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Woody Allens Fluch der Lächerlichkeit

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek zum deutschen Start der »Stardust Memories«
• aus DER SPIEGEL 5/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rund um den Start-Termin zu seinem neuesten Film, den »Stardust Memories«, gibt es in Deutschland einen kleinen Woody-Allen-Boom.

Bei Rogner & Bernhard erscheint der dritte Band von Woody-Allen-Prosa. Titel: »Nebenwirkungen«.

Da taucht der Attentäter Cloquet auf, von dem es heißt: »Cloquet haßte die Wirklichkeit, war sich aber klar darüber, daß sie noch immer der einzige Ort war, wo man ein anständiges Steak bekam.«

Oder es tritt der Held Nadelmann auf, von dem Allen berichtet: »Als Nadelmann mit meiner Tochter und mir einmal in der Mailänder Oper war, beugte er sich aus seiner Loge und fiel in den Orchestergraben. Zu stolz zuzugeben, daß das ein Mißgeschick war, besuchte er die Oper einen Monat lang jeden Abend und wiederholte jedesmal den Sturz. Bald zog er sich eine leichte Gehirnerschütterung zu. Ich machte ihm klar, daß er damit aufhören könne, da er seinen Zweck erreicht habe. Er sagte: ''Nein. Noch ein paarmal. Es ist wirklich gar nicht übel.''«

Daß man auf den Kopf gefallen sein muß, um ein stolzer Held zu sein, diese heroisch lächerliche Einsicht demonstrierte Woody Allen mit Hilfe seiner sämtlichen filmischen und literarischen Doppelgänger. Sie haben alle das Glück, sich noch unglücklich verlieben zu können; sie stolpern samt und sonders durch die eherne Garde der Lebenstüchtigen und Erfolgreichen in das gnädige Geschick, Versager sein zu dürfen.

Die Drehbücher zu den Nieten-Rollen, die er vom »Stadtneurotiker« über »Manhattan« bis zu den »Stardust Memories« spielt, erscheinen jetzt bei Diogenes. Woody Allens Drehbüchern wird damit eine literarische Eigenexistenz zugebilligt.

Dabei ist Woody Allen in Amerika gerade »unten durch«. Wenn die »Washington Post« zum Jahresanfang und Beginn der Reagan-Periode halb ironisch eine Liste dessen veröffentlichte, was jetzt »in« und »out« sei, dann ist klar, daß dem konservativen Zeitgeist weder eine Frau, die ohne Büstenhalter herumläuft, noch Woody Allen gefällt; beide sind, wie die Gesundheitssalate, die Russen oder der Frieden, »out«. »In« dagegen, sozusagen anstelle von Woody, ist Gott, und mit dem Büstenhalter sind auch das Pentagon und Stetsonhüte wieder gefragt.

»Stardust Memories« war in Amerika ein Flop. Viele Kritiken bescheinigten Woody Allen »Selbsthaß«, wo sie früher von »Selbstironie« geschwärmt hatten.

Und das Publikum fand einen Film nicht komisch, in dem der Held, ein erfolgreicher Komiker, es satt hat, komisch zu sein. Über all dem menschlichen Elend, so Woody Allen im Film, sei ihm das Lachen vergangen.

Sein Produzent (im Film) erwidert darauf: »Mit menschlichem Elend verkauft man in Kansas City keine Kinokarten.« Und behielt (in der Wirklichkeit) recht.

Woody Allen war, bisher jedenfalls, der Komiker, der Späße auf seine Kosten, schlimmstenfalls auf Kosten der Intellektuellen der Ostküste machte. Gegen die strahlend stumpfen Cowboys und aus allen Nähten krachenden Rechthaber a la John Wayne setzte Allen den ewig herumstammelnden New Yorker Zappelphilipp, dem das New Yorker Kulturgeschwätz stärker zusetzte als die Sorge um den Sieg der guten Sache und der sich in der Liebe immer wieder in dornige Neurosen bettete.

Jetzt, in »Stardust Memories«, begeht Woody Allen den unverzeihlichen Fehler, daß er sein Publikum angreift. Es gehört ja zur stillschweigenden Übereinkunft zwischen dem Komiker und seiner Gemeinde, daß sie, indem sie ihn komisch findet und ihn anhimmelt, sich selbst schulterklopfend bescheinigt, was sie für einen gänzenden Sinn für das Komische hat.

Woody Allen hat die Stirn, die Unverschämtheiten seiner kniefälligen Anbeter zum alptraumartigen Thema seines Films zu machen. Aus allen Ecken und Ritzen von »Stardust Memories« kriechen und stürzen die Verehrer des Komikers Woody Allen, bitten um Autogramme, versichern ihm, wie wunderbar sie seine Filme finden, und erwarten dafür ihrerseits, daß Woody Allen sie wunderbar findet.

Das Aufgebot an Häßlichkeit, Aufdringlichkeit und Schwachsinn, das Allen bemüht, um die Verehrung, die ihn S.163 umgibt, zu kennzeichnen, hat gewiß schon misanthropische Züge.

Der Film beginnt mit einer tristen Allegorie. Woody Allen sitzt mit großen, hinter seiner Brille schreckhaft aufgerissenen Augen in einem Zug. Um ihn lauter düster dreinblickende Leute, ein schluchzender schniefender Mann, ein Mädchen mit einer riesigen Nase, ein düsterer Priester, Menschen, die traurig, stumm und dumpf im Zug sitzen, Paare, die in freudloser Isolation vor sich hin starren.

Durch das Fenster sieht man auf einen anderen Zug, in dem es lauter schöne, fröhliche, junge Menschen gibt, die miteinander feiern und flirten.

Woody Allen möchte umsteigen, aber der düstere Zug fährt los. Er kann die Tür nicht öffnen, die Notbremse funktioniert nicht. Schließlich landet der Zug an einer riesigen Müllhalde. Die düsteren Passagiere steigen aus, stolpern durch den Müll.

Aber auch die Insassen des fröhlichen Zuges werden zur Müllhalde transportiert. Ebenso abrupt, wie sie begonnen hat, endet diese symbolische Düsternis. In einem Kinovorführraum geht das Licht an, und die Bosse einer Filmgesellschaft fallen fluchend über das, was sie eben gesehen haben, her.

Woody Allens »Stardust Memories« beginnt als Film im Film, wobei er sich den Gag erlaubt, eine Szene vorzuführen, die die Filmverantwortlichen später wegschneiden, verstümmeln, in ihr (optimistisch rosiges) Gegenteil umdrehen wollen.

Wegen seines Geflechts aus Rückblenden, Traumszenen und Film-im-Film-Partikeln hat man »Stardust Memories« mit Fellinis »8 1/2« verglichen: In der Tat verwischen sich auch bei Allen die Konturen zwischen Innenwelt und Außenleben, zwischen Filmtraum und Lebensanspruch, zwischen Wunsch und Wirklichkeit ständig.

Ein Wochenend-Filmfestival, das zu Ehren des Filmkomikers Sandy Bates (alias Woody Allen) veranstaltet wird, bildet den Rahmen. Und wie der Film immer wieder aus seiner Handlung ausbricht, seine Story ausfranst, so möchte sein Held aus seiner Rolle aussteigen und wird von den unerbittlichen Fans und ihren Ansprüchen immer wieder zurück in die Rolle geboxt.

Selbst wenn er spät am Abend, nach Filmvorführungen mit anschließenden Round-table-Gesprächen müde ins Hotelbett fallen möchte, wartet dort bereits wieder ein weiblicher Fan, hat Kekse und Haschisch mitgebracht und erklärt dem übermüdeten Sex-Clown, daß der wartende Ehemann unten im Auto sich sozusagen geschmeichelt fühlen würde, wenn Bates seine Autogrammstunde mit besonderer Eindringlichkeit gestalten könnte.

