Voll eineghupft - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 59 / 78

ARCHITEKTUR Voll eineghupft

Auch die Bau-Welt ist am »Ende der Zuversicht«; das Chaos ist größer denn je - Fazit einer Dokumentation über Architektur und Städtebau im 20. Jahrhundert. *
• aus DER SPIEGEL 42/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aufbruchstimmung beherrschte die große Pariser Weltausstellung 1900 und ihre 50 Millionen Besucher. In der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts richteten sich alle Erwartungen auf das neue, das 20. Jahrhundert. Die Hoffnungen galten vor allem einer besser gebauten, einer sinnvoll geplanten und zweckmäßig geformten Umwelt. Losung: Neue Gehäuse für eine neue Gesellschaft.

Europas Hauptstädte schienen Antworten auf das explosive Wachstum der Metropolen parat zu haben, Lösungen für das Elend der Städte und die Wohnungsnot, für Korrekturen urbaner und architektonischer Fehlentwicklungen.

Aus London meldete sich die Gartenstadtbewegung: Sie wollte den Konflikt zwischen Stadt und Land mit Wald- und Wiesengürteln bereinigen. Wien propagierte das Modell der unbegrenzten Großstadt: Es verhieß Gerechtigkeit für alle Bewohner und setzte die Enteignung des Baugeländes voraus. In Berlin wollten gemeinnützige Baugesellschaften die Qualität des Massenwohnungsbaus heben; ein Genossenschaftsgesetz sollte dazu beitragen, eigentumslose Arbeiter in

arbeitende Eigentümer zu verwandeln. Doch nun, acht Jahrzehnte später, da sich dieses 20. Jahrhundert seinem Ende zuneigt, sind der Glaube an den Fortschritt und die Zuversicht in eine bessere Zukunft gründlicher Ernüchterung gewichen. Das Jahrhundert endet, wie es begonnen hat: in städtebaulichem und architektonischem Chaos.

Nicht nur in den Ländern der Dritten Welt säumen riesige Elendsviertel die großen Städte; auch hochindustrialisierte Staaten vermögen ihre dringendsten urbanen Probleme nicht mehr zu lösen. Krassestes Beispiel: der New Yorker Stadtteil Bronx, ein ehemals intaktes mittelständisches Wohnquartier, das zu einer Brutstätte von Kriminalität und Vandalismus verkam und schließlich als hoffnungslos aufgegeben wurde - Ödland inmitten der Welthauptstadt New York.

Solche Stadt-Tragödien werden anschaulich in einem neuen Buch über Architektur in diesem Jahrhundert dargestellt. Sein Autor, der Architektur-Kritiker Wolfgang Pehnt, 52, versucht zu verdeutlichen, »warum wir stehen, wo wir stehen: am Ende unserer Zuversicht«. _(Wolfgang Pehnt: »Das Ende der ) _(Zuversicht«. Siedler Verlag, Berlin; 416 ) _(Seiten; 128 Mark (bis 31. Dezember 98 ) _(Mark). )

Pehnt läßt einem deutenden Text einen umfangreichen kommentierten Bilderteil sowie Dokumente und Manifeste folgen. Insgesamt gelang dem Autor und dem Verlag eine beeindruckende Darstellung von Architektur und Städtebau im 20. Jahrhundert - von den nationalromantischen Bewegungen der Jahrhundertwende bis zur gegenwärtigen Postmoderne. Fazit: Auch die Architektur hat mit einigen faszinierenden Einzelleistungen, aber mehr noch mit katastrophalen Fehlentwicklungen »am Drama dieses Säkulums teilgenommen«.

Pehnt zeichnet die Geschichte der modernen

Architektur als eine Folge schnell wechselnder Ausdrucksweisen nach: Bauen eigentlich mehr eine Angelegenheit der Mode als eine Frage von Stil. Sowohl die Moderne als nun auch die Postmoderne sind gekennzeichnet durch eine »journalistische Haltung gegenüber der Zeit": Sie mußten und müssen immerzu vermeintlich Neues bringen - auch wenn es, wie im allerjüngsten Historismus, lauter Altes ist.

Gebaut wurde in diesem Jahrhundert mehr und großflächiger denn je. Ramme und Bagger wurden zu Symbolen der Stadt wie einst Wappen und Marktsäule. Der Wohnungsbau wurde zumeist allerdings ausgelagert, auf preisgünstiges Ackerland. In den Citys machten sich Konzerne, Banken und Versicherungen als kapitalkräftige Bauherren breit. So bekamen die meisten Städte keine neuen Foren und Agoren, wohl aber Geschoßflächen für Schreibtische.

