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KABEL-TV Schöner Schein

Deutsches Kabel- und Privatfernsehen hat am Neujahrstag Premiere: Bei einem Ludwigshafener Pilotprojekt der rheinland-pfälzischen CDU-Regierung wird die kommerzielle Fernsehzukunft geprobt. *
• aus DER SPIEGEL 51/1983
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Fast ein Jahrzehnt lang wogte der Streit. Was den einen als »Horrorvision« erschien, nur gut zur »Volksverdummung«, war den anderen »neue Freiheit« und Dienst am »mündigen Bürger": die Vermehrung und Privatisierung von Funk- und Fernsehprogrammen.

Doch während die Sozialdemokraten in ihrem Widerstand gegen die »kommerzielle Berieselung« noch glaubten, »das alles lange Zeit gesteuert« (SPD-Geschäftsführer Peter Glotz) zu haben, setzten die Unionsparteien zielstrebig auf die technische Entwicklung. Zum bevorstehenden Jahreswechsel haben sie es geschafft - die Bilderflut der neuen Medien beginnt zu branden.

Mindestens 30 000 Haushalte, so sieht es ein rheinland-pfälzisches Landesgesetz vor, sollen bei einem dreijährigen Rundfunktest in Ludwigshafen und der Vorderpfalz den Einstieg in die Fernsehzukunft erleben: täglich nebeneinander her an die 20 TV-Programme, eingespielt über ein ausgedehntes Kabelnetz.

Für eine einmalige Anschlußgebühr von 125 Mark, eventuelle technische Kosten von 500 Mark und laufende Monatsgebühren von elf Mark bekommen die Versuchsteilnehmer neben ARD, ZDF und der regionalen Südwestkette 3, dem bisherigen Angebot, fortan einiges mehr ins Haus: Bürger- und Kommerzfernsehen, Satelliten-TV und allerlei Radiosendungen. Erstmals sind dann auch Programme von Verlagen und anderen Unternehmen dabei: Privatfunk und Privatfernsehen.

Für die Mainzer CDU-Regierung ist bereits ausgemacht, daß mit Versuchsbeginn am Neujahrstag eine neue Fernsehära in der Bundesrepublik anbricht. Denn das TV-Projekt hat Modellcharakter, und allenthalben in deutschen Landen verbuddelt die Post, wie derzeit in Ludwigshafen, Kupferkabel für insgesamt eine Milliarde Mark im Jahr.

Programmkorrekturen allerdings sollen noch möglich sein - dafür der dreijährige Testlauf vor Ort. So werden, laut Versuchsgesetz, das »Nutzungsverhalten

der Teilnehmer« wissenschaftlich beobachtet und die »Auswirkungen auf den einzelnen und das gesellschaftliche Leben« erforscht, die sich aus der ungewohnten Programmschwemme in den - anfangs erst einmal kaum 2000 - verkabelten Familien in Ludwigshafen, Frankenthal oder Schifferstadt ergeben.

Am 2. Januar etwa, x-beliebiges Beispiel, läuft abends um neun im Ersten die Vicki-Baum-Serie »Die goldenen Schuhe«, im ZDF gibt's den Spielfilm »Die Nibelungen«, und das regionale Dritte sendet Improvisationen vom »Münchner Klaviersommer«.

Doch wo die Programmwahl bisher zu Ende war, geht die Suche dann erst richtig los. Ein neuer Kanal, das Erste Private Fernsehen (EPF), bringt um diese Zeit ein »unterhaltsames Kaleidoskop« mit aktuellen Nachrichten und Notizen, Titel: »Das war der Tag«. Nebenan, bei der Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS), setzt es Schüsse und Küsse in der US-Krimi-Serie »Matt Houston«.

Speziell fürs örtliche Kabel produzieren die Öffentlich-Rechtlichen, Südwestfunk und ZDF, noch einmal je ein Programm. Beim »SWF Kabel«, einem Bildungskanal, beginnt gerade das Telekolleg II, an diesem Abend mit der Weiterbildungs-Reihe Deutsch zum Thema »Herr S. äußert sich«. Der »ZDF Musickanal« liefert den Kontrast mit Anneliese Rothenberger in der Oldie-Show »Die schönsten Melodien der Welt«.

Hinzu kommen zur selben Stunde ein Serviceprogramm für die Bürger, serviert mit gutem Rat von Volkshochschule, Gesundheitszentrale, katholischer Kirche und Naturschützern, sowie ein weiterer Mischkanal für Verbände, Rundfunkmissionen und Einzelanbieter.

Wieder etwas Neues bietet der Offene Kanal, eine Art Basisfernsehen für Aktivbürger, bei dem - laut Versuchsgesetz - »jeder« auf Anmeldung Zutritt mit eigenen Programmbeiträgen erhält, sei es für Diskussionsrunden oder Einzelvorträge, Laienspielgruppen und Filme.

Bereits vorgemerkt sind eine Video-Reportage über rechtsradikale Fußballfans beim Bundesligisten Waldhof Mannheim, ein Beitrag zum Orwell-Jahr 1984 und ein Gitarrenkonzert. Die Sendezentrale, die Ludwigshafener Anstalt für Kabelkommunikation (AKK), stellt den Bürgern Studio und Technik kostenlos zur Verfügung, die Programmverantwortung trägt jeder Anmelder selbst.

Damit nicht genug: Die Bundespost speist die Dritten Programme des Hessischen und des Bayerischen Rundfunks sowie die drei TV-Programme aus Frankreich ein. Zur Werbezeit kommen die Regionalprogramme des Süddeutschen und des Hessischen Rundfunks, gesondert zeitweise auch Südwest 3 aus Baden-Württemberg hinzu.

Vom Himmel strahlt derweil das Londoner »Satellite«-Programm, neuer Name »Sky Channel«, über den europäischen Kommunikationssatelliten ECS 1 mit Beat und Pop ins Pfälzer Netz. Wer in günstig gelegenen Gebieten wohnt, dem flimmert drahtlos, von jenseits der Grenze, noch »RTL Plus«, das Kommerzprogramm von Radio Luxemburg und Bertelsmann, auf den Schirm.

Wem aber all die Bildervielfalt bis abends um neun schon zuviel geworden ist, der kann auf Besinnliches im Radio umschalten. Das Evangeliumsprogramm der Internationalen Christlichen Rundfunkgemeinschaft hat zu dieser Abendstunde die Lesung einer erbaulichen Geschichte im Programm. Weitere zwanzig

Hörfunksender spielt die Post aus allen deutschen Regionen ein. Nur bei Radio Weinstraße, der neuen Kabel-Hörfunkstation, ist nach dem täglichen »Pfalzmagazin« mit Lokalnachrichten und Musik schon Sendeschluß.

Doch Programmerweiterungen sind während des Tests bis Ende 1986 nicht ausgeschlossen. So gut wie sicher ist, daß auf dem Bildschirm im April ein Kinokanal (Movie Channel) des Berliner Filmproduzenten Arthur Brauner und ein Sportprogramm von Fußballstar Franz Beckenbauer hinzukommen. Und für später planen die CDU-Ministerpräsidenten, bisher gegen das Votum ihrer SPD-Kollegen, das erste deutsche Satellitenprogramm eines Konsortiums von Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern sowie der PKS, das dann auch ins Pfälzer Netz eingespeist werden soll.

Zustände wie in Amerika, die freie Auswahl unter zwei, drei Dutzend Programmen wie in New York und anderswo - das ist es wohl, was den Medienpolitikern der CDU bei der Bilderfülle des Ludwigshafener Modells vorgeschwebt hat. »Die Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt mittels der neuen Techniken zu erweitern und zu verbessern«, ist das wohlklingende Anliegen des Mainzer Ministerpräsidenten Bernhard Vogel.

Gemeint ist damit allerdings etwas ganz Bestimmtes: der immer wieder geäußerte Verdacht der Christenunion nämlich, vom Fernsehen in bisheriger Gestalt »durch parteipolitisches oder ideologisches Sendungsbewußtsein« (Vogel) benachteiligt worden zu sein.

