Wulff-Talk bei Illner: Zorniger Wulff, braver Prantl
ZDF-Talk mit Christian Wulff "Sie bringen alles durcheinander, Frau Illner"
Christian Wulff, Bundespräsident a.D., ist wieder da - als Buchautor, auf dem SPIEGEL-Titel und jetzt auch als Gast bei Maybrit Illner. Denn es gibt einfach noch zu vieles, was gesagt werden muss zu diesem beispiellosen Fall eines deutschen Staatsoberhaupts, vor allem von ihm selbst.
Immerhin sind durch den Umgang mit ihm ja zwei tragende Säulen des Rechtsstaats in die Kritik geraten, die Justiz und die Medien, was immer noch Stoff für ein paar sehr grundsätzliche Fragen liefert, hier zusammengefasst in der einen, ob die dritte und die vierte Gewalt zu weit gegangen sind.
Mit Antje Vollmer als moralischer und Heribert Prantl von der SZ als journalistisch-juristischer Fachkraft war für angemessene Flankierung bei diesem ersten TV-Auftritt Wulffs seit Rücktritt und Freispruch gesorgt, auch im Hinblick auf das Nervenkostüm der Moderatorin, die mit ihm allein vermutlich noch ein paar heikle Momente mehr erlebt hätte als jenen, in dem sie sich sagen lassen musste: "Sie bringen alles durcheinander, Frau Illner."
Aber dazu war der Buchautor Wulff schließlich gekommen: um endlich alles gerade zu rücken, was da schiefgelaufen ist, den Lesern "mit meiner menschlichen Note" die Chance zu geben, seine Sicht kennenzulernen ("Da ist auch für Sie vieles neu, Frau Illner"), und davor zu warnen, denselben Fehler zu machen wie er und sich unter Preisgabe des Privaten zu eng mit gewissen Medien einzulassen.
"Supertolle" Fotos von Kai Diekmann
"Saudumm" sei vor allem seine ominöse Mailbox-Ansage an BILD-Chef Diekmann (Stichwort "Krieg") gewesen. Aber sein zuvor so harmonisches Verhältnis zu diesem, dokumentiert durch sehr nette Briefwechsel, müsse man eben auch verstehen, schon wegen der "supertollen" Fotos, die er von ihm bekommen habe.
Es war eine von ein paar kleinen, aber aufschlussreichen Szenen, die erahnen ließen, dass es nicht nur nicht leicht ist, Christian Wulff zu sein, sondern auch, ihm durchgängig mit solch kaum gebremstem Wohlwollen zu assistieren, wie es hier seitens Prantls und Vollmers geschah. Ob man denn unbedingt "supertoll" sagen müsse, fragte Letztere mit sanftem Tadel, während Prantl die Kriegsrhetorik monierte.
Später, als Frau Illner per Einspieler eine ganze Reihe prominenter Journalisten diverser Blätter zu Wort kommen ließ, die unisono das ungeschickte Verhalten Wulffs in der Affäre bemängelten, klang es noch mal ähnlich, nur diesmal sarkastisch. Ja ja, das seien sicher "lauter supergute Leute". Allerdings hätten die allesamt inzwischen Selbstkritik wegen übertriebenen Jagdeifers geübt, wie die Moderatorin dann doch noch nachschob und dabei die Augen verdrehte.
"Furchtbares Machtspiel"
Die deutlichsten Worte hierzu kamen ohnehin von den beiden anderen Gästen. Die "Meinungsteilung" unter den Medien habe nicht mehr funktioniert, befand die frühere Grünen-Politikerin. Und der "SZ"-Mann sprach von einem "furchtbaren Machtspiel". Eine solche Jagd dürfe es nicht mehr geben.
