FERNSEHEN / JUGEND Teuflisch schmutzig
Hannes Hoff, Unterhaltungschef des WDR, weiß es schon lange. »Wir haben«, sagt er, »jahrelang geschlafen. Das Fernsehen ist behäbig geworden. Das junge Publikum sitzt nicht vor dem Bildschirm -- das bedeutet, daß wir nicht verstehen, es dorthin zu holen.«
Und dabei, das weiß auch Dieter Stolte, Programmplaner beim ZDF, sind doch »rund 33 Prozent der Zuschauer, die unsere Programme sehen könnten, nach 1945 geboren. Rechnet man auch jene Personen dazu, die nach 1945 in die Volksschule gekommen sind, dann erhöht sich der Anteil auf 40 Prozent« -- auf rund 17 Millionen Teens und Twens.
Nun endlich reiben sich die TV-Funktionäre den Schlaf aus den Augen. auch Clemens Münster, Münchner Fernsehdirektor und ARD-Koordinator des Nachmittagsprogramms. Er meint: »Wir müssen versuchen, die rebellischen jungen Leute zu guten Partnern zu machen, ohne daß sie ihren rebellischen Geist verlieren.«
Und sie versuchen es, wenigstens im Nachmittagsprogramm der ARD. Sie holen sich »Regisseure von morgen« (Titel einer Serie des Bayerischen Fernsehens) ins Studio, sie animieren Nachwuchsautoren (so der Süddeutsche Rundfunk) »Schreib ein Stück« porträtieren in einer NDR-Sendereihe »Eine neue Generation« und umwerben die Jungen mit politischen Magazinen wie »in« (Radio Bremen) und »Tele-Skop« (SFB), mit dem Bremer »Beat-Club«, der Kölner Mixed-Media-Show »baff« und dem Stuttgarter Panoptikum »p«, das für alles steht, was bei der Jugend ankommt: Pop und Penne, Pubertät und Pille, Penis und Politik.
Diese Magazine, vorwiegend von End-Zwanzigern für billiges Geld produziert, haben vielerlei gemeinsam: Mit raffinierten Schnitt-, Trick- und Montagetechniken rebellieren sie gegen die Mattscheibe der Alten, gegen das »Fernsehprogramm, wie es jetzt ist« ("p«-Macher Werner Schretzmeier, 26). Ungeniert mischen sie in ihrem Protest gegen die öde Fernseh-Konfektion Hundesalon und hungernde Kinder, Bundestagsdebatte und Porno-Shop, Apo-Aufstand und Rock-Musik.
»Wir wollen«, erläutert »in«-Mitarbeiter Lutz Mahlerwein, »Zwänge aufzeigen, die von den Erwachsenen auf die Jugendlichen ausgeübt werden.« Also informieren sie: über meuternde Jungdemokraten, Schülermitbestimmung und Black Power, über Konsumzwang, Kadettendrill und Kriegsdienstverweigerung. Und ganz selbstverständlich bringen sie auch die nackte Lust ins Bild.
Aber soviel rebellischer Geist ist den meisten Intendanten, Programmdirektoren und Hauptabteilungsleitern der Fernsehanstalten auch wieder zuviel -- um so mehr, als es an Zuschauerbriefen gegen diese »ungepflegten Heuler, Schreier und hopsenden Brüller«, gegen diese »Kommunistenagenten« mit ihren »Nuditätensendungen« und ihrem » Gossendreck« keineswegs fehlt.
Die »Mutter einer großen Familie« wehrte sich für die »gesamte deutsche Jugend, die noch nicht vom Gift der Zersetzung zerfressen ist«, gegen die Stuttgarter »p«-Sendung »mit der Forderung, sie zu unterlassen«. Und auf Kölns »baff«, jeden vierten Samstag um 15.30 Uhr im Programm, reagierte ein Fernseher: »Die Sendung wäre nach Mitternacht noch bedenklich, um diese Kinderstunde aber ist sie teuflisch schmutzig.«
So etwas liest man nicht gern. Mögen Deutschlands Fernseh-Chefs auch noch so wagemutig und unerschrocken sein bei ihnen stehen die meisten Autoren und Regisseure der aggressiven Jugend-Beiträge allemal mit kurzbefristeten Verträgen in Lohn und Brot.
Südfunk-Schretzmeier klagt: »Wenn »p« nicht ankommt, bin ich draußen. Ich weiß nie, ob's weitergeht. Seinem Stuttgarter Kollegen Rainer-Götz Otto, der die Serie »Schreib ein Stück« (Otto: »Alibi einer überholten Programmpolitik") betreut, wurde der Vertrag nicht verlängert; die Reihe läuft Ende August aus. Ingrid Lorenz, bei Radio Bremen immerhin fest angestellt, darf mit ihrem »in«-Team (Hausjargon: »Kommune Lorenz") jeweils nur für drei Sendungen im voraus planen.
Dennoch: Aufgeben mögen die jungen Rebellen des Fernseh-Nachmittags um keinen Preis. Im Gegenteil, sie wollen nun sogar ins Abendprogramm, auch dann, wenn sie damit schlechtere Infratest-Bewertungen riskieren. Pop-Shows wie der »Beat-Club« beispielsweise erzielen nachmittags, wenn fast ausschließlich jugendliche Zuschauer eingeschaltet haben, bei zwölf Prozent Sehbeteiligung das beachtliche Index-Ergebnis plus drei. Das Beat-Porträt der amerikanischen Sängerin Janis Joplin, nach 21 Uhr und somit auch für Erwachsene ausgestrahlt, erzielte dagegen bei elf Prozent Publikum minus zwei.
Das alles schert die Redakteure und Regisseure von morgen nicht. Und Peter Scholl-Latour, Fernseh-Direktor des Westdeutschen Rundfunks, steht ihnen zukunftsgläubig zur Seite: Von Herbst 1970 an will er das Magazin »baff« (Redakteur: Hans-Gerd Wiegand), das in diesem Jahr mit einer »Goldenen Kamera« und einem »Goldenen Bildschirm« prämiiert worden ist, am Abend zeigen.