Übernimm ein Amt - DER SPIEGEL
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BACHMANN-DOZENTUR Übernimm ein Amt

• aus DER SPIEGEL 17/1960
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Mit betonter Gelassenheit trommelten Studenten und Gasthörer auf die Pultdeckel, als der Prorektor Professor Helmut Viebrock in der letzten Woche des Wintersemesters 1959/60 die Dichterin und zeitweilige Dozentin Dr. Ingeborg Bachmann im Hörsaal V der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität verabschiedete. Der Beifall war um eine erkleckliche Anzahl Phon geringer als jener, den ein neugieriges und erwartungsreiches Auditorium der vielfach preisgekrönten Lyrikerin ("Anrufung des Großen Bären") und Hörspielautorin ("Der gute Gott von Manhattan") vor ihrer Antrittsvorlesung am 25. November 1959 dargebracht hatte.

Daß der neugegründete Lehrstuhl für Poetik an der Frankfurter Universität sogleich mit einer jungen und attraktiven Poetin besetzt worden war, hatte damals die musische Frankfurter Prominenz scharenweise in die Universität an der Bockenheimer Warte getrieben. Die sonst eben nicht verwöhnten Frankfurter Germanisten hatten Muße, namhafte Literaten und Verleger aus der Nähe zu bestaunen, die sonst nicht in den Universitätshörsälen zu treffen sind, und sogar von der Untergrund-Boheme waren ein paar Bilderbuch-Vertreter erschienen.

Anlaß dieser extraordinären Veranstaltung war die Premiere der »Stiftungs-Gastdozentur für Poetik«. Nach dem Vorbild der englischen Universität Oxford, an der jeweils, ein Dichter für fünf Jahre die Aufgabe übernimmt, Vorlesungen über Dichtkunst zu,halten, war auch in Frankfurt ein neuer Lehrstuhl eingerichtet worden, von dem aus jeweils für ein Jahr ein deutscher Autor über Dichtung lesen sollte. Als Patron für die ersten zwei Jahre zeichnete der Frankfurter S. Fischer Verlag, als erste Dozentin war die 33jährige Lyrikerin Ingeborg Bachmann ausgewählt worden. Bereits nach dem ersten Semester gab sie erschöpft ihr Amt wieder ab.

Wie jedermann im Auditorium deutlich erkennen konnte, war der kleinen, rotblonden Ingeborg Bachmann ihre ungewohnte Pflicht vom ersten Augenblick an nicht recht geheuer gewesen. Als sie, nach wohlwollend-einleitenden Worten Professor Viebrocks, schließlich das Lehrerpodium betreten mußte, stand Ingeborg Bachmann zunächst wortlos und bleich hinter dem Pult und suchte nach ihrer Brille - einer sehr modernen, dickrandigen Brille, von der Eingeweihte behaupten, sie trage sie nur zum Schutz gegen die Außenwelt und nicht etwa zur Stärkung des Sehvermögens. Auch die Haare, ehemals in ultra-kurzem Pagenschnitt, sind möglicherweise aus dem gleichen Grund länger geworden; sie dienten der Dozentin als charmanter Augenvorhang.

Durch Brille, Haarsträhnen, Taschentuch und Manuskriptmappe wenigstens etwas gegen die ungewohnte Umgebung, abgeschirmt, versuchte die Bachmann schließlich zu realisieren, was sie bereits in ihrem 1953 erschienenen Gedichtband »Die gestundete Zeit« empfohlen hatte:

Wie eitel alles ist.

Wälze eine Stadt heran,

erhebe dich aus dem Staub dieser Stadt,

übernimm ein Amt

und verstelle dich,

um der Bloßstellung zu entgehen. Die Verstellung glückte nicht. »Ich weiß gar nicht, was ich da mitschreiben soll«, murrte später eine Studentin auf dem Flur, während »die Bachmann« in Begleitung einiger Kamelhaarmäntel auf und ab wandelte. Tatsächlich machte Dr. Ingeborg Bachmann, die nie Germanistik studiert hat - sie promovierte 1950 in Wien mit einer Arbeit über »Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers« -, das Zuhören ungewöhnlich schwer. Ihre zaghafte, leise Stimme verlor sich in dem riesigen Hörsaal V, ihre willkürlichen

Zäsuren und Betonungen - sie legt das Hauptgewicht grundsätzlich in die Nebensätze - lenkten ab, ihr nervöses Hantieren mit Brille und Taschentuch irritierte. Sogar die ersten Bankreihen, für die Ehrengäste reserviert, lichteten sich im Laufe des Semesters.