Das waren Jobs für Macher und Techniker unter den Architekten; für »Träumer von einer besseren Gesellschaft« blieb da nicht viel zu tun.

Doch die Apostel und Herolde der Moderne trugen auch selbst erheblich zu ihren Niederlagen bei. Pehnt veranschaulicht das an einigen ihrer Dogmen.

Die Puristen hatten sich einen geradezu krankhaften Reinlichkeitsfimmel zugelegt; Hygiene gehörte zur Praxis wie zur Rhetorik der Moderne. Die Lichtfülle, die durch Fensterbänder und große

Glasflächen einfiel, die glatten Oberflächen und spiegelnden Reflexe von Glas, Stahl, Chrom und ersten Kunststoffen suggerierten den Eindruck einer gereinigten, geläuterten, von Staub und Plunder der Vergangenheit befreiten neuen Welt. Jede kleinste Schmutzspur, auch nur ein Fingerabdruck, wurden als kränkende Verstöße gegen dieses Prinzip der Reinlichkeit empfunden.

Weiß wurde zu ihrer Hauptfarbe - angefangen von Le Corbusiers frühen Bauten bis zu den Häusern seiner späten New Yorker Epigonen. Doch wie sah dieses Weiß dann alsbald aus, lädiert durch Regen und Luftverschmutzung, durch Materialschäden und Konstruktionsschwächen - und darüber hinaus durch selbstauferlegte formale Zwänge wie flache Dächer und fehlende Sockel.

Einen anderen Tick hatten die Architekten des 20. Jahrhunderts für den Baustoff Beton entwickelt. Beton, vor allem der sichtbar belassene, hat Architekten zu Hymnen veranlaßt; er galt ihnen als Sinnbild für Zuverlässigkeit, Dauerhaftigkeit, Endgültigkeit. Welch trauriger, mitunter auch verhängnisvoller Irrtum: Das vermeintlich dauerhafte Material alterte schlechter als herkömmliche Baustoffe, oft auf schaurige Art, wovon die trostlosen Grauflächen mit ihren Schmutzbahnen und Rostzeichen, den Spuren des Regens, zeugen.

Wie radikal - und wiederum fragwürdig - sich das architektonische Denken innerhalb des Zeitraums nur einer Generation wandeln konnte, verdeutlicht Pehnt an einigen Details, etwa an zwei Eckausbildungen.

1946 hatte Ludwig Mies van der Rohe für eine Eckstütze am Illinois Institute of Technology in Chicago bestes Material und äußerste Perfektion aufgewandt - die Ecke war das Resultat sorgfältigter Überlegungen. 30 Jahre später nahm der Belgier Lucien Kroll in einer vergleichbaren Situation bei einem Studentendorf in Brüssel billigstes Material und überließ die Lösung den Launen der Maurer - Ergebnis: ein »Elefantenfuß«.

Vor allem in jüngster Zeit vollführten Architekten in aller Welt wahre Kapriolen; was früher kaum in Jahrhunderten denkbar gewesen wäre, ereignete sich nun in einem knappen Jahrzehnt.

So konstruierte der Japaner Kisho Kurokawa in Tokio ein »Capsule Building«, eine Struktur aus stabilem Stamm und eingehängten vorgefertigten Aufenthaltszellen. Kurokawas Kommentar: »Die Kapsel bedeutet die Emanzipation des Bauwerks von Grund und Boden und signalisiert den Beginn eines Zeitalters beweglicher Architektur.«

Der Österreicher Günther Domenig durfte bei der Errichtung einer Zweigstelle für die Zentralsparkasse in Wien-Favoriten _(Eckausbildungen von den Architekten ) _(Lucien Kroll (1976 in Brüssel) und ) _(Ludwig Mies van der Rohe (1946 in ) _(Chicago). )

frei experimentieren - und da ist er »voll eineghupft": Er montierte die Fassaden aus karosserieartig verarbeiteten Teilen in Stahl, Glas und Blech und stauchte die Straßenfront wie durch einen Frontalzusammenstoß - Symbol für die Situation auf dem internationalen Währungsmarkt?

Während der Holländer Piet Blom seine Würfelwohnhäuser auf eine Spitze kippte, gaben die italo-englischen Partner Piano & Rogers dem Centre Pompidou in Paris das Aussehen einer Raffinerie: Alle Installationen wurden nach außen bloßgelegt. Besucher der gigantischen Informationsmaschine können sich, an der Spitze einer gläsernen Treppenröhre, unversehens wie auf einer Kirmes-Attraktion wiederfinden.

