Bildungsstandards: Was Deutschlands Schüler künftig können müssen - DER SPIEGEL
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Bildungsstandards Was Deutschlands Schüler künftig können müssen

Seit dem Pisa-Fiasko suchen die Kultusminister nach einem gemeinsamen Nenner für die Lernziele an Schulen. Am Dienstag haben sie erstmals gemeinsame Bildungsstandards vorgelegt. Damit soll von Lübeck bis Landshut das Leistungsniveau der Schüler steigen.
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National einheitliche Bildungsstandards sollen dafür sorgen, dass Schocks wie bei der internationalen Pisa-Studie deutschen Schülern, Lehrern und Eltern künftig erspart bleiben. Am Dienstag haben die Kultusminister der Länder erste Entwürfe für Bildungsstandards präsentiert. Angehört werden sollen dazu in den nächsten Monaten Lehrer- und Elternorganisationen, Experten an den Hochschulen sowie Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Verbände können die Entwürfe jetzt prüfen, für den Herbst ist eine mündliche Anhörung geplant. Die Kultusministerkonferenz (KMK) rechnet mit der Einführung an deutschen Schulen im Sommer 2004.

Beim Pisa-Vergleich waren die 15-Jährigen aus Deutschland auf einem miserablen 21. Platz unter 32 OECD-Teilnehmernationen gelandet. So war jeder vierte Neuntklässler nicht in der Lage, einen einfachen Text zu verstehen. Die Entwürfe beschreiben nun, was Schüler in Deutsch, Mathematik und Fremdspachen für den mittleren Bildungsabschluss in der zehnten Klasse können müssen.

Die Bildungsstandards legen allerdings lediglich Lernziele fest, ersetzen also keine Lehrpläne. Beispiel Deutschunterricht: Den Bundesländern und Schulen bleibt überlassen, ob sie im Deutschunterricht Lessings "Emilia Galotti" oder Goethes "Faust" lesen lassen. Sie behalten den pädagogischen Freiraum bei der Ausgestaltung des Literaturkanons.

Bloß keinen neuen Gesamtschulstreit

Einig sind sich die Länder aber, welche Grundfähigkeiten Schüler in Deutsch beherrschen müssen - etwa ein Spektrum klassischer und aktueller Literatur kennen oder in der 10. Klasse zwischen "epischen, lyrischen und dramatischen Texten unterscheiden". Hessens Schulministerin Karin Wolff, derzeit KMK-Präsidentin, stellte ein Beispiel vor, in dem über das "verschwindende Kulturgut"des Briefeschreibens geklagt wird. Die Schüler müssen dabei Aufgaben aus drei "Anforderungsbereichen" lösen, vom Textverständnis und richtigen Schreiben bis zu einem Plädoyer für elektronische Kommunikation.

Auch in Mathematik und der ersten Fremdsprache werden drei Kompetenzniveaus definiert: Auf der ersten Stufe sollen Schüler einfaches Wissen wiedergeben und auf der zweiten Stufe das Gelernte mit neuen Sachverhalten und Problemlösungen verknüpfen. Und auf der dritten sollen sie in der Lage sein, auch über komplexere Themen eigene Urteile zu fällen.

Mit den unterschiedlichen Frage-Niveaus gehen die Kultusminister auch dem Streit aus dem Weg, ob die Standards "schulformübergreifend" wirken sollen oder sich an die klassische Gliederung des deutschen Schulsystems in Haupt-, Realschulen und Gymnasien anlehnen sollen. Die schlechten Pisa-Ergebnisse hatten unter anderem zu heftigen Diskussionen über die im internationalen Vergleich sehr frühe Auslese der Schüler und die unzuverlässige Aufteilung auf die drei Schulformen geführt - und nichts fürchten die Kultusminister mehr als eine neue Gesamtschul-Debatte.

Meilenstein oder Luftnummer?

Die Kultusministerkonferenz ist ohnehin nicht für Konsensfähigkeit und weise Entschlüsse berühmt, eher dafür, dass sich 16 Minister hartnäckig beharken und am Ende allenfalls auf einen winzigen gemeinsamen Nenner verständigen. Diesmal reagierten sie vergleichsweise schnell: Im Mai 2002, also knapp ein halbes Jahr nach der Pisa-Veröffentlichung, hatte die KMK sich in Eisenach auf die Erarbeitung nationaler Bildungsstandards geeinigt. Ob die tatsächlich ein "Meilenstein" für das deutsche Schulsystem werden oder zu vage ausfallen, um den schulischen Leistungen einen echten Schub zu geben, wird sich noch zeigen müssen.

Konfliktstoff birgt auch die Frage, wie die Bildungsstandards überprüft werden sollen. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hatte sich für eine "nationale Bildungsagentur" stark gemacht; die KMK spricht sich für eine unabhängige wissenschaftliche Einrichtung aus. Welche Institution das sein wird, ist aber noch offen. Ein bundesweites Schulranking können sich die Kultusminister nicht vorstellen, länderübergreifende Vergleichstests schon. "Es gibt keine härtere Strafe als die Öffentlichkeit", sagte KMK-Prsäidentin Karin Wolff.

Selbst Länder-Vergleiche sind bildungspolitisch bisher vermintes Gelände: Vor einem Jahr hatte die Ergänzungsstudie "Pisa-E" erhebliche Unterschiede im Leistungsniveau und bei den Benotungsmaßstäben zwischen den Bundesländern ergeben - bis zu zwei Schuljahre betrug der Abstand bei den Leistungen. Die Spitzenreiter Bayern und Baden-Württemberg frohlockten, Verlierer wie der kleine, arme Stadtstaat Bremen klagten über Wettbewerbsverzerrung durch ländliche Regionen mit geringeren sozialen Problemen als in Großstädten.

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