Sogleich in der Antrittsvorlesung hatte Ingeborg Bachmann ironisch verkündet: »Kunstverständnis? Das beste Vorbeugungsmittel gegen die Kunst!« Bei solcher Skepsis gegenüber den Mitteln der Wissenschaft auf dem Kunstbereich wurde schnell deutlich, daß die Vorträge der Lyrikerin wenig Stoff von dem vermitteln konnten, was die Studenten für ihre Prüfungen brauchen.

Tatsächlich waren die Vorlesungen der Bachmann zwar völlig unakademisch, aber durchaus originell die Themen - Generalnenner: »Fragen zeitgenössischer Dichtung« - hießen etwa »Das Ich in der Dichtung« oder »Die Namengebung in der zeitgenössischen Literatur«. Demgegenüber waren die Germanistik-Studenten auf ihrem Hochschulweg zum Deutschlehrer-Beruf darauf aus, nachVorlesungsgewohnheit Literaturprodukte erklärt und interpretiert zu bekommen. Die Hörer wollten die Lyrikerin ("Ich will nicht lehren, sondern erwecken!") zum Kategorisieren bringen, zum Urteilen, vielleicht auch zum Verurteilen.

Aber die lyrische Vagabundin Ingeborg Bachmann - sie wechselt ständig ihre Wohnsitze; nach Wien, London und Rom ist derzeit Zürich an der Reihe - tat den Studenten diesen Gefallen nicht, und in den Seminaren, die nach einer kurzen Pause jeweils den Vorlesungen folgten, verstummte sie fast völlig. Zunächst hatte sie versprochen, zu jeder Sitzung einen Schriftsteller mitzubringen: »Ich brauche Hilfe.« Sie begnügte sich dann aber mit hauseigenen Korreferenten, mit dem Prorektor oder mit einem Assistenten des literaturwissenschaftlichen Seminars. Der jeweilige Verbindungsmann zwischen der Dichterin und den wißbegierigen Studenten hatte freilich die Seminarübungen fast allein zu bestreiten. Die Sätze, die Ingeborg Bachmann sprach, sind an einer Hand aufzuzählen.

Die Dichterin Bachmann, deren Lieblingsvokabeln »Schweigen, Stummheit, Flucht, Insel« sind und deren Verschlossenheit, Scheu und Fluchtgestik so leicht kein Gegenstück in der zeitgenössischen Literatur finden, blieb hilflos vor den Wünschen ihrer Studenten, germanistischen Wissensstoff anzuhäufen, und ebenso hilflos standen die Studenten ihrer neuen Dozentin gegenüber, ärgerten sich über die unpopuläre und unverständliche Art ihres Vortrags und wußten mit den fast geflüsterten Monologen nichts anzufangen.

Die scheue Gastdozentin hatte wahrscheinlich schon nach den ersten Vorlesungen, noch mehr nach den quälend langweiligen Seminarsitzungen, eingesehen, daß sie als Inhaberin eines vielbeachteten Lehrstuhls nicht einmal der Bloßstellung würde entgehen können, vor der - ihren Versen zufolge - die Übernahme eines Amtes bewahrt.

So artete die Abschiedsvorlesung der Literaturpreisträgerin zu einem respektablen Versuch einer Selbstverteidigung aus, zu einem verzweifelten Protest gegen jene akademische Ordnung, in die sie sich nicht eingliedern konnte.

