Abgehört - neue Musik Dizzee, Daphni und die Ballade vom großen Nichts
Dizzee Rascal - "Raskit"
(Island/Universal, ab 21. Juli)
Man möchte Dizzee Rascal auf die Schulter klopfen: Alles halb so wild. Die Kids, die "so tun, als sei Grime ihnen erst letzte Woche in den Schoß gefallen", wie sich der Rapper aus dem Londoner Osten kürzlich ereiferte, wollen doch nur gute Musik hören. Und nein, auch Drake ist nicht der Teufel.
Wir erinnern uns: Auf "More Life" bediente sich der Superstar fürstlich an Grime, übernahm Beats, Personal und sogar den charakteristischen Londoner Jafaican-Slang - und machte das britische Genre damit kurzerhand zum heißesten Shit in der Musikwelt.
Für Dizzee, bürgerlich Dylan Kwabena Mills, ein Wirkungstreffer, in dessen Folge sein sechstes Album "Raskit" als einstündige Klarstellung entstand. In den 16 Songs geht es zu humorlosen Beats im Kern genau 16 Mal darum, dass Mills der potenteste Hengst im Grime-Stall ist. Stimmt ja auch, zum Teil: Mit dem grandiosen "Boy in da Corner" hatte er 2003 als 18-Jähriger den Stil beinahe im Alleingang bekannt gemacht. Er hat es anschließend aber eben auch ganz allein vergurkt.
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Statt an die pointierten Verse und die alles und jeden ohrfeigenden Beats seines Debüts anzuknüpfen, produzierte er auf den vier folgenden Alben Gedudel zwischen Ibiza-Disco und Sauftourismus an der Adria. Traurige Höhepunkte: "Dance Wiv Me" mit EDM-Verbrecher Calvin Harris und "Goin' Crazy" mit Robbie Williams. Songs, die selbst für eine Alkopopwerbung zu cheesy gewesen wären.
Nun will "Raskit" so dreckig und so britisch sein, dass es klingt, als hätte eine Marketingagentur aufgenommen, was man laut irgendwelcher Umfragen für UK-Grime hält. Die von gut bezahlten amerikanischen Produzenten beigesteuerten Beats walzen unablässig, Mills flowt wie eine Nähmaschine, jeder Refrain sitzt. Das ist zweifelsohne sauber gemachte Musik - doch den namensgebenden Dreck, den "Grime" sucht man auf "Raskit" vergebens. Stattdessen: Straßenrap aus der Dose.
"Wot u gonna do when your fans don't care/ 'Cause they're all grown up and they all moved on?", fragt Mills in "Wot U Gonna Do?". Nun ja, mutig etwas Neues zu machen, wäre ein Anfang gewesen. (5.0) Dennis Pohl
Daphni - "Fabriclive 93"
(City Slang, ab 21. Juli)
Die übelsten Momente am Mischpult sind die, wenn der Track, der gerade läuft, gnadenlos auf die letzten Sekunden zuläuft und man immer noch keine Ahnung hat, was als nächstes kommen soll. Horror. Panik. Man geht auf Nummer sicher, würgt den Übergang irgendwie hin: nicht schön, aber gerettet. Dan Snaith, hauptberuflich Chef des sehr erfolgreichen Dance-Pop-Projekts Caribou, ist leidenschaftlicher DJ und hat unter seinem Auflege-Alias Daphni bereits 2012 das sehr gute Album "Jiaoiong" veröffentlicht, einen eklektischen Mix aus Acid House, Funk-Samples, Afro-Beat und treibender Percussion. Mit "Fabriclive" einem 75-minütigen Mix, den er im berühmten Londoner Club "Fabric" aufgenommen hat, überrascht er nun erneut.
Wie es sich für die Mixe der "Fabric"-Serie gehört, besteht Snaiths Set aus vorrangig eigenem, bisher unveröffentlichtem Material. So weit, so normal, doch eigentlich war das alles so gar nicht geplant, denn Daphni hatte durchaus eigene Tracks dabei, aber bei Weitem nicht so viele, knapp 20, wie sich nun im finalen Mix befinden. Wann immer Snaith beim Testen seiner Tracks auf der "Fabric"-Anlage an so eine verflixte Stelle kam, an der sich einfach kein Anschluss-Stück finden ließ, editierte er einfache seine eigenen Sachen live so hin, dass ein Flow entstand.
Gewisse Übergangsnöte verzeiht man ihm da gerne, zum Beispiel das Ineinandergeschiebe vom eigentlich tollen Retro-House-Track "Hey Drum", der ein wenig an Fatboy Slim erinnert, zum Disco-Klassiker "You Can Be a Star" der Luther Davis Group, einem von vier Fremdstücken, die Daphni verwendete. Oder das Ausbremsen des Hi-NRG-Zapplers "406.42 ppm" durch das eher afro-groovende "Always There". Schon klar: Hinterher, wenn man das im Eifer der Nacht Zusammengehämmerte noch mal in Ruhe hört, weiß man's meistens besser. Respekt an Snaith, dass er Patzer und Schwachstellen drin gelassen hat, um den Live-Charakter zu erhalten. Höhepunkte sind der brutal minimalisierte Funktrack "Face to Face", der den Mix eröffnet, das mit Marimba-Gebimmel an Jamie xx anknüpfende "Medellin" und das schön hibbelige "Xing Tian".
