Keith Richards' Memoiren: Ich rocke, also bin ich - DER SPIEGEL
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Keith Richards: Potzblitz, er erinnert sich!

Foto: Ethan Russell

Keith Richards' Memoiren Ich rocke, also bin ich

Dieses Buch war den Millionenvorschuss wert: Großartig gelungen sind die Erinnerungen des Rolling-Stones-Gitarristen. Denn Keith Richards lästert nicht nur lustvoll über seinen Kollegen Mick Jagger, sondern er berichtet vor allem leidenschaftlich von dem, was er am meisten liebt: Musik.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Verbindung mit Büchern erinnerte man sich bei Keith Richards bisher vor allem an seinen Sturz von der Bibliotheksleiter, bei dem er sich eine Rippe brach. Damals, 1998, musste immerhin eine Tournee der Rolling Stones verschoben werden. Aber die Erkenntnis, dass der wilde Kerl Keith Richards überhaupt eine Bibliothek besitzt und - potzblitz - sogar nutzt, erstaunte und irritierte nicht wenige Verehrer seiner Band. Einige tausend Bücher soll der 66-jährige Rocker dort haben, darunter umfangreiche Sammlungen von Marine-, Zweiter-Weltkriegs- und Rock'n'Roll-Sekundär-Literatur. Nun fügt der Künstler, der seit einer Ewigkeit immer wieder für halbtot erklärt wird, dem letztgenannten Genre ein eigenes, umfangreiches Werk hinzu.

"Life" heißt das Buch, in dem Keith Richards mit einem befreundeten Journalisten in dreijähriger Arbeit seine Lebensgeschichte zu Papier brachte. Überraschenderweise sind diese Memoiren großartig gelungen und werden nicht nur von Musikkritikern beklatscht, sondern auch von Feuilletonisten. Selbst Michiko Kakutani, die Literaturscharfrichterin der "New York Times", feiert "Life" als "elektrisierend". Ein Buch, das bislang für mehr Rummel und Euphorie sorgt, als alle Rolling-Stones-Platten der vergangenen 30 Jahre. Das wird auch die Verlagsmanager beruhigen, die für die Rechte daran mehr als fünf Millionen Euro berappt haben sollen.

Was durchaus gepokert war, denn autorisierte und offizielle Musikerbiografien geraten oft sterbenslangweilig. Die schmutzigen Kapitel eines Lebens, die Fehltritte und Irrtümer werden oft weggelassen oder zumindest drastisch frisiert. Was nicht heißen soll, dass nur der Schmutz relevant ist, aber ohne die dunklen Episoden bleibt ein Leben halt unvollständig. Nicht autorisierte Biografien sind oft unterhaltsamer als die sanktionierten Versionen, allerdings bleibt stets offen, was wahr und was nur Legende oder üble Nachrede ist.

Packend wie die besten Stones-Songs

Gegen gefühlte Millionen unautorisierter Bücher über die Rolling Stones und ihre Mitglieder, die in den vergangenen Jahrzehnten erschienen, standen bisher zwei offizielle Bestandsaufnahmen. Ronnie Woods "Ronnie", das schon deshalb kein vollständiges Bild zeichnen konnte, weil der Gitarrist, Tunichtgut und Liebhaber sehr junger Frauen nicht von Beginn an dabei war, aber vor allem, weil Wood bei den Rolling Stones letztlich doch nur Befehlsempfänger ist. Das andere Buch, "Stone Alone" von Bill Wyman, konnte auch nur unvollständig sein, weil der Bassist - ebenfalls Fan sehr junger Frauen - die Band 1993 verließ und dort auch nie viel zu melden hatte. Zudem überfrachtete Wyman sein Buch mit Unmengen von Fachwissen. Auch Mick Jagger war mal an einer Biografie dran. Ein Vorschuss war gezahlt, die Recherche hatte begonnen, aber dann verlor Sir Mick - warum auch immer - die Lust und zahlte das Geld zurück.

