Städtebau: »Macht es mit Würde«
Stürzt das Ulmer Münster ein? Droht dem Hamburger Jungfernstieg die Zerstörung? Quillt bald Lava aus dem Bremer Domshof und türmt sich erstarrend zu einem Affenfelsen?
Bange Fragen -- Bilder einer Apokalypse, die, mitten im Frieden, Chaos und Not über deutsche Städte bringt: den Kollaps des Straßenverkehrs, den Zusammenbruch des Einzelhandels, die Verarmung der Gemeinden. Dabei ist alles gut gemeint. Zahlreiche Kommunen in der Bundesrepublik wollen die städtebaulichen Sünden der Nachkriegszeit wiedergutmachen, wollen ihr trauriges Stadtbild liften: Von Bremen bis Stuttgart wird Platz gemacht.
Eine plötzliche Lust zur Platzgestaltung hat die Städte der Republik erfaßt. Sie räumen die vernachlässigten und verwahrlosten Plätze auf, renovieren mißbrauchte und zerstörte Märkte, planen Freiräume für Bürger und Besucher -- zu ungestörtem Verweilen und frohgemutem Flanieren.
Verkehrsflächen sollen wieder Stadträume werden. Wo bislang Autoblech in Reihen stand, sollen Bäume und Blumen gedeihen und kunstvolle Arrangements den Bürgerstolz heben: Prachtplätze statt Parkplätze.
Architekten und Städteplaner, die Besten ihres Fachs, sind zu Wettbewerben aufgerufen. Trotz angespannter Haushaltslage wurden viele Hundert Millionen Mark lockergemacht.
Doch die Pläne für die bundesweite Schönheitsoperation treffen vielerorts auf den Widerstand der Bürger. Die Kluft zwischen den Vorstellungen von Behörden und Bewohnern, zwischen den Absichten der Gestalter und den Erwartungen der Benutzer wie den Hoffnungen der Geschäftsleute scheint in vielen Fällen unüberbrückbar.
Alle träumen von etwas Erhabenem und Feinem, so wie Brüssel seine La Grand' Place, Paris seine Place des Vosges besitzt oder Venedig seinen Markusplatz (von dem Napoleon sagte, er sei der »schönste Salon Europas"). Doch die Realität, die nun in deutschen S.209 Städten entsteht, wird trostlos aussehen, provinziell:
* Dem »Verlangen nach historischer Identitätsfindung Frankfurts« als »vielhundertjährigem Mittelpunkt deutscher Reichsgeschichte« will Oberbürgermeister Walter Wallmann bei der Neugestaltung des Frankfurter Römberbergs Rechnung tragen -- mit einer Zeile aus sechs Pfefferkuchenhäuschen vis-avis vom Römer. Hessens Landeskonservator Professor Gottfried Kiesow sieht darin »keinen Akt der Denkmalspflege«, sondern stuft die Stilmöbel-Architektur als ein »Zeitdokument für die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts« ein.
* »Macht es mit Würde! Der Platz muß mit Anstand leer sein können«, lautete der Auftrag für den Neubau des Hamburger Rathausmarktes. Mit Bodenbelag aus grauem Granat und kargem Meublement aus Kiosken, Kandelabern und Gestühl soll die bislang ungestaltete Leere vor dem Hamburger Rathaus sich in gestaltete Leere verwandeln. Der Hamburger Einzelhandel schrie (wegen der Folgen für den Autoverkehr) zetermordio.
* Stuttgart will seinen Kleinen Schloßplatz, ein Zeitdokument der 60er Jahre, neu gestalten. Vor 13 Jahren wurde dort, nach Planung des Professors Max Bächer, ein Betondeckel über einen Straßendurchbruch gelegt. Die Anlage gilt nun als »Störmal« und soll einer Neugestaltung weichen -- doch die Stadtbaumeister haben nicht den Schimmer eines Konzepts.
* Kassel restauriert seinen Friedrichsplatz, der mit 56 000 Quadratmetern (rund acht Fußballfelder) fast so groß ist wie der Petersplatz in Rom. Die riesige Fläche wird wieder klassizistisch streng -- zur unbenutzten guten Stube? Ein »Arbeitskreis Sanierungskritik": »Die frühere Nutzungsvielfalt ist dahin.«
* In Ulm wird der Münsterplatz aufgebuddelt; er soll von parkenden Autos befreit werden. Die geplanten Tiefbauarbeiten für die vor allem vom Einzelhandel geforderte Tiefgarage gefährden nun die Standfestigkeit des Ulmer Münsters.
