Bildung: Nichts als Buchstabensalat - DER SPIEGEL
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Bildung Nichts als Buchstabensalat

Analphabetismus ist nicht nur ein Problem der Entwicklungsländer – sondern auch in Deutschland.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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Manchmal fragt ihn sein Sohn am Abend: "Papa, kannst du mir eine Geschichte vorlesen?" Aber Herbert Ochs kann ihm diesen Wunsch nicht erfüllen. "Nein, Justin, du weißt doch, dass der Papa nicht so gut vorlesen kann", muss er dann sagen.

34 Jahre lang war Ochs ein Analphabet, bevor er anfing, lesen und schreiben zu lernen. Heute ist er 38 und kann schon "ziemlich gut" SMS lesen. Aber um seinem fünfjährigen Sohn eine ganze Geschichte vorzulesen, reichen seine Kenntnisse noch nicht aus. "Es geht alles noch sehr langsam", erzählt er. "Ich ziehe mir Buchstaben für Buchstaben zusammen, und oft muss ich das Wort mehrmals lesen, um den Sinn zu verstehen."

Solche Probleme haben viele Deutsche. Denn Analphabetismus ist kein Problem der Entwicklungsländer. Auch in Deutschland leben viele Menschen, für die Bücher nur Buchstabensalat sind. Der Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung in Münster schätzt, dass vier Millionen Analphabeten in Deutschland leben. Die genaue Zahl kennt niemand – die wenigsten Analphabeten gehen offen mit ihrer Lese- und Schreibschwäche um. Viele verstecken sie ihr Leben lang.

Die Folgen sind dramatisch. "Wir müssen davon ausgehen, dass viele Hartz IV-Empfänger Analphabeten sind", sagt Elfriede Haller, Vorstandsmitglied beim Bundesverband für Alphabetisierung und Kursleiterin für Lese- und Schreibkurse in Ludwigshafen. "Arbeitsplätze ohne Schriftsprachkompetenzen gibt es in Deutschland kaum."

Haller spricht aus Erfahrung: Eine Kursteilnehmerin verlor ihre Putzstelle, da sie den Aufgabenzettel, den die Frau ihr auf den Tisch legte, nicht lesen konnte. So waren am Abend, als die Familie heim kam, nicht alle Aufgaben erledigt - und die Putzhilfe wurde entlassen.

Solche Schicksale können laut Haller vielfältige Ursachen haben. Die Expertin nennt etwa "Sprachstörungen, die vor der Schulzeit nie behandelt worden sind, oder Hörprobleme, die zu Lernverzögerungen führen".

Herbert Ochs hingegen macht seine Mitschüler dafür verantwortlich, dass er seinem Sohn keine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen kann. In der ersten Klasse stotterte er, brauchte immer sehr lange; seine Mitschüler lachten ihn aus. "Ich hatte keine Lust mehr vorzulesen und habe mich auch nicht mehr bemüht", sagt er. Niemand half ihm: Seine Eltern waren beide berufstätig und hatten elf Kinder zu versorgen, der Lehrer musste sich auch um 31 andere Schüler kümmern.

Ochs lernte den Stoff auswendig und machte mündliche Prüfungen, so schaffte er seinen Hauptschulabschluss und sogar seinen Gesellenbrief als Galvanisator, und drei Führerscheinen stand der Analphabetismus nicht im Weg. Doch später im Beruf kamen die Probleme. 2002 platzte ihm der Kragen: Nach nur fünf Tagen Arbeit bei einer Getränkefirma wurde ihm fristlos gekündigt. Die Mitarbeiter akzeptierten ihn nicht, da er nicht lesen und schreiben konnte. Ochs ärgert sich noch heute: "Ich habe doch keine ansteckende Krankheit, sondern nur eine Lese- und Schreibschwäche."

Ochs ging an die Öffentlichkeit, berichtete in der Lokalzeitung und dann in anderen Medien über sein Problem. Außerdem rief er das Alfa-Telefon an: die bundesweit einzige Anlaufstelle für Analphabeten und deren Angehörige.

Diese Hilfe bietet der Bundesverband an, "finanziert ausschließlich durch Spenden", sagt Vorstandsmitglied Haller. Sie fordert ein größeres Angebot in Deutschland: "Wir haben das Problem überall, doch in Ländern wie den Niederlanden oder Großbritannien wird wesentlich qualifizierter dagegen vorgegangen."

In Deutschland fehle zum Beispiel ein spezieller Bildungsgang für Kursleiter von Lese- und Schreibkursen. "Denn es ist doch ein Unterschied, ob man Kindern oder Erwachsenen lesen und schreiben beibringt", sagt Haller. Der Bundesverband fordert daher mehr qualifizierte Lehrer – und mehr bezahlbare Kurse.

Die Nachfrage ist da. Allein die Volkshochschule Osnabrück etwa bietet elf Kurse an. "Die sind alle ausgebucht", sagt Kursleiterin Angela Bockrath. Die Teilnehmer seien zwischen 16 und 64 Jahren alt und kämen aus unterschiedlichen Gründen: "Häufig sind es Jobanforderungen, aber auch der Wille, privat nicht mehr von anderen abhängig zu sein", berichtet Bockrath. Ein Lehrbuch gebe es nicht. "Hauptsächlich schreiben wir auf dem Niveau der Teilnehmer kurze Texte, manchmal auch nur Sätze, mit denen wir dann weiterarbeiten", sagt die Kursleiterin. In einem Vorgespräch legt sie mit jedem Teilnehmer die Lernziele fest und versucht, eine Vertrauensbasis zu schaffen. "Der Schritt in den Kurs ist oft mit viel Angst besetzt", erzählt Bockrath.

Die wenigsten Analphabeten sind so offen wie Herbert Ochs. Für die meisten wäre es daher wahrscheinlich unvorstellbar, bei Stern TV vor Millionen von Zuschauern über ihr Problem zu sprechen. Doch Herbert Ochs hat es getan. Andere Fernsehauftritte folgten. Im November 2005 wurde Herbert Ochs vom Bundesverband sogar zum UN-Botschafter ernannt.

So war er kürzlich auch an einem Ort, der für Analphabeten ein Schrecken sein muss: auf der 58. Frankfurter Buchmesse. Dort unterstützte er eine langfristige internationale Kampagne gegen Analphabetismus, die "Literacy Campaign" unter UNO-Schirmherrschaft.

Die Buchmesse hat ihm gut gefallen. "Hier sehe ich, was ich jahrelang verpasst habe", sagt Ochs. "Vielleicht hätte es mir ja auch Spaß gemacht, früher mal Dr. Sommer oder ein gutes Jugendbuch zu lesen." Nun hat er ein neues Ziel: die Bände von Karl May lesen, die er bisher nur als Film kennt.

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