Schwarzer Riese - DER SPIEGEL
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Fernsehen Schwarzer Riese

Nach der Okkupation des Bayerischen Rundfunks und der Infiltration des ZDF will die CDU jetzt auch im WDR die Macht ergreifen.
• aus DER SPIEGEL 39/1971
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Da entsteht ja ein neuer schwarzer Riese«, kommentierte der Bochumer Jungsozialist und Rundfunkrat Erdmann Linde und erschreckte damit die SPD-Genossen an Rhein und Ruhr. Lindes Schreckgespenst: der WDR in den Händen der Christdemokraten.

Jahrelang galt die Kölner Anstalt als Hort liberaler Gesinnung. Doch als Folge einer gründlichen Strukturänderung des Hauses, in dem 1972 die zwei bislang getrennten TV-Direktionen fusioniert werden sollen, fürchten die Sozialdemokraten jetzt einen kräftigen Ruck nach rechts.

Dabei könnte die SPD zusammen mit ihrem Düsseldorfer Koalitionspartner FDP die CDU im WDR-Verwaltungsrat mit 4:3, im Rundfunkrat mit 12:9 jederzeit überstimmen. Außerdem hat Intendant Klaus von Bismarck nach seiner von der SPD unterstützten Wiederwahl im letzten Januar ausdrücklich gute Zusammenarbeit versprochen. Deshalb begegnete sie dem Bismarck-Elan zur Neuorganisation des Senders ohne Mißtrauen.

Doch schon bald fühlten sich die Sozialdemokraten von Bismarck hereingelegt. Denn ohne die versprochene Rücksprache schlug der Intendant Mitte Juli den langjährigen Chef des Dritten TV-Programms, Werner Höfer, öffentlich als zukünftigen Direktor der zusammengelegten Programmdirektionen vor, und Höfer konnten die Sozialdemokraten kaum ablehnen. Zweifel am parteilosen Frühschöppner hätten den NRW-Innenminister und Höfer-Intimus Willi Weyer (FDP) verstimmt und dadurch die Mehrheit in den Gremien gefährdet.

»Weil wir Höfer schlucken mußten« (so ein SPD-Gremien Mitglied), beugten sich die Genossen auch dem von Höfer gutgeheißenen Vorschlag, ihm in Zukunft vier mächtige, für die WDR-Fernsehprogramme I und III zuständige Programmchefs und den Sendeleiter zu unterstellen.

Die CDU hatte sich inzwischen längst darangemacht, das abstrakte Planspiel mit parteikonformen Figuren zu beleben. Kopien des zunächst vertraulichen Organisationsschemas zirkulierten in rheinischen CDU-Dependancen; der stellvertretende Rundfunkratsvorsitzende Ottmar Pohl (CDU-MdL) besuchte den WDR-TV-Chefredakteur Franz Wördemann mehrfach in dessen Bensberger Privatvilla; Höfer traf sich mit dem Düsseldorfer CDU-Landtagspräsidenten Wilhelm Lenz.

Resultat der christdemokratischen Kontaktsuche: Den Programmbereich Spiel und Unterhaltung überließ die CDU dem parteilosen Günter Rohrbach, die Kultur darf das SPD-Mitglied Hans-Geert Falkenberg betreuen. Die drei restlichen und wichtigsten neuen Spitzenpositionen im fusionierten WDR besetzte sie mit strammen CDU-Mitgliedern.

>CDU-Mitglied Franz Wördemann übernimmt den gesamten Programmbereich »Politik« und kontrolliert damit »Monitor«, »Weltspiegel«.,, ARD-Ratgeber«, Feature, Polit-Dokumentationen, Ost-West-Redaktion, Studio Bonn. alle Inlands-, alle Auslands-Studios, die Kölner »Tagesschau«-Filiale und sogar den Sport.

* CDU-Mitglied Klaus Mahlo versieht Programmplanung und Sendeleitung, pflegt »ARD-Kontakte« und vertritt den Fernsehdirektor.

* CDU-Mitglied Friedrich Wilhelm Räuker betreut »Wissenschaft und Erziehung« und beaufsichtigt so Schul- und Vorschulfernsehen, Studienprogramme und TV-Kurse, wissenschaftliche Aufklärungsserien und den illustrierten Kirchenfunk. Um auch bei der Berichterstattung über Schulen, Umweltverschmutzung. Mitbestimmung und Sozialreformen mitreden zu können, zerschlugen die CDU-Strategen die ehemalige Abteilung »Kultur und Gesellschaft« unter dem SPD-Mitglied Klaus Simon, dessen Arbeit Bismarck erst jüngst noch als »beispielhaft für den ganzen WDR« gerühmt hatte, in zwei ungleiche Teile: Die politisch relevante »Gesellschaft« soll Wördemann, die »Kultur« der Fernsehfeuilletonist Falkenberg übernehmen. SPD-Mann Simon war nicht mehr gefragt.

Ende Juli machte Juso Linde im WDR-Kasino die Genossen erstmals auf die Gefahr der CDU-Übermacht aufmerksam. Ministerpräsident Kühn versprach, die Probleme mit CDU-Lenz im privaten Dialog zu klären: »Man muß auch mal was hinter dem Vorhang machen können.« Kühns Gefolgschaft indes lehnte das Versteckspiel ab.

Am 7. September trafen sich in der Düsseldorfer Staatskanzlei NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau, Regierungs-Sprecher Fritz Stallberg und Erdmann Linde zur Korrektur des CDU-konformen Stellenplans. Wichtigste Änderungsvorschläge: Für das SPD-Mitglied Walter Erasmy soll ein neuer, Wördemann gleichgeschalteter Programmbereich »Regionales« eingerichtet werden; SPD-Mitglied Klaus Simon soll seine alte Redaktion weiterführen (wenn auch unter Wördemanns Aufsicht): das Bonner Studio soll Wördemanns Kommando entzogen und direkt Höfer unterstellt werden.

Für die Zusage, daß die FDP den Posten des Produktionschefs mit ihrem Parteimitglied Harald Töldte besetzen darf, willigte am vergangenen Dienstag Willi Weyer in die SPD-Vorschläge ein.

Doch mit den Retuschen der Düsseldorfer Regierungsparteien ist Lindes schwarzer Riese kaum kleiner geworden. Die SPD hat in der Rundfunkpolitik wieder einmal nicht aufgepaßt.

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