* Bremen beauftragte ein West-Berliner Architekten-Team, den Domshof umzugestalten. Die Baumeister S.211 möchten den Platz in eine »Tektonische Woge«, eine Art steingewordene Flutwelle, verwandeln. Bürger-Wehr erzwang eine modifizierte Lösung.
* Auch in Osnabrück waren die Neuerer am Werk. Der Architekt Helge Bofinger verpaßte dem Ledenhof eine so gründliche »Dramatisierung« aus »Bezugslinien«, »Verschneidungen« und »Raumkanten«, daß der Spaziergänger -»tangential an den Platz geführt« -- zwischen Stufen, Brüstungen, Handläufen und Rinnsalen zum eingeschüchterten »Platzbesucher« wird.
»Wer nicht weiß, warum, wird auch nicht wissen, wie«, kommentierte das Fachblatt »Bauwelt« die allgemeine Hilflosigkeit der Platzbauherren, die meist nicht mal wissen, was sie wollen -- ob Marktplatz, Schmuckplatz, Grünplatz, Versammlungsplatz oder Architekturplatz. Sie wissen nur, was sie nicht mehr wollen: den Verkehrs- und Autoabstellplatz.
In Stuttgart gaben sie Malbücher an die Bevölkerung aus -- und erhielten Anregungen wie Bauernhof oder Akropolis. Dann veranstalteten die Stuttgarter einen Architektenwettbewerb -- und erhielten Vorschläge wie den für einen Aussichtsturm in Form eines Laubfrosches aus Beton: deutscher Städtebau 1981.
Überdies gerät fast jeder Streit um Platzgestaltung auch zu einer Auseinandersetzung über den Autoverkehr, den rollenden wie den ruhenden. Einst wurden dem platzfressenden Automobil die schönsten Stadtanlagen geopfert.
Diese Entwicklung soll nun wieder zurückgedreht werden -- aber fast überall sträubt sich der Einzelhandel, der Umsatzeinbußen befürchtet. Stets soll bei der Einrichtung von neuen Fußgängerbereichen der »Anliegerverkehr« gehegt und gepflegt bleiben.
So erhoben in Hamburg die Geschäftsleute, »die das Bild der City prägen« (Einzelhandelsverband), schwere Vorwürfe gegen den Senat: Weil er sich einerseits scheute, den neuen Rathausmarkt mit einer Tiefgarage zu unterkellern, andererseits aber nicht davor zurückschreckte, den überquellenden Verkehr über den Jungfernstieg abzuleiten, prophezeiten die Einzelhändler die Zerstörung der »Prachtstraße« und Not für die Wirtschaft der gesamten Innenstadt.
Auch die Geschäftsleute ums Ulmer Münster herum bangen um ihre gehfaule Kundschaft und fordern deshalb die Tiefgarage für 1000 Autos. Auf dem Platz darüber soll der Blumen-, Eier- und Gemüsemarkt erweitert werden, sollen vielleicht auch mal wieder 8000 Posaunenbläser antreten mit dem Choral »Lobet den Herren«.
Doch die Ulmer Städtebauer bangen um den sakralen Wolkenkratzer: Der gotische Superbau (162 Meter) ruht auf einer zwölf Meter starken Kiesschicht. Das Fundament aus dem Jahre 1377 besteht aus Baumstämmen und Findlingen und reicht knapp vier Meter tief.
Bei Gründungen von mehr als vier Meter Tiefe ist zum Münsterturm ein Sicherheitsabstand von 40 Meter vorgeschrieben. Die Einzelhändler besorgten sich ein besänftigendes Gutachten für das Tiefgaragen-Projekt -- aber die Stadtbauherren möchten es auf eine Probe nicht ankommen lassen.
In etlichen Städten hat die allmächtige Verkehrsplanung jeden Gestaltungswillen von vornherein unterdrückt.
Sie walzte die Plätze zu Pisten und Kreiseln aus, überbaute sie mit Viadukten oder ließ sie einfach, mitsamt ihrer ruinierten Randbebauung, jahrzehntelang verwahrlosen.
Bei solchem Zerstörungswerk konnten sich die Planungsbeamten freilich auf die Gründungsväter der architektonischen Moderne berufen: Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier S.214 hatten den herkömmlichen Platz für überholt erklärt und den freistehenden Baukörper zum Dogma erhoben. Statt Platzraums zwischen geschlossenen Fronten wollten sie nur den Luftraum zwischen einzelnen Gebäuden dulden.
