Doku über Flüchtlinge: Im Abschiebeapparat
Umgang mit Asylbewerbern Abschotten und Abschrecken
Im Umgang mit Asylbewerbern zeigt sich die deutsche Gesellschaft gespalten. Laut aktuellem ARD-Politbarometer der vergangenen Woche sympathisieren derzeit 17,5 Prozent der Deutschen mit der Pegida-Bewegung - die, obwohl sie von ihren Organisatoren nicht als gegen Flüchtlinge eingestellt verstanden werden will, viele Menschen mit fremdenfeindlichen Einstellungen anzieht. Gleichzeitig gehen in Deutschland so viele Menschen wie nie zuvor für eine neue Willkommenskultur auf die Straße und stellen sich den neurechten Warnern entgegen.
Der Film von Christian Jentzsch dagegen hält unbeirrt an der Vorstellung fest, es gäbe ein allumfassendes gesellschaftliches "Wir", in dessen Stellvertretung man sich die Frage nach dem Umgang der Flüchtlingsströmen stellen müsse. "Flüchtlinge - Aufnehmen oder Abschieben?" fragt Jentzsch im Titel seines WDR-Films.
Das ist ehrenwert - doch die Antwort, die der Film mit seinen ineinander verschränkten Berichten von der Abschiebungs- und Abschottungspolitik der EU gibt, wird Pegida-Demonstranten wohl das Messer in der Hose aufklappen lassen. Man könnte auch sagen: So dürften sie gerne öfters sein, unsere Lügenmedien - engagiert für die Geknechteten der Welt, für die, die Kriege, Verfolgung und Armut nach Europa treibt.
Irgendwie hat Jentzsch es geschafft, seine Redakteure davon zu überzeugen, dass ein so hochkomplexes Thema wie die aktuellen Flüchtlingsströme mehr braucht als bloß ein, zwei exemplarische Schicksale. Gedreht über einen Zeitraum von etwa anderthalb Jahren erzählt der Film von Menschen, die in einem trostlosen Erstaufnahmelager hocken, in einem Abschiebegefängnis auf die Deportation warten, die in Hamburg versuchen, ihre nicht ertrunkenen Verwandten nachzuholen, welche wiederum auf einer griechischen Insel den Tod ihrer Angehörigen betrauern.
Zusammenschau humanitärer Katastrophen
Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien, Ghana und Eritrea, dazu noch Interviews mit Migrationsforschern, NGO-Leuten, einem Gefängnispfarrer, einem Frontex-Beamten und Flüchtlingsaktivisten: Etwas atemlos jagt das Team von Drehort zu Drehort. Eine Dreiviertelstunde ist halt auch arg knapp bemessen, wenn es darum geht, all die Verwerfungen unseres Grenzregimes zu zeigen - oder zumindest anzureißen.
Dennoch bleibt manches hängen in dieser rasanten Zusammenschau humanitärer und politischer Katastrophen. Da sind etwa Schilderungen der afghanischen Überlebenden, die mitansehen müssen, wie der Seelenverkäufer, der sie bis auf ein paar hundert Meter an das Ufer der griechischen Insel Famakonisi bringt, von der griechischen Küstenwache wieder aufs offene Meer geschleppt wird. Bei der Aktion dringt Wasser ein, der Kahn sinkt und reißt Dutzende Geflüchtete in den Tod.
Mindestens so empörend wie diese sogenannte Push-Back-Operation selbst ist der Umstand, dass sie für die Verantwortlichen folgenlos bleibt: Die Untersuchung des Falls wird nach kurzer Zeit eingestellt. Der deutsche Einsatzchef von Frontex weist jede Verantwortung von sich - "längst nicht alle Küstenwachboote" würden von der EU-Grenzschutzagentur koordiniert. Zuvor hatte er seine Institution dafür gerühmt, "dass unsere Patrouillen effektiv sind".
"Frontex spielt immer die Unschuld vom Lande", kritisiert ein Vertreter der Hilfsorganisation Pro Asyl, das Mittelmeer sei eine "menschenrechtsfreie Zone". Er verweist auf den massivem Druck der deutschen Bundesregierung auf die griechische Regierung, die Außengrenzen des Landes "dichtzumachen".
"Kartoffeln statt Döner"
Auch wenn die Dokumentation den rasanten Aufstieg der Pegida-Bewegung und der sie flankierenden AfD bei Drehbeginn noch nicht geahnt haben mag: Auch den hartgesottensten AfD-Ökonomen, Sarrazinisten und Hans-Werner-Sinn-Follower müsste nachdenklich stimmen, was der protestantische Seelsorger des Abschiebegefängnisses bei Köpenick vorzubringen hat: Rechne man die Kosten für den Betrieb des Gefängnisses auf den einzelnen abgeschobenen Flüchtling herunter, so der protestantische Geistliche, gäbe die öffentliche Hand jährlich 54.000 Euro pro Nase aus. Eine horrende Summe, die man - statt in einen demütigenden und inhumanen Abschiebeapparat - viel besser in die Ausbildung und Versorgung stecken könnte.
Die Milliarden für Frontex, Grenzzäune und intelligente Überwachungssysteme, die kostspielige Isolation von Menschen in Erstaufnahmelagern, der riesige Bürokratenapparat, der die Ansiedlung von Nicht-EU-Bürgern hier verhindern soll: Dass all das Zurückführen, Abschotten und Abschrecken schon aus Kosten-Nutzen-Erwägungen eine irrationale Form der Besitzstandswahrung darstellt, dafür liefert die Dokumentation genügend Argumente.
Ob sie Leute umzustimmen vermag, die "Kartoffeln statt Döner"-Schilder in die Höhe halten? Leute, welche die ermordeten "Charlie Hebdo"-Redakteure für "Opfer der Fairständnis-Presse" halten? Ach weh! Falls doch: Die Pegida-Ideologen mag milde stimmen, dass dieser Film am Montag zu nachtschlafender Zeit ausgestrahlt wird, wenn ohnehin kaum noch jemand zuschaut. Immerhin gibt es Mediatheken.
Flüchtlinge - Aufnehmen oder Abschieben? ARD, 19. Januar, 23:30 Uhr