Weil die Sozialdemokraten, ganz im Gegenteil, beim öffentlich-rechtlichen Programm die Ausgewogenheit bislang wenigstens einigermaßen gewahrt sahen, kämpften sie vehement gegen neue, vor allem private Programme. Doch gemeinsam beschlossen die Ministerpräsidenten 1978 einen »befristeten Versuch« mit »vier Kabelpilotprojekten«.

Das erste dieser Modelle ist nun gleich wieder heftig umstritten. Denn nur in Ludwigshafen haben kommerzielle Veranstalter freien Zugang zum Programm, während beim späteren Start der anderen Projekte - in München, Dortmund und Berlin - private TV-Teilhabe gar nicht oder nur unter öffentlich-rechtlicher Letztverantwortung vorgesehen ist. Hessens Landeschef Holger Börner, Vorsitzender der SPD-Medienkommission, attackiert denn auch unverdrossen wie »seit Jahren die Einführung kommerziellen Rundfunks«.

Den Genossen vor Ort stellte sich allerdings schon längst die Frage »Reingehen oder Draußenbleiben«, so der damalige Mainzer Fraktionschef Werner Klein, als im Versuchsgesetz vor drei Jahren für die Rechtsaufsicht und die Vergabe der Sendelizenzen bei der Ludwigshafener AKK eine 40köpfige Anstaltsversammlung konstituiert wurde. Klein ging rein - Begründung: »Wir leben nicht in einer Verweigerungsdemokratie.«

»Die SPD kommt mit Befürchtungen allein nicht weiter«, fand auch der frühere Bundestagsabgeordnete Ulrich Lohmar und ließ sich gegen heftige Anfeindungen aus den eigenen Reihen von Vogel in den dreiköpfigen AKK-Vorstand berufen.

Der sozialdemokratische Medien-Professor, der seit dem Ausscheiden des Bonner Regierungssprechers Peter Boenisch im Oktober als Vorsitzender amtiert, kümmerte sich zunächst vor allem um das Bürgerfernsehen im Offenen Kanal. Lohmar: »Das ist ein interessanter Ansatzpunkt, um mit Ideen, Alternativen und Spontaneität die Verkrustungen des Programmbetriebs und des öffentlichen Lebens aufzubrechen.«

Mittlerweile sind unter der Unionsvormacht in Bund und Ländern die medienpolitische und medientechnische Entwicklung so weit vorangetrieben, daß sich auch Frank Dahrendorf, Medienbeauftragter des Bonner SPD-Parteivorstandes, mit Blick auf Ludwigshafen fragt, ob es »noch sinnvoll ist, schmollend in der Ecke zu stehen«. Da es »zusätzliche private Veranstalter geben wird«, beichtete Dahrendorf dem Evangelischen Pressedienst vorletzte Woche den Wunsch der SPD, nun mitzuwirken »an den Grundsätzen, die für private Veranstalter geschaffen werden«.

Ein wenig nähergekommen sind sich die Parteien ohnehin wieder, weil die SPD-Sorgen und die CDU-Freuden über die neuen Medien letzthin spürbar nachgelassen haben. Es zeigt sich nämlich, daß selbst die Großverlage mit ihren Investitionen nicht mal eben »sechs, sieben, acht, neun, zehn Fernsehprogramme« herbeizaubern können, wie sich das Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht einst gedacht hatte. Ein Fernsehvollprogramm

kostet, je nach Verlagskalkulationen, jährlich 350 bis 400 Millionen Mark. Und selbst für ein stundenweise sendendes Lokalfernsehen wie das der EPF muß der »Rheinpfalz«-Verlag samt dem mit 26 Prozent beteiligten Zeitungsverleger-Verband an die acht Millionen Mark im Jahr aufwenden - ohne Aussicht auf Rendite im kleinen Pfälzer Testmarkt.

Vogels Glück war es, daß der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband beträchtliches Investitionskapital springen läßt, um mit seiner Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS) auf dem zukunftsträchtigen Medienmarkt Fuß zu fassen.

