Studentenjob Model Mathe statt Mode
Die Karriere von Mario Kott begann wie im Film: Der Student stand an einem schönen Mai-Tag des Jahres 2000 vor dem Laden mit Modelleisenbahnen in Potsdam, in dem er als Aushilfe jobbte, und rauchte eine Zigarette. Da hielt ein dicker schwarzer Mercedes auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Zwei Männer stiegen aus, beobachten Mario und tuschelten. Der kniff die Augen fest zusammen.
Einer der beiden Männer kam auf ihn zu. "Weißt du eigentlich, wer das ist?", fragte er und deutete auf den blondsträhnigen Typen neben sich. Der Typ war Wolfgang Joop, und Mario passte genau zu der Werbekampagne, die der Modedesigner gerade plante. Dann ging alles ganz schnell. Beim nächsten Treffen probierte Mario Hosen aus der neuen Joop-Kollektion, drei Wochen später folgte das erste Foto-Shooting.
Für den Malersohn aus der thüringischen Kleinstadt Schmalkalden war der Blitzstart auf dem Laufsteg gar nicht so einfach. Einmal sollte Mario auf einem etwa drei Meter langen Podest immer wieder hin- und herlaufen und dabei nach hinten blicken. Irgendwann vergaß er, stehen zu bleiben - und fiel runter.
Über den Podeststurz lacht Mario, 28, heute. Schließlich zählte er schon wenig später zur Model-Elite. Im Herbst 2000 stolzierte der Student bei der Fashion Week in New York über den Catwalk. Wolfgang Joop wollte, dass Mario als Model für seinen neuen Herrenduft "Rococo" wirbt. Er sollte den "Modern Hero" des 21. Jahrhunderts mimen, den bösen Deutschen als Rock-Rebell Billy Idol im Körper eines griechischen Gottes. Dafür speckte Mario zehn Kilo ab. Vorher wog er 95 Kilo bei 1,92 Meter Größe, obwohl er schon im Fitnessstudio trainierte. Nun ähnelte er dem Modezaren ziemlich stark. "Der Vergleich mit Wolfgang Joop nervt mich gewaltig", erzählt Mario - obwohl er sich mit dem Designer noch heute gut versteht.
Als Mathe-Student an der Uni Potsdam hatte Mario in einer WG gelebt und sich von abgepackter Billigsalami ernährt. Nun war er plötzlich ein kleiner Star in der Glamour-Welt. Von der ersten Gage lud er seine Mitbewohner zum Griechen ein, anschließend fuhren alle im Großraumtaxi zum Tanzen. Rund 1000 Euro soll die Club-Nacht gekostet haben, aber Mario verdiente jetzt gut. Er kaufte sich ein silbernes Mercedes-Cabrio, mietete in Potsdam eine Wohnung mit Hightech-Kühlschrank und Leinwand im Schlafzimmer.
Seine Freundin beeindruckte das allerdings nicht. Sie war eifersüchtig auf die hoch gewachsenen Gazellen, die neben ihm über den Laufsteg stolzierten, und trennte sich von Mario. Dabei stand er gar nicht auf Supermodels à la Heidi Klum. "Das sind dürre Bachstelzen", sagt Mario und beschreibt seinen Frauentyp: "Roter Bubikopf, klein, mit einem bisschen Arsch in der Hose." Das wollte die Freundin nicht glauben. Heute ist Mario immer noch Single. Dass Beziehungen lange funktionieren können, glaubt er seit der Trennung nicht mehr.
Auch dem Studium bekam das Modeln nicht. Die Mathematik hatte er inzwischen so gut wie vergessen. Die Oma mahnte: "Mach dein Studium zu Ende, damit was aus dir wird." Doch Mario modelte weiter.
Dann kam der 11. September. "Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center war die Modewelt sechs Monate lang tot", erzählt Mario. Danach waren Modern Heroes in den Modemetropolen Europas nicht mehr en vogue. "In Paris und Mailand wollten die Designer Softies mit schmalen Schultern und Konfektionsgröße 48", erklärt Mario heute. Der Mathe-Student hat Kleidergröße 52, trägt von den muskulösen Oberarmen bis zum Halsansatz eine tiefblaue Tätowierung und sagt über sich: "Ich bin zu groß, zu charakterlich, zu speziell." Joop riet: "Geh nach London." Das wollte Mario nicht. "Dort gibt es genug Punk-Typen wie mich", sagt er - und entschied sich für Potsdam.
Jetzt studiert er wieder Zahlen, Formeln und Parabeln. "Ich habe keine Lust, Türklinken zu putzen und von einem Casting zum nächsten zu tingeln", sagt Mario. In zwei Jahren wäre er ohnehin schon zu alt für den Laufsteg gewesen. Den frühzeitigen Abschied aus der Welt der Stars und Sternchen bedauerte er nur anfangs - in der Mensa.
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Die Wände waren kahl, das Essen auf Plastiktabletts schmeckte fettig. "Das war deprimierend", erinnert sich Mario. Auch seine Uni-Stadt war ihm fremd geworden: "Potsdam ist ein Dorf, da kann ich nicht mehr ausgehen", sagt er. Oft wird Mario angepöbelt und als Joop-Model verhöhnt. Einmal fragte jemand: "Wie viel hat deine Hose gekostet?" Ein anderes Mal verschmierten Neider sein Cabrio mit Spray und brachen den Stern ab. Deshalb will er wieder weg aus Potsdam.
In einem Jahr, hofft Mario, wird er sein Diplom haben - und dann seinen Traumjob bekommen: Programmierer im kalifornischen Silicon Valley.
SABINE HOFFMANN