Ring von Krupp - DER SPIEGEL
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THEATER / WAGNER Ring von Krupp

• aus DER SPIEGEL 18/1971
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Wotan trägt Zylinder, Siegfried eine Pickelhaube, Siegmund kommt als Korps-Student, und Erda, die raunende Nornen-Mutter, kurvt im Rollstuhl heran: »Weiche, Wotan, weiche!«, stabreimt sie: »Flieh des Ringes Fluch!«

Sie meint den Ring, der Richard Wagners Hauptwerk zusammenhält -- die Tetralogie »Der Ring des Nibelungen«. Am Dienstag dieser Woche erscheint, im Werkraumtheater der Münchner Kammerspiele, die Germanen-Oper In kraß veränderter Ge-. statt:

Der Schauplatz ist eine Fabrikhalle der Gründerjahre, die Handlung und ihre Personen sind dezimiert und verbürgerlicht, und vor allem fehlt, was den »Ring« trägt: die Musik, die »sonderbar mit Schmutz, Gold und Narkose durchwachsene Musik« (Wagner-Kritiker Ernst Bloch).

Der Regisseur Ulrich Heising, 30, hat den »Ring« als Sprechstück inszeniert; die Musik übertünche, sagt er, den wahren Sinn des Wagner-Librettos. Heising, der mit dem Philologen Christian Enzensberger die Kurzfassung erstellte, will so »Wagners Mythologie dechiffrieren« und darstellen, wie sich des Meisters »politisches Bewußtsein von 1848 bis 1871« im Werke spiegle.

Es ist das Bewußtsein eines »Mitläufers« -- so der Wagner-Kritiker Hans Mayer. Angeregt vom Frühsozialisten Proudhon ("Eigentum ist Diebstahl"), befreundet mit dem Anarchisten Bakunin, war Wagner an die Seite der 46er-Revolution geraten; er schlachtenbummelte um die Dresdner Barrikaden und schrieb hitzige Pamphlete wider Fürsten und Finanziers.

1871 dann hatte sich Wagner zum Staatsmusiker gewandelt, begrüßte Bismarck und komponierte dem Herrn des neuen Reiches, Wilhelm 1., einen »Kaisermarsch«.

Dieser Sinneswandel habe sich, sagt Heising, im »Ring« niedergeschlagen; vor allem aber habe Wagner den »Klassenkampf« und die »politischen Probleme« seiner Tage »mythologisch verfremdet« auf die Opernbuhne gebracht.

Die Wagnersche Klassengesellschaft stellt sich, laut Heising, so dar: Der Giftzwerg Alberich drangsaliert in den werktätigen Nibelungen das »Proletariat«; die Riesen Fafner und Fasolt bilden das »Besitzbürgertum«; die Walküre Brünnhilde repräsentiert das »Militär": und im Gotte Wotan und seiner Gattin Fricka verkörpern sich »aufgeklärte und restaurative Monarchie«.

Nicht minder drollig deutet Heising den historischen Hergang: Der Inzest und das alsbaldige Hinscheiden von Siegmund und Sieglinde etwa meine die »gescheiterte 48er-Revolution«; und die Frucht der freien Lust, Siegfried, führe, als fleischgewordener »Bismarckismus«, schließlich zur Reichsgründung von 1871.

Denn anders als der echte »Ring« endet Heisings Fassung nicht mit Götterdämmerung und apokalyptischer Waberlohe: Sie mündet in Wotans Krönung zum Kaiser, und dazu erklingt, vom Band, Richard Wagners »Kaisermarsch«.

Den Dreh zum Happy-End hatte Heising In einer Früh-Fassung des Wagner-Textes gefunden; unter dem Eindruck Schopenhauers war der Meister später zu einer mehr düsteren Weltanschauung gekommen. Ob Wagner freilich wußte, daß er mit dem »Ring« ein politisches Schlüssel-Stück schrieb, erscheint mehr als fraglich.

Immerhin: Der politisch-soziale Überbau-Charakter der Nibelungen. Oper war schon 1898 dem Wagnerianer George Bernard Shaw aufgefallen. Er entschlüsselte das Nibelungenheim als eine »poetische Vision des zügellosen industriellen Kapitalismus« und konnte sich die Szenerie gut als »chemische Fabrik« oder »Rangierbahnhof« vorstellen.

Shaw malte sich auch aus, daß Alberichs famose Tarnkappe die Form eines modischen Zylinders haben könne; denn ein Zylinder, schrieb Shaw, verwandle beispielsweise einen »Aktionär« leicht in einen »frommen Christen«. Und siehe: In Heisings »Ring«-Inszenierung ist die Tarnkappe ein Zylinder.

So wird, letzten Endes, auch ein wenig Shaw mit aufgeführt werden; der Text freilich ist original Wagner. Befreit von den Tonvorhängen und Akkordteppichen der Musik, bietet er sich in seiner ganzen grausigen, urtümelnden Blechernheit dar.

Heising will dennoch nicht vordergründig parodieren. Er hieß den Text »stur herunterspielen«, als pathetisches, bürgerliches Heldenleben zwi-

* »Brünnhilde« und »Siegfried« in der Heising-Inszenierung der Münchner Kammerspiele.

schen Plüsch, Pomp und rußigen Maschinen; das Groteske bei Wagner stellt sich meist von selber ein.

Entziffert hat Heising auch die Bedeutung des fluchbeladenen, aber machtverleihenden Titel-Rings: Er trägt nun das Signum -- die drei Kreise -- des Hauses Krupp.

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