ARCHÄOLOGIE / MAYA-KUNST Unterm Hammer
Die heißen Anlagetips lauten »Olmec«, »Monte Albán« und »Usumacinta Maya«. Diese fest und hoch verzinslichen Werte werden freilich nicht als Effekten gehandelt -- es sind Stilrichtungen altamerikanischer Kunst.
Fünf Jahrhunderte nachdem Christoph Kolumbus von transatlantischen Ländern Kunde brachte, werden die Zeugnisse der indianischen Hochkulturen neu entdeckt: für den Antiquitätenmarkt.
Eine Maya-Stele, eine Art Kalenderstein mit Reliefbildern und Zeichenschrift, kann bereits 200 000 Mark einbringen, eine Olmeken-Maske aus Jade 250 000 Mark. Unlängst wurde in New York gar ein 15 Meter langer Stuckfries von einer Pyramide auf der mittelamerikanischen Halbinsel Yucatán feilgeboten, für eine halbe Million Dollar.
Um solche Schätze nur zu sehen, besuchen derzeit jede Woche 25 000 Menschen das New Yorker Metropolitan Museum. Dort wurde die bislang interessanteste Ausstellung präkolumbianischer Bildwerke -- mehr als 300 Skulpturen -- zusammengetragen;
* Oben: Aus dem dritten Jahrhundert; unten: zersägtes Teilstück, aus dem siebten Jahrhundert.
Leonard Bernstein komponierte dafür eigens eine Eröffnungsfanfare.
Die Archäologen aber, die den altindianischen Zivilisationen nachspüren, sind über derartige Begeisterung für Amerikas Erbe nicht gerade erfreut. »Zum zweitenmal«, sagt der Hamburger Amerikanist Dr. Wolfgang Haberland, einer der Berater für die New Yorker Schau, »wird jetzt ein großes Reich zerstört.«
Auf der Suche nach Juwelen und edlem Metall hatte Spaniens Eroberer Hernando Cortez, der 1519 auf der Landenge des Doppelkontinents gelandet war, wahllos gebrandschatzt. Missionare zündeten die Bibliotheken der Mayas und Azteken als Werke des Teufels an. Was die Konquistadoren nicht verwüsteten, verfiel, weil aus Europa eingeschleppte Krankheiten die Indianer dezimierten.
So wurden die wichtigsten Quellen der zweieinhalb Jahrtausende währenden Geschichte von indianischen Stadt- und Staatsgründungen in Mittelamerika, vergleichbar der Entwicklung Europas von der Kreter-Kultur bis zum byzantinischen Imperium, vernichtet.
Zwar priesen Renaissance-Künstler wie Albrecht Dürer und Benvenuto Celllni die fremdartigen Kunstwerke aus Ton und Jade, Basalt und Gold, mit denen die spanischen Karavellen zurückkehrten. Aber bald verschwanden die weithin als barbarisch empfundenen Relikte unverständlicher Kulte in Raritäten- und Wunderkammern.
Erst seit dem Zweiten Weltkrieg werden in den Dschungelregionen Mexikos wie im Tropenwald Guatemalas immer mehr Ruinenstädte und Gräberfelder freigelegt, ziehen Touristenkarawanen zu diesen gewaltigsten Tempelanlagen der Welt, zu den Stufenpyramiden und den an blutrünstige Riten erinnernden Ballspielplätzen. Seither steigt der Preis der Indianer-Altertümer. Und da er schnell steigt, kommt Amerikas Antike auch heimlich unter den Hammer.
Mexikanische Polizisten stellten jüngst nahe einer noch nicht erforschten Maya-Stätte einen Trupp professioneller Grabräuber. Der Maulesel, dem die »Huaqueros« die erbeuteten Skulpturen aufgepackt hatten, war offenbar ein Veteran in diesem Geschäft: Er hört auf den Namen »Arqueologo«.
Am Maya-Fundort Piedras Negras nahe dem Usumacinta-Fluß, einem Nationalmonument Guatemalas, wurden mehrere mannshohe Stelen von Dieben zerlegt und abtransportiert. Vom schönsten und historisch bedeutsamsten dieser Kalendersteine fehlen nun alle Inschriften und drei figürliche Reliefs.
Viele Räuber zerschlagen die tonnenschweren Antiquitäten mit grobem Brechwerkzeug. Andere legen Feuer um die Blöcke und übergießen sie dann mit Wasser, so daß sie zerspringen. Wieder andere gehen fachmännisch nach Steinmetzart vor.
