"Star Wars"-Serie "The Mandalorian" Space-Spaghetti-Eintopf, gut gewürzt
"The Mandalorian" mit Hauptdarsteller Pedro Pascal: "Star Wars" im Western-Modus
Foto: Francois Duhamel/ Disney+/ APZeitpunkt und Setting dieser ersten großen TV-Serie, mit der Disney seinen neuen Streamingdienst populär machen will (Deutschlandstart am 24. März) hätten nicht besser gewählt sein können: "The Mandalorian", die erste Live-Action-Expedition des "Star Wars"-Universums ins Fernsehen, spielt wenige Jahre nach den Ereignissen von "Episode VI: Die Rückkehr der Jedi Ritter" (1983), also in einer politisch turbulenten Zeit der populären Fantasy-Saga. Das dunkle Imperium der Sith unterlag gegen die tapferen Rebellen unter Anleitung der Jedi-Ritter und liegt in Trümmern, doch die Kräfte des Bösen walten im Verborgenen weiter, während die neue galaktische Republik noch instabil ist.
Ähnlich in Aufruhr und Bewegung ist ja zurzeit auch das Kino- und TV-Gewerbe. Der inzwischen fast unbezwingbar scheinende Entertainment-Konzern Disney generierte mit den jüngsten Unternehmungen im "Star Wars"-Franchise zwar immer noch stattliche Umsätze, aber auch viel Unmut und Kritik bei der Fangemeinde: Zu viele Haken, Wendungen und Unfälle begleiteten die bis dato letzte, soeben beendete Kino-Trilogie von J.J. Abrams, Einzel-Filme wie "Solo: A Star Wars Story" kamen nicht gut an. Zu viel, zu schnell hintereinander, zu wenig inhaltliche Sorgfalt - eine gewisse Sternenkriegsmüdigkeit begann selbst beim Hardcore-Publikum einzusetzen. Zugleich wuchs der Druck, auch das boomende Streaming-TV mit "Star Wars"-Inhalten zu versorgen, wenn es vor allem jüngere Zuschauer immer seltener ins Kino zieht, dafür aber aufs Sofa zum Serien-Bingen.
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"The Mandalorian" schmiedet nun also eine erste Allianz zwischen der tradierten Kino-Mechanik der "Star Wars"-Blockbuster – und den neuen Sehgewohnheiten und Erzählmodalitäten des modernen Fernsehens. In den USA lief die Serie bereits im vergangenen Herbst und wurde begeistert gefeiert, bei Kritikern wie bei Fans. Das Experiment scheint also bereits geglückt, bevor es endlich auch deutsche Zuschauer zu sehen bekommen. ProSieben zeigt die erste Episode am Sonntag in einer Free-TV-Premiere. Die acht Folgen der ersten Staffel werden dann ab Dienstag abopflichtig bei Disney+ zu sehen sein. Eine zweite Staffel ist bereits abgedreht und soll im Oktober starten.
"Disney+"-Serie "The Mandalorian"
Gerade durch die erste Episode von "The Mandalorian" aber muss man sich zunächst etwas mühevoll durcharbeiten, bis am Ende ein erlösender und beglückender Moment wartet (Spoiler: Es hat etwas mit einem gewissen "Baby Yoda" zu tun). Erzählt wird die Geschichte eines der Mandalorianer-Sippe zugehörigen Kopfgeldjägers (man erinnere Boba, bzw. Jango Fett). Er ist der Beste seiner Gilde und wickelt mit cooler Effizienz Auftrag um Auftrag ab. Das beinhaltet in den ersten Szenen einige hinreichend spektakuläre Actionsequenzen, zudem werden viele sogenannte Easter-Eggs für Fans ausgelegt, die weit in die detailreiche Mythologie der "Star Wars"-Saga hineinreferieren - darunter eine Bar, die an die legendäre Kantine in Mos Eisley erinnert, samt multiethnisch-illustrem Alien-Personal.