Verlorengegangen war die Kunst, Plätze zu bauen, schon irgendwann im 19. Jahrhundert -- nach dem Barock kam nicht mehr viel. Zudem hatten, mit fortschreitenden gesellschaftlichen Veränderungen, die Kirch- und Rathaus- und Denkmalplätze ihre früheren Funktionen und vieles an Symbolkraft eingebüßt.
Über Jahrtausende -- von der griechischen Agora über das römische Forum und die Markt- und Domplätze des Mittelalters bis zu den Stätten bürgerlicher Macht und den Arenen der Aristokratie -waren die Plätze stets Mittelpunkte der Stadt gewesen: Markt und Jahrmarkt, Festplatz, Richtstätte.
Mit der verwalteten Massengesellschaft, spätestens in der technisierten, mobilisierten, audiovisuell ausgerüsteten Welt, war das alles passe.
Am konsequentesten machte München an seinem weltbekannten Karlsplatz, dem »Stachus«, tabula rasa: Die Oberfläche blieb ausschließlich den Autos vorbehalten -der Mensch und sein Milieu wurden in Untergeschosse verbannt.
Der einstige Mittelpunkt der Stadt verschob sich; die Münchner stimmten mit den Füßen ab und wanderten in die benachbarte Fußgängerzone, bis hin zum Marienplatz.
Auf der halben Meile zwischen Karlsplatz und dem Rathaus in »flandrischer Gotik« aus dem späten 19. Jahrhundert wird der Verlust durch die Platzzerstörung deutlich: kunterbunte Imbiß- und Einkaufsarchitektur, austauschbar und gestaltlos im Vergleich zu erhalten gebliebenen Plätzen -- wie etwa den Klassikern in Brüssel und Siena.
In Brüssel mußten allerdings junge Europäer noch zu Beginn der siebziger Jahre mit einer Serie von Happenings nachhelfen, um den »schönsten Parkplatz Europas« -- gegen den Widerstand der Geschäftsleute -- von Autoblech und den Abgasen des Durchgangsverkehrs zu befreien.
Der Platz, mit den Worten des 1957 verstorbenen Münchner Kunsthistorikers Wilhelm Hausenstein »nur die entzückteste Bewunderung genugtut«, dient wieder als Blumenmarkt und sonntags als Vogelmarkt -- umstanden von Rathaus und jenen hochgiebeligen Zunfthäusern, die seit einem halben Jahrtausend vom Sieg der Zünfte über das aristokratische Stadtregiment zeugen: Selbstdarstellung städtischer Demokratie.
Vergleichbares gibt und gab es in Deutschland nicht. Einige Städte haben immerhin Vorzeigbares: Bonn seinen Markt, Bremen seinen Rathausmarkt, Nürnberg seinen Hauptmarkt.
Nachkriegsversuche, Neues zu schaffen, schlugen kläglich fehl. So in Köln, wo ein Betonplateau voller steinerner Konfiserie nun den Dom zu tragen scheint wie ein Tablett. So in Hannover, wo etwa der neue »Raschplatz« so einladend wirkt wie ein Steinbruch.
Zwar zeichneten Architekten wie der Luxemburger Rob Krier ganze Leitfäden für kompakten Platzbau zusammen -- doch die Arbeiten blieben akademisch, wirklichkeitsfremd.
Avantgardisten wie der Architekt Hans-Dieter Schaal entwarfen »Denkanstöße«, etwa ein Wasserbecken oder eine prismatische Verglasung am Ulmer Münster -- und bestärkten damit die Bevölkerung nur in ihrem Mißtrauen gegenüber allen Architekten.
Kunstschaffende wie Otto Herbert Hajek demonstrierten ihre Kreativität an S.216 »Kunstlandschaften« und »begehbaren Plastiken« -- und machten mit ihrem angestrengten Design dem Bürger nur Platzangst.
Um möglicherweise nicht noch mehr Coiffeuren und Visagisten unter den Umweltgestaltern auf den Leim zu gehen, suchten die meisten Städte ihr Heil in großangelegten Architektenwettbewerben -- teilweise mit internationaler Beteiligung. Aber: Was weiß ein Architekt in Tokio schon von den Lebensgewohnheiten an der Stuttgarter Königstraße?
Die Einheimischen wissen offenbar auch nicht mehr -- wie sich in Bremen zeigte; die Bürger ließen sich die vorgesehene »tektonische Woge« auf dem Domshof nicht gefallen.
