INTELLEKTUELLE Tod der Linken
Das Ende der revolutionären Utopie in Frankreich begann mit zwei Morden. Am 23. März 1977 wird Jean-Antoine Tramoni, 42, Korse, wie sein Name es sagt, vor der Fahrschule, in der er arbeitet, in einer Vorstadt von Paris von zwei Motorradfahrern erschossen.
Drei Stunden später rufen die Täter die Nachrichtenagentur Agence France-Presse an: »Die bewaffneten Zellen für Volksautonomie bekennen sich zur Hinrichtung von Antoine Tramoni, der um 19 Uhr mit fünf Kugeln Kaliber 11,43 getötet wurde. Vor fünf Jahren ermordete Tramoni, Privatbulle von Renault, den revolutionären Arbeiter Pierre Overney. Tramoni ist das Symbol der straflosen Schreckensherrschaft der Bosse geblieben.«
Am 25. Februar 1972 hatte Tramoni, damals ein Angehöriger des Werkschutzes der Autofabrik Renault in Boulogne-Billancourt, Overney mit einem Schuss aus seiner Dienstwaffe ins Herz getötet. Zufällig hatte ein Fotograf die Szene festgehalten. Overney, ein großgewachsener junger Mann mit Afrofrisur, bedrohte bei einem Abstand von zwei, drei Metern den Wachmann Tramoni mit dem hocherhobenen Stiel einer Hacke.
Pierre Overney, 24, war ein jugendlicher Maoist, der sich gegen die »kapitalistische Ausbeutung« erhob und in der Vereinigung der »Proletarischen Linken« gegen die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten kämpfte. An der Spitze eines Kommandos sollte er an jenem Tag den »Faschisten« des Werkschutzes von Renault »die Fresse einschlagen«.
Sein Tod löste, vier Jahre nach dem Mai 1968, der in Paris weitgehend unblutig verlaufen war, eine ungeheure Entrüstung aus. Die Gewerkschaften, die Presse, die Öffentlichkeit trauerten um »Pierrot«, wie er nun liebevoll genannt wurde, ein französischer Dutschke. Über 200 000 Menschen folgten dem rotverhüllten Sarg des jungen Arbeiters wenige Tage nach dem Zwischenfall von der Place Clichy zum Friedhof Père-Lachaise, darunter prominente Linke wie die Schriftstellerin Marguerite Duras, die Schauspielerin Simone Signoret, der Regisseur Jean-Luc Godard und der Philosoph André Glucksmann. Es war der größte - aber auch der letzte - Aufmarsch der Linken in den Nachbeben der 68er-Bewegung.
Der marxistische Denker Louis Althusser, der später seine Frau im Wahn erwürgte und in einer psychiatrischen Heilanstalt landete, kommentierte die Trauerfeier als epochale Zäsur: An diesem Tag sei die Linke beerdigt worden, endgültig, ohne Wiederauferstehung.
Aus der Protestbewegung vom Mai '68 war die militante maoistische Vereinigung »Gauche Prolétarienne« hervorgegangen, Berufsrevolutionäre, die die Sympathie der intellektuellen Elite genossen, darunter Jean-Paul Sartre, Michel Foucault, der Dramatiker Maurice Clavel, Serge July, der Herausgeber der neuen Linkszeitung »Libération« und eben auch Glucksmann, der sich hinterher zum Aufklärer gegen alle Totalitarismen wandelte und seinen Jugendverirrungen abschwor.
Ihre Geschichte hat jetzt der Schriftsteller Morgan Sportès, 1947 in Algerien geboren, in einer ironisch als »Roman« bezeichneten Dokumentation nacherzählt. Der Autor geriet damals selbst in den Strudel des Linksradikalismus, ohne allerdings wirklich infiziert zu werden, weil er lieber Balzac, Flaubert und Proust las als Karl Marx, während die Pflastersteine von den Barrikaden flogen.
»Sie haben Pierre Overney umgebracht« lautet der Titel seines Buchs*. Wer? Die vermeintlichen Faschisten, gegen die Overney zu kämpfen glaubte? Keineswegs, so Sportès, sondern die Vordenker wie Sartre, Clavel, Foucault, Glucksmann und viele andere - etablierte Intellektuelle, zornige Söhne des Bürgertums, die für die Legitimation ihrer revolutionären Träume Arbeiter, Angehörige des Proletariats brauchten und missbrauchten.