Innovative Elektrosounds oder Dance-Impulse darf man hier vom Caribou-Kopf ausnahmsweise nicht erwarten, dafür aber eines der solidesten und energetischsten Club-Alben des laufenden Jahres. Um Anschlussprobleme zu vermeiden: Einfach "Back to Back" mit Nick Höppners ebenfalls hervorragendem "Work" abspielen und laufen lassen. (7.5) Andreas Borcholte
Elliott Smith - Vinyl-Reissues
(Universal Music)
Elliott Smith wusste schon zu Beginn seiner Solokarriere, dass er nie wirklich dazugehören würde. "Going out to play an acoustic show was like crawling out on a limb and begging for it to be sawed of", sagte er 1998 in der Rückschau dem "Magnet"-Magazin. Vier Jahre zuvor hatte Smith, in Nebraska geboren und in Texas aufgewachsen, mit "Roman Candle" seine erste eigene Platte veröffentlicht, obwohl er damals noch mit seiner Band Heatmiser auf dem besten Weg zu Power-Pop- oder College-Rock-Ruhm war. 1994, das war die letzte große Zeit des Rocklärms: Grunge hieß das Wort der Stunde. Smiths Musik aber war zerbrechlich, verhuscht und intim, dabei aber ungeheuer kraftvoll, schon damals, in den Arrangements. Die klangen dünn und dahingeschrammelt, deuteten aber den kompositorischen Anspruch und die Komplexität der Beatles und der Beach Boys an.
Das wollte damals tatsächlich kaum jemand hören: Depressive Männer, und zu ihnen zählte Smith zeit seines kurzen Lebens, waren zwar in, aber sie sollten schön laut jammern. Smith blieb leise, schrieb einen Song ("Miss Misery") für "Good Will Hunting", den er auch noch, awkward enough, bei den Oscars performen musste. Sein 1997 veröffentlichtes drittes Album "Either/Or" wurde daraufhin zu einem Geheimtipp, weil auch einige andere Smith-Songs, darunter "Angeles" und "Between the Bars", auf dem Film-Soundtrack enthalten waren. Obwohl danach noch zwei weitaus stärker ausformulierte Alben bei einem Major-Label erschienen, gilt "Either/Or", Smiths letzte Indie-Veröffentlichung, als das definitive Werk des Singer/Songwriters, der nie so genannt werden wollte. Vielleicht, weil es ähnlich disparat in der Balance zwischen Zutrauen und Zweifel hängt wie Smiths Psyche.
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Nach schwerer Alkohol- und Heroinsucht starb er am 21. Oktober 2003 in L.A. im Haus seiner damaligen Freundin Jenny Chiba an zwei Messerstichen in die Brust. Ob er sie sich tatsächlich selbst zugefügt hat, wie ein Post-it-Zettel mit Abschiedsgruß suggerierte, ist bis heute ungeklärt. Smith wurde 34 Jahre alt, gehört aber dennoch zum assoziierten Kreis des Club 27, jener früh verstorbenen Rock-Legenden, die an sich selbst, dem Ruhm, den Drogen oder einer Kombination aus allem scheiterten. Elliott Smith, der leise Barde der Grunge-Generation, ist Kurt Cobains Bruder im Geiste. Seine Öffentlichkeit war nicht ganz so groß, sein Einfluss auf ihm nachfolgende Musiker jedoch immens.
Zum 20. Jubiläum wurde "Either/Or" jetzt in einer um Live-Versionen und Outtakes erweiterten und neu gemasterten Vinyl-Version wiederveröffentlicht. Parallel erscheinen nun auch sämtliche anderen Alben aus Smiths kurzer Karriere: "Roman Candle" (1994) und "Elliott Smith" (1995), "XO" (1998) und "Figure 8" (2000) sowie das posthum veröffentlichte "From a Basement on a Hill" (2003) und die Early-Recordings-Sammlung "New Moon" von 2007. Für Sammler und Technikfreaks: Anders als bei früheren Vinyl-Editionen liegen den neuen Veröffentlichungen die originalen DAT-Bänder zugrunde, gepresst wurde auf hochwertigem 140-Gramm-Vinyl.
Für alle anderen, die Smith bisher nur am Rande wahrgenommen haben: Einfach alles chronologisch hintereinander hören - von "Drive All over Town" bis "Coming up Roses" zu "Rose Parade", von "Independence Day" bis "Wouldn't Mama be Proud" und "A Fond Farewell". Was für eine Geschichte, was für ein Genie! Was hätte da noch alles kommen können. Oder auch nicht. Die Ballade vom großen Nichts hatte Elliott Smith zum Glück schon früh geschrieben. (ohne Wertung) Andreas Borcholte
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)