"Superhero Germany" bei ProSieben Eigentlich nur Opfer
Man weiß viel zu wenig darüber, wie neue Shows auf die Welt kommen. Es ist schließlich auch etwas Intimes, das man nicht unbedingt an die Öffentlichkeit zerren möchte. Aber Aufklärung ist ja auch wichtig.
Also, das geht so: Wenn sich "Ninja Warrior Germany" und "Deutschland sucht den Superstar" ganz, gaaanz doll lieb haben, kommt nach ein bisschen Ideenbrüterei dann am Ende "Superhero Germany" dabei heraus: ein Samstagabendshow-Format auf Pro Sieben, bei dem die Kandidaten zuerst in rührseligen, schicksalsschlagbetonten Einspielerfilmchen vorgestellt werden, um danach noch kurz in kraftmeierischen Spielchen gegeneinander anzutreten. Und wer gewinnt, muss am Ende mit Tim Wiese einen Betonball hin und her werfen.
Das Ganze könnte in seiner repetitiven Stumpfheit wohliges gehirnzersetzendes Entspannungsfernsehen sein - Duell um Duell sehen wir in der ersten Runde sehr starke Frauen Traktorreifen über einen Betonklotz wuchten und sehr starke Männer Baumstämme in eine Bank hämmern, dazu nickelbackelige Pathosmusik.
Acht Männer auf einem Riesenwürfel
Wären da nicht diese elendsverliebten Vorstellungsfilme, die um ein Vielfaches länger sind als die eigentlichen Wettkampfrunden. Bei den wenigsten Kandidaten war der Erweckungsmoment, der sie dazu motivierte, mit muskelbildenden Maßnahmen zu beginnen, einfach nur auf Normallevel unangenehm, wie bei Diana etwa: "Angefangen habe ich mit dem Sport, als ein Trainer mir gesagt hat: Mäuschen, du musst mal richtig trainieren."
Bei den meisten ihrer Konkurrentinnen und Konkurrenten liegen schwerwiegendere Beweggründe vor: Sie wurden als Kind gehänselt, litten an Pfeifferschem Drüsenfieber oder ADHS, hatten einen Großvater, der im Rollstuhl saß, waren drogensüchtig. Mit den Muskeln aber kam bei ihnen auch der Wunsch, besser als alle anderen sein zu wollen: "Für mich gibt es nichts anderes als siegen", sagt Constantin, der es nach zwei direkten Duellen gegen die Mitkandidaten tatsächlich bis ins Finale schafft.
Die interessanteste Beobachtung in diesen dramaturgisch schwer redundanten Filmchen ist eine Verschiebung in der Ikonografie des Muskelprotzes: Während man sich früher traditionell beim Gewichteheben zeigte, um seine körperstählerischen Bemühungen bildlich darzustellen, ist es gerade offenbar modern, sich beim Hantieren mit schweren Tauen zu zeigen, die man in Wellenbewegungen versetzt. Es sieht anstrengend aus.
Dagegen ist der Weg ins Finale, der durch mehrere direkte Duelle führt, leider weniger spannend, dafür leicht erratisch umgesetzt. Warum müssen beispielsweise die acht Frauen gegeneinander um die Wette in gigantischen Hamsterrädern laufen, während die acht Männer auf einem Riesenwürfeln (ja, alles ist in dieser Show sehr, sehr groß) herumturnen müssen?
Gefangen in der Endlosschleife
Ist es nicht wahnsinnige Ressourcenverschwendung, die so genannten Endgegner (die Profisportler Christina Obergföll und Sandra Bradley bei den Frauen, Tim Wiese und Björn Werner bei den Männern) die meiste Zeit der dreistündigen Show einfach nur faul auf einer Art Podest herumsitzen zu lassen, bevor die beiden Finalisten schließlich in der Finalrunde gegen sie antreten müssen? Zumal doch mindestens Wiese in derlei Formaten zuverlässig abliefert und, wenn man ihn zwischendurch denn mal um seine Meinung fragt, die Kandidaten direkt stabil als "eigentlich nur Opfer" kategorisiert.
Unnützes Beiwerk sind auch die Profilkarten der Kandidatinnen und Kandidaten, die wie beim Autoquartett ihre "Herofaktoren" auflisten, also ihre persönlichen Werte in den Kategorien Kraft, Tempo, Ausdauer und Koordination. Diese wurden in einer nicht weiter thematisierten Qualifikationsrunde ermittelt, erfährt man vage vom faden Moderator Patrick Esume, mehr aber auch nicht.
Sinnlos sind auch die immer wieder eingespielten Wiederholungen von Wettkampfszenen, die man doch eben erst gesehen hatte, was einem den Eindruck vermittelt, in einer riesigen Endlosschleife gefangen zu sein.
Im Schlussspiel müssen Finalfrau und Finalmann schließlich gegen die Endgegner ihres jeweiligen Geschlechts antreten, die nicht lange fackeln: Die Profisportler gewinnen sämtliche Duelle, also gibt es, eine nur mittelgroße Enttäuschung, erst einmal keinen deutschen Superhero.
Irgendwie Spaß macht am Ende nur das sehr, sehr lange Duell von Tim Wiese und Finalist Constantin, die sich einen zehn Kilo schweren Betonball über ein Volleyballnetz hinweg zuwerfen müssen - ein sonderbar beruhigender Vorgang, der durchaus das bewährte Lagerfeuer-Ambientevideo als entspannende Dauerschleife auf dem heimischen TV-Schirm ablösen könnte.