Eine mit Steinbohrern und Motorsägen ausgerüstete Bande hat vor kurzem den guatemaltekischen Maya-Kultplatz Naranjo systematisch ausgeplündert. Nur etliche in der Eile völlig zerstörte Stelen blieben liegen.
Eine Ladung Bruchstücke jagten Polizisten den Dieben auf einem ins benachbarte Britisch-Honduras führenden Fluß ab. Die in 32 Teile zerlegte Stele Nummer 30 kam auf dem Flughafen Houston (US-Staat Texas) zutage, als eine Kiste aufbrach, deren Inhalt als »machinery« deklariert war.
»Per Luftfracht, mit Hubschraubern, Booten und Lastern werden die steinernen Überbleibsel der Maya-Kultur verschleppt«, erklärt die US-Archäologin Clemency Coggins von der Harvard University, »die derzeitige Verwüstung von Guatemala und Mexiko ist nur noch den Raubzügen der gold-
* Oben: Rückseite eines Spiegels aus poliertem Halbedelstein, etwa aus dem neunten Jahrhundert; unten: zapotekischer Mais-Gott, Grabgabe aus dem sechsten Jahrhundert.
lüsternen Spanier im 16. Jahrhundert zu vergleichen.«
Unter Amerikanisten zirkuliert bereits ein Verzeichnis von etwa 130 Maya-Altertümern, die aus der Fachliteratur bekannt und großenteils katalogisiert sind, aber in den letzten Jahren gestohlen, zerstört oder auf illegale Weise in den Internationalen Kunsthandel gebracht worden sind.
Die Fahndungsliste der Forscher läßt erkennen, daß nicht nur private Sammler das kulturhistorische Diebesgut abnehmen. Käufer sind auch renommierte Antiquitätenläden -- in Mexico City wie in New York, Köln, Paris und Lausanne -- und Museen.
So ist die abgesägte Frontseite der Stele 19 aus Naranjo nun im St. Thomas University Museum von Houston zu sehen, in 25 Bruchstücken. Die Front der Stele 2 aus Piedras Negras liegt im Minneapolis Institute of Arts (im Institutskatalog wird ihre Herkunft wohlweislich verschwiegen); die Figuren von den Seiten, der Rückfront und der Oberseite dieser Skulptur sind vorerst verschollen -- am Fundort blieb lediglich ein nackter Steinblock.
Wenn, wie bei den meisten im Handel auftauchenden Stücken, über solche Reliefbilder kein archäologischer Bericht vorliegt oder gar der Fundort unbekannt ist, sind sie, wie Clemency Coggins erläutert, nur »schön, aber stumm«.
Ihr Sinn kann dann kaum mehr gedeutet werden. Die auf ihnen in Glyphenschrift verzeichneten Götter, Priester, Herrscher und Ereignisse fehlen, wenn ihr Stammplatz wissenschaftlich untersucht wird, in der Chronologie der jeweiligen Kultstätte. Und da die altindianischen Zeichenschriften erst teilweise gedeutet werden können, erschweren Raub und Zerstörung der Denkmäler die vollständige Entzifferung. Die weitere Aufhellung der Geschichte Mittelamerikas vor der Kolonisation -- insbesondere die der Mayas, die in Astronomie und Mathematik, Architektur und Kunst, Biologie und Medizin den gleichzeitig lebenden Europäern mindestens ebenbürtig waren -- wird immer schwieriger.
Mittlerweile sollen Internationale Abkommen den Kunstraub eindämmen. Tatsächlich hat etwa, das Metropolitan Museum erwirkt, daß der für 500 000 Dollar offerierte Tempelfries nach Mexiko zurückgeschickt wurde.
Doch viele Besitzer von Maya-Stücken flüchten nun in Anonymität. Für die New Yorker Ausstellung beispielsweise, bei der jedes dritte Exponat aus privaten Sammlungen stammt, mochten die Eigner von sieben Skulpturen ihren Schatz nur noch als Ungenannte herleihen.
Einen weiteren Effekt der Pressionen auf Diebe und Schmuggler und Hehler, die an altamerikanischem Kulturgut verdienen, hält Experte Haberland eher für »eine gewisse Wohltat": Habgierige Sammler und übereifrige Museumsdirektoren werden neuerdings häufig geprellt -- mit geschickt gemachten Maya-Kopien und Fälschungen.