"Der Mann aus der Pfalz": Politik von Gewicht
Kohl-Lebensverfilmung Kraftprotz und Stratege
Der Mann kann Bäume ausreißen. Oder besser noch: Schlagbäume. Gleich am Anfang sehen wir den jungen Helmut Kohl (Stephan Grossmann), wie er kurz nach dem Krieg seinen massigen Leib auf eine Schranke wirft, die Deutschland von Frankreich trennt. Es knackt und kracht, dann ist die Grenze offen. Europas Einigung - für den idealistischen Pfälzer ist das ein Kraftakt, bei dem er erst sein ganzes körperliches und später sein ganzes politisches Gewicht einsetzt.
Der alte Helmut Kohl (jetzt von Thomas Thieme verkörpert) ist schon zwei Legislaturperioden Bundeskanzler, da geriert er sich noch mal als großer Grenzöffner. Man sieht ihn, wie er 1989 mit seinem ungarischen Amtskollegen telefoniert, der ihn darüber informiert, dass die Grenze zu Österreich geöffnet wird. Kohl bittet darum, mit dem Verkünden der Freudenbotschaft zu warten. So kann er sie selbst am Abend auf einer Pressekonferenz vor laufenden Kameras verbreiten - und auf diese Weise von den Querelen und Kämpfen ablenken, die den zeitgleich stattfinden CDU-Parteitag überschatten. Was für ein Werbe-Coup.
Verstehen statt hart rangehen
Idealist und Machtmensch, Kraftprotz und Stratege: Die Grenzen zwischen diesen Images von Helmut Kohl sind im ersten großen Biografiefilm über den Kanzler fließend. Regisseur Thomas Schadt und Produzent Nico Hofmann, beide keine klassischen CDU-Wähler, wollen ihn verstehen, nicht verurteilen. Ganze vier Jahre haben sie sich deshalb an dem Mann aus Oggersheim abgearbeitet; ganze 30 Stunden, verteilt über vier Wochenenden, sprach Regisseur Schadt Anfang 2006 mit Kohl vor laufender Kamera.
Dem vorausgegangen war die Feier zum 80. Geburtstag von Nico Hofmanns Vater, einem alten pfälzischen Weggefährten Kohls. Produzent Hofmann hatte den Regisseur beim Bankett neben den Altkanzler gesetzt, der auf Medienleute gemeinhin ja nicht so gut zu sprechen ist. Tatsächlich kam es zu einer Annäherung.
So entstand eine 90-minütige Dokumentation, die gleichzeitig als Informationsbasis für den Spielfilm "Der Mann aus der Pfalz" diente. Wann der Interviewfilm läuft, ist noch nicht klar; das Filmporträt wird am 20. Oktober im ZDF gesendet. Ein Prestigestück zeitgeschichtlichen Fernsehens - das allerdings unweigerlich für Diskussionen sorgen wird.
Denn die Grundfrage lautet: Wie weit kann man sich einem Politiker nähern, ohne dabei die kritische Distanz zu verlieren? Die beiden Filmemacher selbst machen keinen Hehl daraus, dass sie bei der Arbeit Sympathien für den Altkanzler entwickelt haben. Und daraus ergibt sich die Kehrseite dieser Edelbiografie: Das Verstehenwollen führt zuweilen zu einem milden Verständnis; die Schattenseiten der Kohl-Vita werden gnädig ausgespart.
Massig Verantwortung
Auf zwei Erzählabschnitte hat man das Porträt reduziert. Zum einen geht es um die fünfziger und sechziger Jahre, als sich Kohl durch geschicktes Taktieren zum Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz hochkämpfte. Zum anderen um die späten Achtziger, als er sich erst gegen wachsenden innerparteilichen Widerstand zu erwehren hatte, um dann schließlich die Chance der Geschichte zu nutzen und zum "Kanzler der Einheit" zu werden.
Keine Frage, das sind markante Phasen, hier lassen sich perfekt die Machtstrategien "des Dicken" darstellen. Andererseits: All die Macht wird von Kohl eben für idealistische Zwecke eingesetzt. Erst geht es darum, die verkrusteten Strukturen der CDU aufzubrechen und die heillos überalterte Partei auf Kurs zu bringen für ein Vereintes Europa, dann muss Deutschland wiedervereint werden.