Noch bis 1800 hatte eine Sanddüne den Bremer Domshof beherrscht. Er diente als Schießplatz, Holzmarkt, Richtstätte; als letzter Kopf fiel dort vor 150 Jahren das Haupt der Giftmörderin Gesche Gottfried.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Domshof mit einem riesigen Bunker unterkellert. Danach wurde er zum Autoparkplatz. Die Seitenbebauung bildet schaufensterloser Kommerz: Der Platz ist von Banken gerahmt.
Die Berliner Architekten Bonanni, Lattermann & Stützel hatten sich in die Idee verrannt, die eingeebnete Düne in rotem Sandstein und grauem Basalt zu rekonstruieren. Ihre Vision: Ein »hervorquellender Lavastrom, sich überschlagend, bildet die den Platz gliedernde Bruchkante« -- 2,20 Meter hoch, wellenförmig gemustert, mit Leuchtstoffröhren an den Stufenkanten.
»Affenfelsen«, urteilten die Bremer über die fast baumlose Felsenlandschaft. Ein Cafe, in Form eines auf die Spitze gestellten Glaswürfels vorgesehen, traf gleichfalls nicht ihren Geschmack: »Documenta-Stil.«
Bürger-Proteste zwangen die Architekten schließlich zu Änderungen: Sie glätteten die Woge auf 1,50 Meter, rückten den Glaswürfel ins Lot und brachten 37 statt der ursprünglich eingeplanten fünf Bäume unter.
Unbeugsam gegenüber allen Bürgerprotesten, einer Presse- und Parteienkampagne und einer Bewegung, zu der sich Einzelhändler, Taxifahrer und lokalpatriotische Steuerzahler zusammengeschlossen hatten, blieb die Hamburger Stadtregierung unter Hans-Ulrich Klose bei ihrem Konzept für den Rathausmarkt.
38,5 Millionen Mark gibt der Stadtstaat aus, um den unansehnlichen Verkehrsknoten in eine »Drehscheibe für den innerstädtischen Fußgängerverkehr« umzuwandeln, mit einer begehbaren, teilweise um 31 Zentimeter abgesenkten Granitfläche von 15 000 Quadratmetern.
Dieser Rathausvorplatz ist seit dem Brand von 1842 Staatsbaustelle und nie vollendet worden. Alle Lösungen blieben Provisorium.
Die luftige Freifläche ist, nach städtebaulichen Maßstäben, gar kein Platz. Die Mönckebergstraße klafft wie von einer Luftmine gerissen an einer der Flanken. Das Rathaus-Gegenüber ist von deprimierender Häßlichkeit. Die Phrasen über das »Herz der Stadt«, das »Zentrum einer Weltstadt«, den »Identifikationspunkt für alle Hamburger« vertragen sich nicht mit der Unwirtlichkeit dieser Fläche: Hamburger kalte Platte.
Ausgerechnet über die einzige heitere Planidee -- eine viertelkreisförmige Treppe zur Kleinen Alster, Baujahr 1846, durch eine tribünenartige Sitz- und Wassertreppe bis zum Jungfernstieg zu verlängern -- zettelten Denkmalschützer noch einen Streit an.
»Hände weg von unserer Treppe«, hieß es im »Hamburger Abendblatt«, und auch Kultursenator Wolfgang Tarnowski drohte, »dieses in der Welt einmalige Baudenkmal« dürfe »nicht angetastet werden«.
Aber wer schützt die Hamburger und ihre Denkmäler vor ihren Beschützern?
Daß auch und eben eine Treppe einen Platz überhaupt erst »bewohnbar« machen kann, läßt sich von früh bis spät an der Piazza di Spagna in Rom beobachten: auf der Spanischen Treppe.
Das 80 Meter lange Kunstwerk führt, über einen Höhenunterschied von 20 Meter, vom Spanischen Platz zur Klosterkirche Santa Trinita dei Monti. Franziskanermönche haben es vor 250 Jahren gebaut.
In einem »Plädoyer für ein Leben mit Kulturdenkmälern« beschreibt der westdeutsche Architektur- und Sozialwissenschaftler Professor Roland Günter die »Multifunktionalität« der Treppe, die alles zugleich sei: Passage und Promenade, Konzertplatz und Knutsch-Ecke, Lese-Ecke und Picknickplatz, Liege-Wiese, Galerie und Markt.
Auf der Spanischen Treppe, bemerkt Günter, sei nichts reglementiert: »Gewöhnlich braucht man fünf Minuten, bis man von unten nach oben kommt. Manche brauchen Stunden.« Auf der Spanischen Treppe ist immer was los.