Die Kaffeehaus-Philosophen, klagt Sportès an, hätten unbedarfte, naive Jugendliche wie den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Overney in die Straßenschlachten geschickt, während sie sich selbst in den Elfenbeintürmen ihrer Theorien verschanzten. Sie benutzten sie als Kanonen für ihre ideologischen Konstrukte, Opfer und Märtyrer der Bewegung, jeder Tote ein Beweis für die Berechtigung des Aufstands gegen die Repression des Staats und den revolutionären Klassenkampf.
Vor den Renault-Werken rief Sartre, auf einem Fass wie auf einem Rednerpult stehend, die Arbeiter per Megafon zum Aufstand gegen die bürgerliche Gewalt auf. Glucksmann prangerte den »Faschismus« der Regierung unter Präsident Georges Pompidou an. Und Foucault ließ sich von der Aussicht auf eine »diktatorische und sogar blutige« Herrschaft der Kommunisten nicht erschrecken.
Der Tod von Overney brachte die verblendeten Revolutionäre wie in einem Erweckungserlebnis zur Vernunft. Sie lösten ihre »Proletarische Linke« auf. Frankreich blieb von terroristischen Organisationen wie der Baader-Meinhof-Bande in Deutschland und den Roten Brigaden in Italien verschont. Das Land, in dem die Mai-Unruhen 1968 heftiger als überall sonst in Europa getobt hatten, das Paris der Straßenkämpfe, zog keine Blutspur nach sich. Es blieb bei dem einen symbolischen Toten: dem jungen und letztlich unbedeutenden Overney.
Aber noch ein anderer wurde an jenem Tag zu Grabe getragen: der Prototyp des französischen Intellektuellen, den wie kein anderer Sartre verkörperte und der nun
endgültig seine moralische Autorität verspielt zu haben schien.
Noch immer gilt Sartre als der vollkommene, der totale Vordenker im 20. Jahrhundert: Philosoph, Romancier, Dramatiker, Agitator, Publizist und Kunsttheoretiker in einem.
Sein Glanz strahlte so hell, dass ihm zu Lebzeiten selbst ungeheuerliche Fehler nachgesehen wurden. Er verteidigte nacheinander Stalin, Mao, Castro und Che Guevara, Chruschtschow, Tito, Pol Pot und die Rote Armee Fraktion in Deutschland - auch mit einem spektakulären Besuch bei Andreas Baader im Hochsicherheitstrakt von Stammheim. Er erlag allen großen politischen Irrtümern und der totalitaristischen Versuchung der zweiten Hälfte seines Jahrhunderts.
Das Schreiben war für ihn eine Form des Handelns, Wörter wirkten wie Waffen, sie sollten Bestehendes umstürzen, verletzen und Gegner sogar zerschmettern. Da er sein eigenes Denken stets mit der Sache des Volkes identifizierte, behielt er in seinen Augen immer recht, egal welche Wendungen er vollzog.
Diese Verantwortungslosigkeit des revolutionären Schriftstellers, der sich durch nichts gebunden fühlt, analysiert Sportès in seinem Buch am tragischen Beispiel des Todes von Pierre Overney. Sartre und seine Wegbegleiter sind in seinen Augen exemplarisch für den Fluch des Berufsintellektuellen: die ewige Wiederkehr von Enttäuschung, Niederlage und Desillusionierung.
Der Zusammenbruch des Kommunismus und der Arbeiterbewegung hat dem Typus des revolutionären Intellektuellen seine Existenzgrundlage nicht nur in Frankreich entzogen. In der globalisierten Welt hat er seinen neuen Platz noch nicht gefunden. Dort tummeln sich bislang nur Populisten, Oskar Lafontaine ist allenfalls ein schwacher Abklatsch des Arbeiterführers von einst.
Die Zeit des engagierten Philosophen nach französischem Vorbild, in der Tradition von Voltaire bis Sartre, der Polemiker, Schriftsteller, Journalist, Politiker und Wissenschaftler zugleich sein konnte, ist abgelaufen. Er ist gewissermaßen ein Kollateralopfer des vorherrschenden Liberalismus geworden.
Mit Overney starb auch der Aufklärer und Verblender Sartre. Sein mythisches Bild ist verblasst. Für seine Nachfolge ist heute niemand in Sicht. ROMAIN LEICK
* Morgan Sportès: »Ils ont tué Pierre Overney«. EditionsGrasset, Paris; 400 Seiten; 20,90 Euro.