Solche Ziele lassen zwangsweise auch die gerissensten (und hier oft mit bösem Witz nachgezeichneten) Winkelzüge als Teil höherer Aufgaben erscheinen. Einmal sieht man, wie Kohl die Goldfische im Aquarium fütternd in einem inneren Monolog über den Polit-Darwinismus reflektiert: "Fressen oder gefressen werden" - darum ginge es. Später, als er gerade die Partei-Revoluzzer um Heiner Geißler und Lothar Späth kaltgestellt hat, barmt er: "Am Ende ist man immer allein. Eisig ist es hier oben."
Zugegeben, das sind traurige Momente, allerdings wird der Politiker hier zum Helden einer Tragödie aufgebaut und so quasi seiner Verantwortung enthoben: Was soll man machen? Der Politbetrieb ist dreckig. Die wirklich düsteren Kapitel - die CDU-Spendenaffäre zum Beispiel oder das heillose Kleben an der Macht in den letzten Tagen der Kanzlerschaft -, sie kommen nicht vor.
Politisch physisch
Zugleich ist "Der Mann aus der Pfalz" eine der besten Polit-Charakterstudien, die das deutsche Fernsehen je produziert hat, und das liegt vor allem an den beiden Kohl-Darstellern Grossmann und Thieme. Sie zeigen, wie sich politische Macht in die Physis eines Menschen einschreibt. Die bekannten Macken des Pfälzers, sein Augenflackern und seinen S-Fehler hat man bei der Darstellung fast gänzlich ausgespart; statt brachialem Kabarett gibt es brillantes body acting. Kohl wird konsequent als Körper der Macht in Szene gesetzt.
Am Anfang tobt ein unkaputtbarer Kraftprotz die Karriereleiter hoch. Riesige Mettwurststullen kauend werden die erste Reden gehalten, seine zukünftige Frau zieht Helmut mit kohlenschwarzen Händen zu Glenn Miller auf die Tanzfläche, politische Freunde trinkt er mit der geliebten Beerenauslese unter den Tisch. Am nächsten Morgen schickt er sie mit dann mit robustem Schulterklopfen in jene Ämter, in denen sie ihm für den eigenen Aufstieg am nützlichsten sind. Wer nicht für den "King of Mainz" ist, ist gegen ihn und wird ausgemustert.
Später, im schwierigen Umbruchsjahr 1989, wird das Pfälzer Urgestein dann als verwunderter Koloss ins Bild gesetzt. Am Bein trägt er einen Katheter, die Prostata macht ihn schwer zu schaffen. Die Parteifreunde intrigieren gegen ihn, aber Kohl muss Unangreifbarkeit demonstrieren.
Das oft an ihm kritisierte Aussitzen wird zum körperlichen Kraftakt: Der Arzt will ihn nur zwei Stunden öffentlich auftreten lassen, doch er hockt ganze 17 auf dem Plenum eines Parteitages, um interne Kritiker durch pure Präsenz in ihre Schranken zu weisen.
In seinen besten Momenten braucht Thieme keine Worte, um die Durchsetzungskraft seiner Figur deutlich zu machen: Härte, Entschlossenheit und blitzschnelle Abwägungsprozesse - das alles spiegelt sich im niemals ruhenden Blick seines Alt-Kohls.
In der Birne von Birne
Umso überflüssiger sind viele der inneren Monologe, die hier die Gefühls- und Gedankenwelt des Großkanzlers widerspiegeln sollen: In der Birne von Birne - diese Idee geht nicht auf.
Geplant war, die Handlung mit Passagen des Interviewfilms zu strukturieren. Doch das verhinderte Kohl, der die Rechte an dem Gesprächsmaterial besitzt. Also empfand man die Reflexionen dem Kohl-Sound und den Kohl-Ansichten nach. Aber will man wirklich so tief in die Gedankenwelt des CDU-Mannes hinabsteigen? Und wird nicht zwangsweise all sein Handeln legitimierbar, wenn man es durch seine Augen betrachtet? Der Altkanzler, das ist bekannt, neigt ja nicht gerade zur Selbstkritik.
Und eben das macht dieses großartig gespielte Psychogramm so fragwürdig: Kohl und wie er die Welt sieht - dieses Konzept liefert zwangsweise eine arg beschränkte Sichtweise aufs große politische Geschäft im Nachkriegsdeutschland.
"Der Mann aus der Pfalz", 20. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF