Streit um Rektorenposten: Studenten kämpfen für Krebs-Genesene - DER SPIEGEL
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Streit um Rektorenposten Studenten kämpfen für Krebs-Genesene

Der Streit droht zu eskalieren: Renate Lieckfeldt hatte den Krebs besiegt und wurde zur Rektorin an Sachsens größter Fachhochschule gewählt. Doch der Freistaat will sie nicht - "erhöhtes Wiedererkrankungsrisiko". Nun haben sich die Studenten auf ihre Seite geschlagen und das Rektorat besetzt.
Gewählte Rektorin Lieckfeldt: Ein Risiko für den Freistaat Sachsen?
Gewählte Rektorin Lieckfeldt: Ein Risiko für den Freistaat Sachsen?

Gewählte Rektorin Lieckfeldt: Ein Risiko für den Freistaat Sachsen?

Foto: HTWK Leipzig
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Studenten haben am Mittwochmorgen das Rektorat der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig besetzt, die Chefetage der größten Fachhochschule Sachsens. Sie protestieren damit gegen die Weigerung des Wissenschaftsministerium in Dresden, die gewählte neue Rektorin Renate Lieckfeldt in ihr Amt einzusetzen. 24 Stunden wollen die Studenten bleiben, erst am Donnerstagmorgen wollen sie wieder abziehen.

Es ist die nächste Eskalationsstufe eines unschönen Streits, in dem es um die Krankengeschichte Lieckfeldts geht und um das Beamtenrecht, das sich in diesem Fall als ziemlich gnadenlos erweist.

Lieckfeldt war im Januar vom Erweiterten Senat der HTWK zur neuen Rektorin gewählt worden. Sie sollte ihr Amt ursprünglich am 2. Mai antreten. Das Ministerium verweigert ihr aber die Ernennung, weil wegen ihrer überstandenen Krebserkrankung angeblich ein höheres Wiedererkrankungsrisiko bestehe. Gegen die Haltung des Ministeriums war in den vergangenen Wochen über Sachsen hinaus heftiger Protest laut geworden.

Auch die Besetzer des Rektorats sind empört. Die Studenten sehen im Umgang mit der designierten Rektorin "undemokratische, diskriminierende Vorgänge". Unterstützung bekamen sie von Studentenvertretern der Universität Leipzig: Sie nennen es einen "Skandal", wie mit Lieckfeldt umgegangen wurde.

Ulrich Ziegler, Kanzler und einer der kommissarischen Leiter der HTWK, sagte, es seien rund zwei Dutzend Studenten im Rektorat, sie hätten sich mit "Lebensmitteln und Getränken proviantiert". Vom Hausrecht werde vorerst kein Gebrauch gemacht, man werde nur die Polizei holen, wenn es zu Sachschäden komme oder andere Studenten am Lernen gehindert würden.

Möglicher Ausweg: Angestelltenverhältnis statt Verbeamtung

Ziegler sagte SPIEGEL ONLINE die Besetzung sei ein "untaugliches Mittel", er sei "enttäuscht von der Studentenschaft, weil wir ein Rektorat der offenen Tür haben und man mit uns immer reden kann". Ziegler blieb dabei, dass er in der Sache nichts tun könne. "Wir müssen abwarten, wie sich das entwickelt", sagte der Kanzler. Es sei auch im Interesse der Hochschule möglichst bald eine funktionierende Führung zu haben.

Bislang lehrt die gewählte Rektorin Lieckfeldt im Fachbereich Physikalische Technik der Fachhochschule Gelsenkirchen. Mit ihrer Krebs-Erkrankung ist sie stets offen umgegangen. In einem sehr persönlichen Text, mit dem sie sich in der Leipziger Hochschulzeitschrift ihren neuen Kollegen und den Studenten vorstellte, heißt es beispielsweise: "Im letzten Jahr bin ich an Krebs erkrankt. Während der Monate der Chemotherapie habe ich viel nachgedacht." Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE wies sie selbst auf diese Stelle in ihrem Text hin, sie ist ihr wichtig. In der Woche vor Ostern hat Renate Lieckfeldt auch vielen anderen Journalisten von ihrer Erkrankung erzählt, nachdem das Sächsische Wissenschaftsministerium ihr die Verbeamtung und damit den Rektorenposten verweigert hatte.

Sachsens parteilose Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemmer hatte vor Ostern noch betont, dass das Ministerium hart bleiben werde: "Die beamtenrechtlichen Voraussetzungen für eine Ernennung liegen nicht vor." Eine aus rechtlicher Sicht wohl wasserdichte Begründung.

Jetzt bewegt sich das sächsische Wissenschaftsministerium, wenn auch nur sachte. Anfang kommender Woche werde es ein persönliches Gespräch zwischen Lieckfeldt und Wissenschaftsministerin Schorlemer geben, kündigte die Sprecherin der Ministerin an. An der Sachlage habe sich aber nichts geändert, betont die Sprecherin, es werde aber "geprüft, ob ein Angestelltenverhältnis anstelle einer Verbeamtung möglich ist". Um das Gespräch habe Lieckfeldt in der vergangenen Woche gebeten.

Die designierte Rektorin wollte sich am Mittwoch nicht zur Soli-Besetzung des HTWK-Rektorats durch Studenten äußern. Bis zu ihrem Gesprächstermin Anfang kommender Woche habe sie mit dem Ministerium Stillschweigen vereinbart, sagte Lieckfeldt SPIEGEL ONLINE.

cht/otr/dapd