Tränen, Tränen und viele Dollars - DER SPIEGEL
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Tränen, Tränen und viele Dollars

Zum marktstrategisch günstigsten Termin -- sechs Monate nach Erscheinen der in mehr als 175 000 Exemplaren abgesetzten deutschen Ausgabe -- kommt das »dümmste, zynischste, langweiligste Buch der Saison« ("FAZ") als Film in die Kinos der Bundesrepublik: die von Erich Segal verfaßte, von Arthur Hiller inszenierte »Love Story«. Von dem tränentreibenden Rührstück (US-Einnahme: 32 Millionen Dollar) erwarten Branchenkenner auch für Deutschland Kassenrekorde -- selten hatte hierzulande ein Film vor dem Start so viel Publicity.
• aus DER SPIEGEL 34/1971
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Lieben«, so lasen es feuchten Auges schon Millionen »Love Story«-Käufer in 23 Sprachen, »Lieben heißt, daß man nie um Verzeihung bitten muß.« Als einer der ersten hatte der US-Impresario Howard Minsky die Binsenweisheit in einem Drehbuchentwurf gelesen, den ihm der Yale-Professor Erich Segal geschickt hatte.

Die trübsinnige Geschichte -- der mit seinem reichen Vater verkrachte Harvard-Student Oliver heiratet ein armes Mädchen, das an Leukämie dahinstirbt -- »rührte mich«, sagt Minsky, »so zu Tränen, daß ich beschloß, meinen ersten Film zu machen«. Doch keines der großen Hollywood-Studios wollte die Schmonzette finanzieren.

Da gab Segal -- auch er hat beim Schreiben, zweimal, wie er sagt, geweint -- das Skript einer Jugendfreundin zur Lektüre: der Schauspielerin Ali Mac-Graw, um deren Gunst sich gerade der Paramount-Produktionschef Robert Evans bewarb. Ergebnis: Ah heulte. Als sie sich wieder gefaßt hatte, optierte die Darstellerin, inzwischen verehelichte Mrs. Evans. für die weibliche Hauptrolle, und Minsky durfte »Love Story« im Paramount-Auftrag produzieren.

Vorher jedoch änderte er zusammen mit Segal das Drehbuch -- denn derart naiv, wie es die Entstehungsgeschichte des Hollywood-Erfolgs vermuten läßt, war keiner der Beteiligten.

So wurde aus der zunächst als Jüdin konzipierten Hauptfigur die katholisch erzogene Tochter eines verwitweten Zuckerbäckers italienischer Abstammung; und dieser Eingriff macht aus dem Personal der »Love Story« eine perfekte Identifikationsvorlage für die schweigenden Mehrheiten aller Länder.

Nun können rechtschaffene. reiche Eltern im Kino mit dem Helden-Vater den Undank eigensinniger Kinder beseufzen, gibt der gläubige Konditor allen Einsamen ein Vorbild menschlicher Größe: Er erträgt es, daß sich die Kinder ohne kirchlichen Segen trauen lassen, und bleibt am Totenbett »stark«, weil er es so versprochen hat.

Das junge Liebespaar schließlich wirkt im Buch und noch viel mehr auf der Leinwand, wo ein musikalisches, inzwischen 317mal auf Schallplatten variiertes Leit-Motiv zusätzliche Emotionen weckt, als Katalysator geheimer Hippie-, Yippie-, Streber- und Jesus-Jünger-Sehnsüchte nach einem konfliktfreien. glücklichen Leben. (Man muß ja nicht gleich eine Leukämie erwischen.)

Hat der Produzent Minsky wirklich gewußt, wie sehr es seine zerrissene Nation nach einem solchen Märchen, nach der »Rückkehr der Romantik« ("Time") verlangte? Jedenfalls wußte er aus Erfahrung, daß sein Film fast mechanisch auf die meisten Tränendrüsen wirkte. Und dieses Wissen münzte er mit Bedacht in Dollars uni.

Obschon das Rühr-Werk Anfang 1970 vollendet war, schob er die Uraufführung monatelang hinaus. Erst sollte Professor Segal das Drehbuch zu einem Roman umschreiben -- das Buch zum Film ist allein in den USA zehn millionenmal verkauft worden. Mitten im Lese-Boom. Weihnachten 1970. startete Minsky den Film. Schon nach drei Tagen hatte er die Herstellungskosten (2,26 Millionen Dollar) eingespielt.

Die britische Königinmutter Mary und Prinzessin Margaret zählten mit Amerikas First Lady Patricia Nixon samt Töchtern Tricia und Julie zu den ersten Heulern. und der Präsident selber gab den allerhöchsten Segen: »Ich empfehle den Film.«

Die Empfehlungen und die Rekordeinnahmen haben sich herumgesprochen. Wenn der Film nach amerikanischem Vorbild Monate nach Erscheinen der Buchausgabe am freitag nächster Woche in 34 deutschen Großstädten anläuft, ist die Kunde von der »Love Story« in rund 35 Millionen Illustrierten- und Zeitungsexemplaren auch hierzulande verbreitet. »Noch nie«, so der vom »Love Story«-Verleih CIC als Promotion Manager eingesetzte PR-Berater Hellmut P. Gattinger. »hatte ein Film in Deutschland eine so große Publicity.«

»ln einer großangelegten Aktion« (Gattinger) unterstützen Kaufhausgruppen wie Horten, Kaufhof und Neckermann »die faustdicke Verlogenheit dieser Sob (Seufzer-)Story« (Schriftsteller Robert Neumann). Gastwirte in München und Köln haben ihre Etablissements mit dem Filmtitel geschmückt: die »Benteler Werke AG« nutzt ihn zur Werbung für ihre Stahlrohre.

Doch wenn's schon eine »Love Story« sein soll, dann sind die Buchkonsumenten noch am besten beraten: Neben der aufdringlichen, 99 Minuten langen Hiller-Verfilmung wirkt der lakonisch formulierte Segal-Text (er liest sich ebenso schnell) fast wie große Literatur.

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