Darüber, dass nun Keith Richards die erste umfangreiche und authentische Geschichte der Rolling Stones liefert, wird sein Rivale Mick Jagger nicht glücklich sein. Dass das Buch tatsächlich erstklassig geglückt ist, dürfte Jagger noch viel mehr wurmen als alle Lästereien, die so zahlreich über ihn in "Life" zu finden sind.

Ausgeführt ist das Buch so packend wie die besten Songs der Rolling Stones. Angemessen wild beginnt die Geschichte mit einer Drogenrazzia in der amerikanischen Provinz, die sich so aberwitzig liest, als hätte sie sich Hunter S. Thompson ausgedacht. Aber der Eindruck täuscht: "Life" ist kein sensationsüberladener oder durchgeknallter Reißer geworden, sondern vielmehr eine opulente Biografie, die nicht nur den Erzähler porträtiert, sondern auch seine Generation und das Erwachen eines Phänomens namens Rock.

Ausführlich erinnert sich Richards an seine Jugend im Nachkriegsengland, an das triste Kaff Dartford bei London, das er so detailverliebt schildert wie Dickens das viktorianische London. Er beleuchtet die Anfänge der Band, den Schock des ersten Ruhms und berichtet selbstverständlich von Mädchen und Drogen im Übermaß. All die kunterbunten Skandale, die längst Teil der Popgeschichte sind, werden hier noch mal ausgebreitet. So wie die Legende von der Drogenrazzia im Hause Richards, der nackten Marianne Faithfull und dem Schokosnack: "Der Marsriegel als Dildo? Ein ziemlich großer Gedankensprung. Das Kranke an diesen Mythen ist, dass sie hängenbleiben, auch wenn sie noch so offensichtlich falsch sind. Vielleicht steckt dahinter die Vorstellung, dass sie so absurd oder plump oder lüstern sind, dass sie gar nicht erfunden sein können", schreibt Richards.

Wie West- und Ost-Berlin

Auch die angeblichen Blutwäschen und andere urbane Legenden über Richards und seine Gang werden abgehakt, aber letztlich, und das ist der größte Triumph, geht es vor allem und immer wieder um das, was der Autor noch mehr liebt als die Frauen: um Musik, um Rock'n'Roll, den Blues, Gitarrenriffs und den ganzen tollen Zauber. Streckenweise sogar so ausgiebig, dass Leser, die nur auf wüste Abenteuer lauern, die Geduld verlieren könnten. Man erfährt, wie einige der berühmtesten Songs der Rockmusik entstanden: "Ich ließ mir was einfallen, etwa 'I can't get no satisfaction... I can't get no satisfaction... I tried and I tried and I tried and I tried, but I can't get no satisfaction'. Dann hockte sich jeder hin, bis Mick mit 'Hey, when I'm riding in my car... same cigarettes as me' zurückkehrte, und damit konnten wir dann wieder herumspielen. So funktionierte es meistens in diesen Jahren."

Natürlich sorgte es bereits für einigen Medientrubel, dass Richards in "Life" ausgiebig und lustvoll über Jagger herzieht; dass er sich über dessen Ritterschlag empört und über sein Genitalvolumen amüsiert. Aber letztlich ist das alles Teil einer Show, eines Spiels zwischen zwei alten Blutsbrüdern und kaum der von manchen Journalisten erhoffte Beleg eines endgültigen Zerwürfnisses. Er und Mick seien nicht wie Nord- und Südkorea verfeindet, sondern eher so verschieden und doch untrennbar verbunden wie West- und Ost-Berlin. Beide wissen auch, dass sie als Musiker einander brauchen - das belegen all ihre lauen Solo-Platten.

Natürlich sei Mick über das eine oder andere in dem Buch beleidigt, hat Richards dem "Rolling Stone" verraten: "Aber wir sind immer noch Freunde und wollen miteinander arbeiten. Können Sie sich vorstellen, das Leben wäre immer entspannt und alle würden sich prima verstehen? Nichts würde passieren. Es gäbe keinen Blues!" Und ganz sicher auch nicht dieses herrliche Buch.