Die Bachmann nannte ihre Abschiedsvorlesung »Literatur als Utopie« und fing unversehens und unerwartet an, jene Institution anzugreifen, in deren Dienst sie sich gestellt hatte. Die Lyrikerin sprach vom »ominösen Wort« Literatur, gegen das sie schon als Studentin ("Ich bin keine Germanistin") tiefe Abneigung gehabt habe, sie bezeichnete die Literaturwissenschaftler als Phantasten, die sich »an einem Wunschbild orientierten«, und bestätigte ihren Kollegen auf Zeit schließlich, sie

seien »Beamte« und übten einen wahren »Terror« aus. Die Literaturwissenschaft sei nichts anderes als eine »Denkmalspflege, von Beamten betrieben«. Ihr einziges Zugeständnis war die Feststellung, es sei immerhin trotzdem noch so etwas wie eine Literatur übriggeblieben: »Eine Indizienkette von Werken spricht dafür.«

Während sich nach dieser Attacke und vor dem anschließenden, letzten Seminar die Wahlzürcherin und Preisträgerin der Gruppe 47 im Universitätscafé von ihren Anhängern huldigen ließ, streckten die wenigen redegewandten Seminarteilnehmer in der Wandelhalle der Universität ihre Köpfe zusammen. »Steigen Sie doch endlich auf die Barrikaden!« forderte denn auch der sonst eher gutmütige, rundliche Seminarbetreuer seine Kommilitonen auf.

Und als sich später im Seminar ein junger, bärtiger Student erhob und von »Schananentum« sprach, von der »Propaganda, die Frau Bachmann auf diese Weise für ihre Bücher macht«, und seiner Dozentin ungalant »esoterisches Getue« vorwarf; tat die Bachmann noch etwas, das im Universitätsseminar mindestens so ungewöhnlich war wie ihre Vorlesungen: Sie griff nach ihrer riesigen schwarzen Lacktasche und fing an zu rauchen. Zu einer anderen Entgegnung ließ sie sich nicht bewegen, nur zu ein paar schmalen Entschuldigungsworten wie »Das habe ich doch nicht so gemeint« und »Es hat mir ferne gelegen, Sie anzugreifen«.

Was sich dann entspann, glich eher einer kabarettistischen Veranstaltung als einer seriösen Seminarsitzung. Die Studenten sagten der verwirrten Doktorin der Philosophie ins Gesicht, sie könne ja gar nicht ohne die Literaturwissenschaft auskommen, auch sie benutze die Regeln, sei also der von ihr angegriffenen Wissenschaft zu Dank verpflichtet.

Es ist fraglich, ob diese Sätze überhaupt ihren Adressaten erreichten, denn Ingeborg Bachmann schien zu schlafen. Sie hatte aufgegeben; sie ließ jetzt den Phrasen ihren Lauf. Sie verschanzte sich hinter ihrer Lacktasche und spielte mit der roten Nelke, die ihr der kleinste, bärtigste und eifrigste Seminarist heimlich aufs Pult gelegt hatte.

Auch der Vertreter des S. Fischer Verlags konnte nichts mehr retten. Seine Beteuerungen, »Frau Bachmann hat mit unserem Verlag ja gar nichts zu tun«, wurden überhört, und der Versuch, das verfahrene Gespräch in eine andere Bahn zu lenken, schlug fehl. Die Dichterin dachte nicht mehr daran, irgend etwas wie Werkstattgeheimnisse auszuplaudern. Die konkretesten Fragen beantwortete sie mit einem Achselzucken, bestenfalls mit einem »Nein« oder »Ich weiß nicht«. Unterdes hielt der junge Mann vom S. Fischer Verlag ein riesiges Nelkenbukett unter seinem Pult verborgen.

Die Bachmann verabschiedete sich von ihren Hörern mit einer kleinen Entschuldigung für ihre »Ungeschicklichkeiten«, nicht ohne vorher noch, den »Beamten« zum Trotz, zu betonen: »Es gilt weiterzuschreiben.« Bereits früher hatte sie geschrieben: »Es gilt, mit dem Nachklang im Mund weiterzugehen und zu schweigen«, ähnlich wie vor ihr Gottfried Benn: »Man muß sehr viel sein, um nichts mehr auszudrücken. Schweige und gehe dahin.«

Gastdozentin Ingeborg Bachmann

Schweigen, Flucht, Insel

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