Nutte und Supernova - DER SPIEGEL
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Kino Nutte und Supernova

»Geliebte Aphrodite«. Spielfilm von Woody Allen. USA 1995.
• aus DER SPIEGEL 33/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Woody Allen, das sollte sich herumgesprochen haben, ist mehr als nur ein Filmemacher. Philosophisch betrachtet, gleicht er einerseits dem Tod, andererseits dem Finanzamt; und der Grund dafür ist klar. Es gibt eben nicht viele Dinge, auf die sich der Mensch wirklich verlassen kann - deshalb braucht er ein paar einfache, unumstößliche Konstanten: Er stirbt, er muß Steuern zahlen, und er kann jedes Jahr einen neuen Woody Allen sehen.

Der neueste heißt »Geliebte Aphrodite«. Besser wäre es aber, das Werk einfach »Woody 95« zu nennen. Dann hätte die Verleihfirma alle Mißverständnisse ausgeschlossen, und jeder könnte sich leicht merken, ob der Jahrgang nun gut oder schlecht war.

Den neuesten Helden zum Beispiel kann man sich schlecht merken. Er heißt Lenny Weinrib, hat schütteres Haar, trägt gern braune Sakkos, braune Cordhosen und eine braune Hornbrille. Im Grunde gleicht er Alvy, dem berühmten Stadtneurotiker, bis aufs Haar - und der

* Mit Woody Allen und Mira Sorvino.

stammt immerhin schon aus dem Jahre 1977. Dazwischen liegen einige andere Inkarnationen, die alle nahezu identisch sind, und das läßt eigentlich nur einen Schluß zu: Woody Allen verwirklicht längst seinen Plan, die Unsterblichkeit zu erreichen, und zwar einfach dadurch, daß er nicht stirbt. Der erste Schritt ist logischerweise, nicht mehr weiter zu altern (deshalb ist es auch völlig bedeutungslos, daß er letztes Jahr 60 geworden ist).

Die anderen Schauspieler aber altern sehr wohl und müssen daher oft erneuert werden. Die passiv-aggressive Ehefrau etwa, die Woodys Geschlechtstrieb bereits im Keim erstickt, wird nun nicht mehr von Mia Farrow gespielt, sondern von Helena Bonham Carter. Sie unterdrückt Woody so sanft und souverän wie immer, außerdem erliegt sie den dreisten Verführungskünsten eines reichen Schnösels (Peter Weller). Auch das ist nichts Neues, denn diesen Typ hat Alan Alda in »Verbrechen und andere Kleinigkeiten« schon sehr brillant porträtiert.

Das junge Mädchen schließlich, das sich aus unerfindlichen Gründen in Woody verliebt, ist diesmal so wichtig wie noch nie. Wo dieses Traumwesen auftauchte, wurde es stets mit den schönsten und frischesten Jungschauspielerinnen besetzt - von Mariel Hemingway ("Manhattan") bis zu Juliette Lewis ("Ehemänner und Ehefrauen"). Jetzt entsteigt dem Schaum der Altherren-Phantasien die imposante Gestalt von Mira Sorvino, 26, die als Titelheldin und moderne Aphrodite nicht nur den Oscar mit heimnehmen durfte, sondern auch noch Quentin Tarantino.

Bisher bandelte Woody gern mit Studentinnen an, die vom Oralsex im Zeitalter der Dekonstruktion schwatzten. Die Zeiten aber sind härter geworden, die Bedürfnisse handfester. Seine neue Aphrodite heißt Linda: Sie ist Nutte und Pornostar, Liebesgöttin und Unschuldsengel - und ein bißchen auch My Fair Lady.

»Dein Gesichtsausdruck verrät mir, daß du schon lange keinen Blowjob mehr hattest« - so begrüßt sie Lenny, und natürlich hat sie damit völlig recht. Lenny aber will erst mal keinen Sex, sondern einfach nur reden. Er interessiert sich für Linda, weil sie die leibliche Mutter seines Adoptivsohns ist, aber davon verrät er ihr nichts.

Dennoch hätte er keinen Grund, ihr so penetrant nachzuspüren, wären da nicht diese Sehnsüchte: die Sehnsucht des Alters nach der Jugend; die Sehnsucht des neurotischen Juden nach der dreisten Selbstsicherheit des White Trash; die Sehnsucht des verfeinerten Jazz-Menschen nach dem Überfluß vitaler Geschmacklosigkeit.

Lindas Wohnung ist ein Pop-Refugium der Unterschicht, und Mira Sorvino versteht es, sie mit prallem Leben zu füllen. Wie bei einer Supernova bricht ihre Energie aus, Lenny wiederum ist wie ein Schwarzes Loch, das alle Strahlen aufsaugt. Er will sie gar nicht besitzen, weil das schon viel zu anstrengend wäre, er will sich einfach nur an ihr wärmen: an ihren sprudelnden Obszönitäten, ihrer unreflektierten Direktheit, ihrem brutalen Charme.

Ein griechischer Tragödienchor begleitet den Fortgang der Ereignisse; das gab es bei Allen noch nie. Es wirkt nicht ganz unpassend, weil die Figur des Lenny in der Gegenwart ohnehin sehr fremd erscheint. Als der »Stadtneurotiker« einen Oscar gewann, war er noch ganz auf der Höhe der Zeit - doch heute ist dieser Typ des Losers schon selbst eine mythische Figur, die ungestraft mit den Geistern der Antike palavern darf.

Die Ratschläge aus dem Chor ("Bitte, Lenny, sei kein Depp") erweisen sich als wenig hilfreich. Einmal muß die ganze Mannschaft bei Zeus persönlich um Rat nachsuchen: Man spricht eine Nachricht auf den Anrufbeantworter, doch der Olympier, darin ein typischer Allen-Gott, ruft einfach nicht zurück.

Die drohende Tragödie löst sich trotzdem in Wohlgefallen auf, am Ende wird »Woody 95« noch ein heiterer, ungewöhnlich spritziger Jahrgang. Lenny kauft seine Aphrodite von ihrem Zuhälter los, für ein paar sehr gute Basketball-Dauerkarten, erlaubt sich dann aber den unverschämten Luxus, seine angeschlagene Ehe einfach zu retten.

Das Finale dürften selbst Woody-Allen-Fans als ein bißchen aufgesetzt empfinden, aber vielleicht auch nur deshalb, weil die harte Wirklichkeit mal wieder anders aussieht: Da heiratet er womöglich seine junge Freundin (und Adoptiv-Tochter von Mia Farrow) Soon-Yi Previn, 25.

* Mit Woody Allen und Mira Sorvino.

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