Die neuen Historisten, so Pehnt, »suchen Souvenirs im Schutt der Jahre«, schrecken aber auch vor der Herstellung künstlicher Spuren nicht zurück. Ihre Stilzitate, so der New Yorker Kritiker Paul Goldberger, »lassen sie fallen wie Bonmots auf einer Cocktailparty«.

Zu einer Kultfigur dieser neuen Libertinage im Umgang mit der Geschichte wurde der Amerikaner Michael Graves, der problemlos von der Moderne zur Postmoderne konvertierte. Graves, einer der einflußreichsten Lehrer seiner Nation (in Princeton), schuf als erstes Großwerk das »Portland Building« im US-Staat Oregon. Noch vor Baubeginn hatten Graves'' Adepten den Bürokratentempel zu einem Jahrhundertwerk erklärt; nun, fertiggestellt, erweist sich der 15stöckige Quader als vierschrötiges Kuriosum, das auch schon einen treffenden Spitznamen hat: »Jukebox«. Doch der _(Unten: Abriß der Wohnanlage Pruitt-Igoe ) _(1972. )

Spaß hörte auf, wo die Architektur dieses Jahrhunderts ihre spektakulärsten Niederlagen erlitt - ausgerechnet auf ihren erklärten Domänen, der sozialen Zuwendung und der technischen Neuerung.

1976 ging Buckminster Fullers gefeierter US-Pavillon in Montreal in Flammen auf; die Acrylhülle der Kuppel hatte sich bei Schweißarbeiten am Stahlgerüst entzündet. Nur mit Erschrecken konnte man sich erinnern, daß Fuller nach demselben System die Überdeckung ganzer Stadtteile, etwa Manhattans, vorgeschlagen hatte.

Als kühne Konstruktion war auch die West-Berliner Kongreßhalle gefeiert worden. Sie hielt gerade 23 Jahre. 1980 stürzte das Gebäude infolge krasser Konstruktionsfehler und Materialmängel ein. Wie schändlich und blamabel: Der vermeintliche Wunderbau hatte sich als Schummelbau herausgestellt.

Bereits 1972, nur 17 Jahre nach ihrer Fertigstellung, mußten die preisgekrönten Wohnblöcke Pruitt-Igoe in der US-Stadt St. Louis gesprengt werden. In den von dem Stararchitekten Minoru Ymamasaki entworfenen elfstöckigen Häuserscheiben hatten sich ein Mangel an verteidigungsfähigem Raum, das Niemandsland vor Haus- und Wohnungstüren und unkontrollierbare lange Korridore verheerend ausgewirkt: Kriminalität und Vandalismus konnten nicht mehr gezügelt werden.

Doch gerade auf diesem Gebiet, im Wohnungsbau für überwiegend unruhige Menschenmassen, sind die Aufgaben, die auf die Architekten warten, angesichts weltweiten Bevölkerungswachstums und der explosionsartigen Ausdehnung der Städte größer als zuvor; die Mittel jedoch, die ihnen dabei zur Verfügung stehen, werden unzureichender sein denn je.

Überall in den Entwicklungsländern spitzen sich die Probleme zu, je weiter die Zeit voranschreitet: In weniger als 20 Jahren wird es im tropischen Asien, in Lateinamerika und in Schwarzafrika mindestens 40 Städte mit jeweils mehr als fünf Millionen Einwohnern geben. Der weltweite Bedarf an neuen Wohnungen wird auf eine Milliarde geschätzt.

In dieser »apokalytischen Landschaft« des ausgehenden 20. Jahrhunderts, so Pehnt, bewegen sich die Architekten »unschuldig-schuldig": der Troß der Resignierten und Angepaßten, der Planerfüller, der Geschäftemacher, der Angestellten ihrer Gesellschaft, flankiert von den kleinen Gruppen der »Quer- und Andersdenker«.

Ihre Tätigkeit war in diesem Jahrhundert gedacht wie ein »Entwicklungsroman«, der seine Helden und sein Publikum allmählich zu höherer Einsicht läutert. Indes: Sie wurde immer mehr zur »Tragödie, deren Protagonisten das Gute wollten und das Böse - zumindest nicht verhinderten«.

Wolfgang Pehnt: »Das Ende der Zuversicht«. Siedler Verlag, Berlin;416 Seiten; 128 Mark (bis 31. Dezember 98 Mark).Eckausbildungen von den Architekten Lucien Kroll (1976 in Brüssel)und Ludwig Mies van der Rohe (1946 in Chicago).Unten: Abriß der Wohnanlage Pruitt-Igoe 1972.

Zur Ausgabe
Artikel 59 / 78