So kam das Ludwigshafener Pilotprojekt dann doch zu einem täglich mehrstündigen Kommerzprogramm, zu dem Filmimporteur Leo Kirch (Beta/Taurus) den gesamten Unterhaltungsteil beiträgt, der Ravensburger Otto Maier Verlag Kinderprogramme liefert und die »Frankfurter Allgemeine« die Nachrichten macht. Vogel bugsierte, Musterbeispiel für eine neue Ökonomie der Programm-Politik, seinen stellvertretenden Regierungssprecher Jürgen Doetz als Geschäftsführer an die Spitze der PKS.

Im übrigen aber ist die Ludwigshafener Bildschirmvielfalt schöner Schein: Das EPF bedarf der Stütze durch das ZDF, das den »Rheinpfalz«-Leuten die Lücken zwischen den mageren Sendezeiten (täglich anderthalb Stunden) mit Öffentlich-Rechtlichem füllt: mit zeitversetzten ZDF-Beiträgen des jeweiligen Tages oder TV-Reserven aus den Anstaltsregalen (Name des Teilprogramms: »ZDF 2").

»SWF Kabel« und der »ZDF Musickanal« sind öffentlich-rechtliche Verlegenheitslösungen, vorwiegend aus Konserven gespeist. Der Rest kommt von außerhalb, wie »Sky Channel« und die bestehenden Länderprogramme, oder ist gutgemeintes, bisweilen vielleicht interessantes Amateurfernsehen.

Um nur ja das englische Satellitenprogramm noch mit einspeisen zu können, das vor allem Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling als Attraktion empfindet, wurde die heimische »Rheinpfalz« öffentlich brüskiert.

Einen vom AKK-Programmausschuß bereits akzeptierten Textkanal des Zeitungsverlags, mit Lokalnachrichten, Tips und Veranstaltungshinweisen in Schriftform, warf die konservative Mehrheit der Anstaltsversammlung am Montag letzter Woche wieder aus dem Kabel. So gab es im Handumdrehen Platz für die Briten, die ihren poppigen »Sky Channel« bis April von derzeit drei auf acht Sendestunden ausdehnen wollen. Weitere Kanäle für künftige Interessenten können später in Betrieb genommen werden.

Eines aber wird derzeit kaum noch erwähnt: der vorgebliche Hauptzweck der Kabel-Veranstaltung, die einst von CDU-Politikern immer wieder gerühmten »Innovationen« und »neuen Impulse« durch mehr Programme und Privatfernsehen. Und dafür gibt es gute Gründe.

Das Neue nämlich ist das Altbekannte, nur sehr viel rigoroser präsentiert. »Kung Fu« und »Kimba«, »Petrocelli«, »Big Valley«, »Tennisschläger und Kanonen« - das alles haben, vor dem künftigen Neuaufguß durch die PKS, auch ARD und ZDF schon abgekocht. Im Kommerzprogramm aber gibt es nun fast nichts anderes mehr; die zweimal zehn Minuten Nachrichten von der »FAZ«, 18.30 Uhr und 20.20 Uhr, wirken wie ein Rudiment vergänglicher Rundfunktugend.

Buchstäblich mit alten Klamotten wartet auch der »ZDF Musikkanal« auf: mit Peter Frankenfelds »Musik ist Trumpf« und Lou van Burgs »So schön wie heut, so müßt' es bleiben«. Doch die Rückwende zu den »Interpreten dieser großen musikalischen Zeit«, Margot Eskens, Bully Buhlan und dem Eilemann-Trio, beweist zugleich ein untrügliches Gespür der Mainzer für das Opportune im Schlagschatten des Ludwigshafener Adenauer-Enkels Helmut Kohl.

Programmatisch verheißt die Ludwigshafener ZDF-Vorschau, gleich nach der »Kabelpremiere mit ZDF-Intendant Professor Dieter Stolte«, 1. Januar 1984 um 16.15 Uhr, einen »Evergreen-Gala-Abend im Zeichen der Nostalgie der 50er und 60er Jahre«.

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