Woody Allen leistet sich nicht das Komikervergnügen, mit dem solche Szenen üblicherweise als neiderregende Anmachereien auf das Publikum losgelassen werden. In dem eher trist und schwermütig stimmenden Schwarzweiß, das den Badeort an der Ostküste zu einer nostalgischen Fellini-Landschaft formt, wird auch ein solcher Sexualüberfall zum matten Bestandteil des Publicity-Rummels.

Allens schwermütiger Held kann in den Podiumsdiskussionen mit überfetteten Cineasten, verhärmten Anbeterinnen und gesellschaftskritisch überladenen Zeitgenossen antworten, was er nur will. Die Leute quittieren jede seiner Erwiderungen als Gag mit schallendem Gelächter -- sie mag noch so ernsthaft, trocken, witzlos gemeint sein.

So resultiert die Komik von »Stardust Memories« auch daraus, daß ein Komiker die Komik verweigert, daß er die dümmsten Ansinnen seiner Fans mit geduldigen Antworten belohnt, blanke Brüste seufzend signiert, sich mit Salamiwurst beschenken läßt und seinem ehemaligen Mitschüler, der es nur zum Taxifahrer gebracht hat, klarmacht, daß es keinen Grund gibt, ihn um die vielen schönen Frauen zu beneiden.

Denn die hüpfen, als wehe Erinnerungen oder als harte Anforderungen, ohnehin verstörend genug durch das Wochenende im Stardust-Hotel. Die eine, von Charlotte Rampling gespielt, ist, obwohl atemberaubend schlank, pausenlos in Diätpanik und von Verfolgungsängsten der Eifersucht und des Dickwerdens heimgesucht. Die andere (Marie-Christine Barrault), von Sandy samt ihren ihn sexuell stimulierenden winzigen weißen Wollsocken herbeigesehnt, bringt leider nicht nur ihre zwei S.164 französischen Kinder mit, sondern auch die ihn eher in Panik versetzende Botschaft, daß sie nun ihren Mann verlassen habe, also frei für ihn sei.

Die dritte schließlich, eine junge Violinistin der New Yorker Philharmoniker (Jessica Harper), hat zwar von Sandy schon mal unsagbar Unanständiges geträumt, da sie sich aber für eine Problemfrau hält, will sie dem sie Bedrängenden ihre Liebe nicht zumuten.

Und um diesen Strauß aus geknickten Gefühlen noch widerborstiger zu machen, zerspielt Allen auch noch die bitteren Gefühlsverwicklungen zu filmischen Illusionen: Als Schauspielerprofis unterhalten sich zwei seiner Partnerinnen, halb belustigt, halb belästigt, darüber, daß er bei Kußszenen immer wieder wie wild mit seiner Zunge rotiere.

Selbst seine komische Unwiderstehlichkeit nimmt Woody Allen, längst zum amerikanischen Sex-Idol aufgestiegen, satirisch auseinander.

Am Schluß des Films fragen zwei seiner Freunde sich laut, was denn wohl der Rolls-Royce als Symbol zu bedeuten habe, in dem Woody bald mit, bald ohne Chauffeur allerlei Fährnisse erlebt. »Ich glaube«, sagt der eine, »der Rolls-Royce soll einfach sein Auto symbolisieren.«

Woody Allens Film hat für die Allen-Gemeinde die gleiche vertrackte Einfachheit. Woody Allen spielt Sandy Bates, einen Film-Komiker, der in die Fänge seiner zur rücksichtslosen Begeisterung entschlossenen Fans gerät. Ein Symbol? Und wenn ja, wofür?

S.162Woody Allen mit Charlotte Rampling.*S.163Oben: Mit Jessica Harper;*unten: mit Dorothy Leon.*

Hellmuth Karasek
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