Jauchs Jahresrückblick 2009: Biedermänner und Briefmarkensammler
Guttenberg bei Jauchs Jahresrückblick Mine im Ministerium
Mit hatten die Redakteure von RTL wirklich Glück. Irgendwann im Laufe der vergangenen Monate hatten sie den Politaufsteiger des Jahres für ihre Sendung gewinnen können - und nun saß da auf einmal der Wackelkandidat der Stunde vor .
Ein scharfer Gegenwind bläst dem Verteidigungsminister zurzeit ja ins Gesicht, die Haare, so schien es, hatte er sich deshalb bei RTL besonders streng zurückgegelt. Irgendwann im Laufe des Gesprächs sprach er pastoral: "Auch wenn es stürmt, will ich stehenbleiben."
Guttenberg legte also eine 1-A-Polit-Performance hin. Selbst die kritischsten Fragen Jauchs zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan und zu den Unstimmigkeiten in seinem Ministerium wusste er zu seinem Vorteil zu beantworten. Nur ganz selten geriet er rhetorisch ins Schlingern - nach dem Motto: Je stürmischer die Lage, desto windschiefer die Metaphern. Als der Minister etwa vom Moderator gefragt wurde, ob er keine Angst habe, in seinem Amt auf eine Mine zu treten, antwortete er: "Ich hoffe, ich bin wach genug, um sie zu sehen. Und wenn ich doch drauftrete, behalte ich hoffentlich ein paar Zehen."
Solche unerwarteten und unfreiwilligen Schlenker ins Tragikomische waren in Jauchs Besinnlichkeitsmarathon "2009! Menschen, Bilder, Emotionen" am Sonntag eine schöne Abwechslung. Der Auftritt des sich theatralisch aufbäumenden Politstars war die einzige Überraschung in den ansonsten komplett vorhersehbaren dreieinhalb Stunden - und sorgte mithin für den einzigen Moment, in dem der Fernsehrückblicksveteran Jauch seinen Kollegen Johannes B. Kerner und Thomas Gottschalk wirklich überlegen war.
Verdrängungswettbewerb der Schlafmützen
Das Geschäft mit den immer früher terminierten TV-Bilanzen ist in den vergangenen Jahren nun mal härter und härter geworden. Das konnte man schon sehr deutlich 2008 sehen, als Kerner und Jauch mit ihren Sendungen parallel gegeneinander antraten; ein echter Verdrängungswettbewerb hat sich da inzwischen etabliert.
Wer nicht frühzeitig an Absturzstellen und Startrampen, auf Sportplätzen und Preisverleihungen Kandidaten für die Jahresendshows unter Vertrag nimmt, hat ein Problem. Durch den Umzug von Kerner zu Sat.1 und der kommissarischen Leitung des entsprechenden ZDF-Slots durch Gottschalk hat sich die Lage sogar zugespitzt: Da buhlen jetzt drei Großformate um Gäste.
Nicht für jeden der drei Wettbewerber bleiben deshalb interessante Optionen, um die kollektiven Erregungsmomente des ausklingenden Jahres Revue passieren zu lassen. Man nehme nur Michael Jackson: Während bei Kerner immerhin Rabenvater Joe Erziehungstipps gegeben und bei Gottschalk Schwester La Toya Verschwörungstheorien ausgebreitete hatte, musste Jauch wohl oder übel auf die Rekrutierung eines weiteren Mitglieds des unterhaltsam irren Jackson-Clans verzichten. Stattdessen ließ er David Garrett, das Sturmgeschoss des deutschen Klassikpop, im Stakkato Hits des verstorbenen Sängers und Tänzers zerlegen.
Vielleicht war das martialisch gefiedelte Jackson-Medley aber sowieso nur ein Trick, um die Zuschauer nach dem letzten der unzähligen Werbeblöcke um kurz nach halb zwölf noch einmal wachzurütteln. So einschläfernd hatte Jauch, der ja tatsächlich über gewisse Talk-Skills verfügt, seinen Rückblick noch nie präsentiert. Als "Glückspilz des Jahres" wurde bezeichnenderweise ein Briefmarkensammler ausgezeichnet, der ein Sammlerstück für 60.000 Euro versteigern konnte.
Rennen um Gäste für 2010 gestartet
Brisanz geht anders. Selbst wenn Jauch seinen Gästen immer wieder glühende Bekenntnisse abrang - neu waren die allesamt nicht. No Angels-Sängerin Nadja Benaissa etwa bekannte sich dazu, mit Aids infiziert zu sein; Chef-Protestantin Margot Käßmann bekannte sich dazu, geschieden zu sein; Dauer-Wunderkind Nena bekannte sich dazu, Großmutter geworden zu sein; Schwimm-Weltmeister Paul Biedermann bekannte sich dazu, einst bei der Seepferdchen-Prüfung durchgefallen zu sein.
Und selbst Rennfahrer-Stenz Sebastian Vettel, ein junger Mann, der nicht gerade von Selbstzweifeln geplagt wird, gestand vor Beichtvater Jauch Schwächen ein: Mehr als eine Sechs habe seine Schullaufbahn gefährdet. Schon einmal war die "deutsche Nummer zwei" der Formel 1 übrigens bei Jauch mit einem Mini-Rennauto ins Studio geknattert; nun nahm der Moderator Vettel das Versprechen ab, auch 2010 wiederzukommen - wenn er möglicherweise die "Nummer eins" sei.
Der Kampf um Gäste in der deutschen Jahresrückblicksindustrie wird eben immer dramatischer. Der Wettbewerb für das kommende Jahr wurde schon am Sonntagabend bei Günther Jauch eröffnet.