PASTOREN THEATERKRITIK Rauf oder runter
Um das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg gibt es einen Skandal, doch weder auf der Bühne noch im Parkett. Theater macht ein Laie: Pastor Waldemar Wilken, 57, nimmt Anstoß an einem Stück und fordert »menschliche Sauberkeit«.
Wilkens Beruf ist es, sich und seine Kirche ins Gespräch zu bringen. Der größte Hamburger Gottesmann (1,93 Meter) leitet das »Amt für Öffentlichkeitsdienst« der hansestädtischen lutherischen Landeskirche. Und da in der Millionenstadt die Öffentlichkeit von der Kirche kaum Notiz nimmt, ist es ein schwieriger Job.
Wilken geht denn auch in Gossen und Salons. Er leitet die Straßenmission in St. Pauli ebenso wie Plauderabende für Bürger. Er war über zwei Jahre lang »Pfarrer im Bild« und offenbarte den »Bild«-Lesern unter anderem: »Arbeit kann Spaß machen« und »Schweinerei bleibt Schweinerei.«
Gern geht Wilken ins Theater. Doch jüngst bei einem Dirnenstück fühlte er sich, der selber keine Gemeinde und Kanzel sein eigen nennt, »als Seelsorger angesprochen«. In einem offenen Brief an den Schauspielhaus-Intendanten Professor Oscar Fritz Schuh forderte er, das Schauspiel »Die Heimkehr« des Engländers Harold Pinter »so schnell wie möglich« vom Spielplan abzusetzen.
Wilken, Autor eines Fachbuches »Die Werbung der Kirche«, brachte seinen Brief in Hamburger Zeitungen unter. Schlagzeile der »Welt": »Schauspielhaus -- eine unmoralische Anstalt?« Und »Bild« fragte seine Leser: »Ist das Kunst -- oder unanständig?«
Die meisten Zeitungsleser mußten sich auf Wilkens Urteil verlassen, der sich als Fachmann für Minderwertiges präsentierte: »Was hier auf geschmacklose und widerliche Weise angeboten wird, waren wir bisher nur in minderwertigen Filmen gewohnt.« Und das Schauspielhaus sollte -- so predigte der kanzellose Pastor -- »sich doch zu gut sein, um in die Nähe bestimmter Häuser mit der »roten Laterne' zu kommen«.
Tatsächlich wird im »Heimkehr«-Stück nicht viel anders geredet als etwa in St. Pauli. Text-Probe: Max: Und was hast du gemacht, deine Damenkundschaft gebumst, was? Sam: Ich nicht.
Max: Auf die Schnelle ein paar solide Nummern geschoben, was? Sam: Ich nicht.
Max: Auf dem Rücksitz? Und die Mittelarmstütze war die »rauf oder »runter? Gleichwohl wurde das Stück in anderen deutschen Großstädten -- Berlin, Köln, München, Kiel und Wiesbaden -- bislang ohne öffentliche Entrüstung der Geistlichkeit aufgeführt. Wie Wilken reagierten nur der katholische »Rheinische Merkur« ("Kloakenschöpfung") und das CSU-Parteiblatt »Bayern-Kurier« ("Destruktions-Stück").
Erst schien es, als seien in Hamburg Kirche und Öffentlichkeit auf seiten Wilkens. Die hamburgische Synode -- das Kirchenparlament -- bat einen Ausschuß, sich der Affäre anzunehmen. Doch dann schlug die Stimmung um. Presse und auch Kirchenleute fanden, daß sich der sonst weltzugewandte Wilken wie ein rückständiger bayrischer Dorfkaplan verhalten habe. Das »Hamburger Abendblatt« sorgte sich um den Ruf der Stadt -- »einer Zweimillionensiedlung, die sich anheischig macht, eine Weltstadt und auch weltoffen zu sein«.
Am vergangenen Sonntag blies der Vize-Chef der hamburgischen Kirche, Hauptpastor und »Senior« Hartmut Sierig, 42, den Sauberkeits-Feldzug ab: »Wir haben das Theater, das uns entspricht ..., ein Theater, das die Welt bedeutet. Dieser Welt aber läßt sich mit moralischen Appellen nicht beikommen.«
Im Schauspielhaus hat Wilken das Gegenteil dessen erreicht, was er wollte. Als er seinen Brief veröffentlichte, war das »Heimkehr«-Stück schon (nach nur neun Vorstellungen) mangels Zulaufs abgesetzt.
Jetzt kommt es, weil Nachfrage herrscht, wieder auf den Spielplan.