genannten "Never Ending Tour" und gaben allein in den vergangenen vier Jahren rund 450 Konzerte. Was treibt Sie?
Dylan: Dieses ganze "Never Ending Tour"- Geschwätz ist doch Blödsinn. Wenn irgendwas in unserer Welt klar ist, dann ist es die Erkenntnis, dass alles eines Tages zu Ende geht. Unsere Sterblichkeit ist die eine Sache, die uns alle verbindet, und nichts als das Wissen darüber schafft eine größere Nähe zwischen Menschen. Ich glaube nicht mal, dass ich besonders viele Konzerte gebe. In Ihrer Welt mag das viel sein, in meiner ist es normal.
SPIEGEL: Was ist Ihre Welt?
Dylan: Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Europa und Amerika: zwischen sesshaften Bürgern und einem Tramp wie mir. Da, wo ich herkomme, sind die Provinzstädte voll von Menschen, die ihre Musik jeden Tag irgendwo anders präsentieren.
SPIEGEL: Sie sagten vorher, wie wenig Sie mit dem aktuellen Kino und der neueren Literatur anfangen können: Lesen Sie wenigstens die Bücher, die über Sie geschrieben werden?
Dylan: Ich habe nur Robert Sheltons Biografie gelesen, und die auch nur, weil ich den Autor kannte. Es ist doch bizarr, Bücher über das eigene Leben zu lesen. In der eigenen Erinnerung stellen sich die Dinge immer anders dar, als andere es erlebt haben. Für mich sind diese Bücher pure Fiktion.
SPIEGEL: Haben Sie mal daran gedacht, Ihre Autobiografie zu schreiben?
Dylan: Habe ich, und zurzeit arbeite ich daran. Meine Memoiren werden mehr eine Artikelserie sein, die in einem Buch erscheinen soll. Mehr kann ich dazu im Augenblick nicht sagen.
SPIEGEL: Stört Sie die Besessenheit, mit der Ihre Verehrer Ihre Songs und Ihre Äußerungen analysieren?
Dylan: Es ist seltsam, was die Leute alles in meinem Werk entdecken. Was für Analysen sind das überhaupt? Freudsche? Oder vielleicht marxistisch-freudsche? Ich habe von all dem keine Ahnung.
SPIEGEL: Irritieren Sie Fanatiker, die zu jedem Ihrer Konzerte kommen?
Dylan: Die sind eben da. Ich spiele nur für die Leute, die hinten stehen. Die in den ersten Reihen kommen sowieso wieder. Den hinteren Teil des Publikums, der nur für eine Nacht gekommen ist, den muss man erreichen.
SPIEGEL: Aber gerade die Hardcore-Fans verehren Sie mit nahezu religiösem Eifer.
Dylan: Hardcore-Fans ist eine unangenehme Bezeichnung. Es sind Menschen, die alle meine Platten kaufen und in viele meiner Konzerte kommen, und das ist doch wunderbar. Aber welche Religion meinen Sie? Und was opfern sie ihrem Gott, diese religiösen Hardcore-Superfans?
SPIEGEL: Unter anderem eine Menge Geld.
Dylan: Sehr schön, dann wüsste ich gern, wann und wo sie das nächste Mal opfern gehen. Dann komme ich auch.
SPIEGEL: Wie stark wirkt sich der Dylan-Mythos auf Ihr Privatleben aus?
Dylan: Zu 95 Prozent überhaupt nicht. Die übrigen 5 Prozent muss jeder, der mit Ruhm konfrontiert wird, bewältigen lernen.
SPIEGEL: Welche Strategie wenden Sie an, um mit Ihrem Ruhm fertig zu werden?
Dylan: Keine Strategie. Höflichkeit wirkt Wunder.
SPIEGEL: Fragen Sie sich manchmal: Warum gerade ich?
Dylan: Bislang noch nicht. Ich weiß ja, was ich geleistet habe, um so berühmt zu werden.
SPIEGEL: Sind Sie Ihrem Schicksal dankbar, ein berühmter Künstler geworden zu sein?
Dylan: Ich habe mir die Musik nicht ausgesucht. Sie hat mich gewählt. Hätte ich die freie Wahl gehabt, wäre ich lieber Arzt, Wissenschaftler oder Ingenieur geworden. Das sind Berufe, zu denen ich aufsehe und die ich respektiere. Entertainer sind nichts Besonderes. Sie bedeuten mir nichts.
SPIEGEL: Sie waren vor ein paar Jahren schwer krank. Wie lange werden Sie noch weitermachen?
Dylan: Schwer zu sagen. Es könnte der Tag kommen, an dem ich beschließe, dass es mir reicht. Wenn das Publikum sich zurückziehen würde, wäre das ganz sicher ein Grund, aber davon ist nichts zu merken.
SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit den Jahren immer besser werden?
Dylan: Ich könnte, wenn ich mich darauf konzentrieren würde.
SPIEGEL: Ist es wahr, dass Sie boxen, um sich fit zu halten?
Dylan: Ich? Wer behauptet das?
SPIEGEL: Die Schauspielerin Gina Gershon sagt, dass Sie ihr beim Training eine verpasst hätten.
Dylan: Wenn die weiter so plaudert, kriegt sie noch was auf die Mütze.
SPIEGEL: Mr. Dylan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.