RAUMFAHRT / SALJUT Später Gruß
Sehr stetig, ja, sehr ein-Schritt-vor-den-anderen-gelegt«, sah Wernher von Braun (in einem SPIEGEL-Gespräch) das russische Raumfahrtprogramm. Gemächlich fast, wäre hinzuzufügen, und nicht ohne Stolperschritte durch unvorhergesehene Hindernisse.
Erst neun Tage nach dein Moskauer Parteitag -- dem sonst bevorzugten Termin für spektakuläre Weltraumaktionen -- gelang es den Startmannschaften in Baikonur, den kosmischen Gruß an die kommunistische Völkergemeinschaft auf den Weg zu bringen.
In der Nacht zum Montag letzter Woche, um 3.40 Uhr MEZ, schossen die Sowjets die erste »wissenschaftliche Orbitalstation« (so »Tass") in eine erdnahe Umlaufbahn. Name des neuen Raumgefährts: »Saijut 1«.
Stündlich hatten von diesem Zeitpunkt an westliche Experten auf weitere Starts zur Komplettierung und Bemannung der orbitalen Station gewartet. Aber erst Freitag morgen hoben die Kosmonauten Wladimir Schatalow, 43, Alexei Jelissejew, 36, und der Kosmos-Neuling Nikolai Rukawischnikow, 39, mit dem Raumschiff »Sojus 10« von der Startplattform in Baikonur ab.
Aufgabe der Kosmonauten-Mannschaft, so meldete »Tass« nach dem -- mit achtstündiger Verspätung vom Sowjet-Fernsehen gezeigten -- Start, seien »gemeinsame Experimente« mit der »Saljut«-Station. In der Nacht zum Sonnabend bereitete Kommandant Schatalow dann jenes Manöver vor, das er bei seinem letzten Weltraumflug ("Sojus 8") nur hatte simulieren können: die Koppelung mit dem unbemannt hochgehievten Kernstück der »Saljut«-Raumstation. (Bei dem russischen Dreierflug mit Sojus 6, 7 und 8 war der »Saljut«-Vorläufer samt Trägerrakete während des Starts zerstört worden.)
Sicher scheint indes, daß die »Saljut«-»Sojus«-Kombination nicht der Anfang einer permanent erdumkreisenden Sowjet-Station war, wie manche westliche Raumfahrt-Kommentatoren schon vermutet hatten.
Vordringliches Ziel war offensichtlich, neben der Tauglichkeitsprüfung der »Saljut«-Station, die Belastungsfähigkeit des menschlichen Organismus bei lang dauernden Weltraumflügen weiter zu erforschen. Denn anders als die amerikanischen Apollo- und Gemini-Astronauten, die sich auch am Ende ihrer Langzeitflüge relativ fit fühlten, war beispielsweise die Sojus-Besatzung im Juni letzten Jahres zeitweilig krank durchs All geflogen.
So mußten die Kosmonauten Nikolajew und Sewastjanow nach ihrem 18tägigen Rekordflug aus der Sojus-Kapsel herausgehoben werden. Und noch zwei Wochen nach der Landung litten die Kosmonauten unter Muskelschwäche und Gleichgewichtsstörungen: Sie stolperten auf Treppen, und auch das Sprechen fiel ihnen schwer.
* Jelissejew, Schatalow, Rukawischnikow.