Interessant ist dabei ein Blick auf das, was Prantl einst über die Affäre um das Staatsoberhaupt schrieb. "Wulff selber hat das Zündholz, mit dem sich Skandale entfachen lassen, in die Schachtel gelegt" , schrieb er etwa im Dezember 2011 in zwei Texten über "wahrheitsverformende Erklärungen" des damaligen Staatsoberhaupts: "Es ist dies alles kein präsidentenhaftes Verhalten, sondern eher das eines verdrucksten Kleinbürgers." Und wenige Wochen später: "Er ist mit seinem Amt nicht gewachsen, sondern geschrumpft." Wer Wulffs Handeln in der Krise resümiere, der sei geneigt, "den Mangel an Professionalität ebenso wie den Mangel an Moralität als Charakterzug zu beschreiben".
Wulff vermied in der Talk-Runde interessanterweise den Begriff Kampagne und sah es so, dass er seinerzeit die vertrauten konservativen Medien "verloren", aber noch keine neuen "gewonnen" habe - er sei, wie er dem SPIEGEL sagte, eine "Provokation" gewesen, mit neuer junger Frau, Patchwork-Familie und dann auch noch seinem Integrationsanliegen in Richtung Islam.
Man merkte ihm an, wie er sich retrospektiv in dieser Rolle gefiel, das ging fast schon ein bisschen in Richtung Verschwörungstheorie und gipfelte in der Selbsterkenntnis, dass der Rücktritt zwar unausweichlich, er aber ein guter Bundespräsident gewesen sei - und eigentlich auch heute einer sein könnte, wenn es denn nicht mittlerweile einen neuen gäbe.
Diekmann per Tweet: "Warum darf ich nicht dabei sein?"
Der nicht zur Sendung eingeladene Diekmann meldete sich indes bei Twitter zu Wort: "Liebes @ZDF, wenn es schon soviel um mich geht: Warum darf ich in dieser Runde nicht dabei sein?" Anschließend wehrte er sich über den Kurznachrichtendienst gegen Vorwürfe: "Liebe Antje Vollmer, in @BILD hat NIE ein Wort zu irgendwelchen Gerüchten zur Gattin des Bundespräsidenten gestanden!"
Als es um die Rolle von Wulffs damaligem Sprecher Olaf Glaeseker ging, twitterte Diekmann: "Wissen Sie, lieber Herr Wulff, was mir Ihr Sprecher Glaeseker nach dem Frühstück mit Ihnen im Bellevue wörtlich geschrieben hat?" Zwei Minuten später: "Wörtlich schrieb Ihr Sprecher: 'Lieber Herr Diekmann, vielen Dank für Ihre offenen Worte. Ich teile Ihre Auffassung zu 100 %.'"
"All dieses Kleinklein"
In der Runde wurde derweil die jüngste Zeitgeschichte noch einmal aufs Tapet gebracht, samt damaliger Favorisierung Gaucks durch das Haus Springer, und man ließ auch ein weiteres, ziemlich ermüdendes Mal die ganze Vorgeschichte des Rücktritts Revue passieren, mit allen Affären-Ingredienzen vom Hauskauf über das widerliche Getuschel um Frau Wulff bis hin zum Bobby-Car, sodass Frau Vollmer nur noch seufzen konnte: "All dieses Kleinklein."
Jurist Prantl rupfte sein spezielles Hühnchen mit jener Staatsanwaltschaft, die den Fall Wulff überhaupt zur Anklage gebracht hatte, empfahl sowohl der Justiz als auch der Presse, Lehren aus der Angelegenheit zu ziehen, und war sich mit Frau Vollmer insbesondere in einem Punkt völlig einig, nämlich dass man dem Ex-Präsidenten unbedingt ein Kompliment machen müsse für seinen Mut und die Art, wie er nach der Demission den Prozess und alles andere durchgestanden habe.
Der seinerseits wurde am Ende leicht philosophisch und zog die Bilanz, das alles müsse "ja einen Sinn gehabt haben" - um ganz zum Schluss dann aber doch noch so etwas wie eine Drohung auszustoßen: Wer bisher in dieser Sache viel zu gut weggekommen sei, das seien die Politiker, die ihn allein gelassen hätten, ausgenommen Peter Hintze. Über dieses Thema müsse man eigentlich auch nochmal gesondert reden.
Dass dies bei Maybrit Illner der Fall sein könnte, ist nach Lage der Dinge aber kaum zu erwarten.