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Neben diesem Fan-Service gibt es Gastauftritte von den Kino-Veteranen Carl Weathers und Werner Herzog – sowie von Nick Nolte als knuddelteddyhafter Kulil, der dem Bounty-Hunter auf einem Wüstenplaneten zeigt, wie man auf widerspenstigen Blerk-Viechern reitet. Spezialeffekte und Ausstattung sind so spektakulär und bahnbrechend, dass selbst "Westworld"-Schöpfer Jonathan Nolan sich kürzlich dankbar zeigte, dass er einige neue Tricks der "Mandalorian"-Techniker für die dritte Staffel seiner dystopischen Science-Fiction-Serie verwenden durfte. Das alles ist "Peak TV", wie die "New York Times" in einer Rezension jubelte – Fernsehen auf höchstem technischen Niveau. Aber es braucht eine Weile und ein niedliches Maskottchen mit großen Kulleraugen und zauberhafter Jedi-"Macht", bis es aus einer etwas gestanzten Dramaturgie ausbricht und – in den folgenden Episoden - auch das Herz mitreißt.
"Westworld" und "The Mandalorian" haben viel gemeinsam, denn beide Serien sind Western-Derivate vor Fantasy-Kulisse: die eine smart, kühl und philosophisch, die andere so gutmütig, sentimental und eindimensional, wie man es von "Star Wars" immer schon gewohnt war. "Mando", so wird der titelgebende Kopfgeldjäger in den ersten Episoden nur genannt, ist der klassische "Fremde ohne Namen", den Clint Eastwood einst als Spaghetti-Western-Ikone etablierte. Allein der Showdown der ersten Folge, ein Shootout in einem mexikanisch anmutenden Dorf, ist eine einzige, grandiose Hommage an Spätwestern wie "The Wild Bunch" und "Butch Cassidy And The Sundance Kid" – mit einem Kopfgeldjäger-Droiden (Taika Waititi) als Paul-Newman-Ersatz. Der weniger epische als sinistere Soundtrack von Ludwig Göransson zitiert dazu lustvoll Morricone-Themen.
Dazu kommen, wie schon bei George Lucas in der Original-"Star Wars"-Trilogie, Samurai-Motive aus Fernost, Elemente aus der Artus-Sage und griechische Mythologie. Als einsamer Ritter (oder Ronin) auf der Suche nach seiner wahren Bestimmung durchforstet dieser in schimmernder Rüstung und flatterndem Cape gekleidete Gunslinger das All, auf seinem Rücken eine absurd langläufige Büchse, die auch als eine Art Lanze eingesetzt werden kann.
Die Ritterrüstung ist natürlich ein Problem, denn der solipsistisch veranlagte Mandalorianer ("Waffen sind meine Religion") ist durch einen Schwur verpflichtet, seinen Helm niemals vor Anderen abzusetzen. Schauspieler Pedro Pascal muss also den Charakter seiner Figur zunächst allein durch Physis und eine blechern gedimmte Stimme darstellen – schwer genug, damit Held und Handlung Seele einzuhauchen.
Dass es trotzdem gelingt, ist dem "Mandalorian"-Creator Jon Favreau zu verdanken, der als konzerininterner Synergieeffekt vom Marvel-Universum ausgeliehen wurde. Er kennt sich aus mit Protagonisten, die ständige Blechmasken tragen: Favreau schrieb 2008 als Regisseur des ersten "Iron Man"-Films Blockbustergeschichte.
Den anarchisch-selbstreferenziellen Humor seiner Superheldenstorys installiert er auch in seiner "Star Wars"-Serie - und vollführt damit einen echten Jedi Mind Trick: Kaum hat man ein paar "Mandalorian"-Episoden gesehen, hält man diesen gut gewürzten Space-Spaghetti-Eintopf für eine der besten Serien, die gerade im Fernsehen laufen. Das Imperium hat, mal wieder, zurückgeschlagen.