Marcs Studienstart Im Schlösschen des Grauens
Mein Lächeln sieht aus wie eine zerfetzte Ringeltaube. Zum Frühstück gab es Stacheldraht mit Müsli. Bauch, Kopf und der Gliederrest taumeln taub in Prüfungsraum A01. Auf mich warten drei Prüfer; entweder die Panzerknacker oder Tick, Trick und Track. Ich will lieber die zweite Version. Und ich mache mich verrückt. Wieso eigentlich?
Zwei Tage zurück: Ich bin auf Schloss Eichholz angekommen, einem Tagungsort der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Die KAS gehört zu den sechs großen politischen Stiftungen Deutschlands und bietet neben dem normalen Stipendium auch eine journalistische Nachwuchsförderung an. Die will ich haben. Ich habe schon zwei Persönlichkeitsgutachten, gut 30 Seiten Fragebogen, Praktikanachweise, Arbeitsproben, Briefmarken und Briefmarkenspucke eingereicht nun wurde ich zu einer Auswahltagung ins Schloss eingeladen.
Zuerst klingt das jetzt nur schwer machbar. Tatsächlich aber wissen viele Studenten gar nicht, welch gute Chancen sie bei Konrad und Co. hätten. Vielleicht wäre ich heute nicht auf Eichholz, wenn ein anderer Student sich getraut hätte, seinen Professor um ein kurzes Gutachten anzuhauen? Aber egal - ich bin hier und will das Beste daraus machen.
Soll ich meine Jugendsünden beichten?
Meine Mutti hatte noch gesagt: Marc, merke dir Namen und benutze die auch. Nichts wirkt aufmerksamer. Der erste Name, der mir über den Weg läuft, ist Gero. Das finde ich gut, so heißt auch das Löwenmaskottchen meiner Heimatstadt. Der Gero ist gut gekleidet, Medizinstudent aus Münster, mag Jim Carrey in ernsten Rollen, und isst weder Fleisch noch Fisch. Die Tatsache, dass ich das alles behalten und anwenden kann, macht mich stolz. Die Tatsache, dass dann noch Sinas, Annas, Michaels und Marias dazukommen hat mir allerdings wieder Flaute in die Segel getrieben.
Schloss Eichholz also. Das Anwesen lässt sich wunderbar im Diminutiv beschreiben: So ist das Schloss eigentlich ein Schlösschen, samt Park mit vielen putzigen Eichhörnchen und einem kleinen Wäldchen. Die Studenten werden in Zimmerchen mit Bad und MTV untergebracht. Zum Empfang gibt es Namensschildchen und im Foyer finden sich in allen Ecken Bildchen von Konrad Adenauer. Wahrscheinlich gehört der Seelenbalsam zum Programmchen, denn: zurück zur Tick-Trick-Track-Situation. Im Angesicht meiner drei Prüfer schwitze ich die Donau aus meinen Achseln.
Ob ich gleich Jugendsünden beichten soll oder ein Alternativprogramm zum deutschen Steuersystem entwerfen muss, weiß ich nicht. Wird beides nicht einfach. Alle drei schauen genauso freundlich wie undurchdringlich. Zum Zeitpunkt des Einzelgespräches habe ich schon eine Reihe von Test hinter mir. Es gab Wissenstests und Gruppendiskussionen, alles wurde von den Gutachtern ausgewertet und beurteilt. Ich erwarte, dass mir die drei meinen niedergeschriebenen Mist um die Ohren hauen.
Ich musste wissen, wann Konrad Adenauer gelebt und gekanzlert hat. Kein Ding, hatte ich vorher extra durchwikipedisiert. Ich sollte Chefredakteure ("Fakten, Fakten, Fakten") ihren Medien zuordnen und den neuen Mehrwertsteuersatz berechnen. Es gab einen Exkurs in Zeitgeschichte, Literatur und Länderebene. Schließlich ging es um Musik: Ich erklärte in meiner Panik E.T.A. Hoffmann zum Komponisten unserer Nationalhymne, wusste dann allerdings sicher, dass Vanessa nicht mehr bei den No Angels dabei ist. Wird mir das als Minuspunkt angerechnet?
Die Jury mag den bösen Kommentar
Schließlich stutzte ich langweilige Polizeimeldungen zu noch langweiligeren Zeitungsmeldungen, packte zu viele Informationen in einen Artikel über das Nichtraucherschutzgesetz und schrieb einen bösen Gebärmaschinenkommentar über die aktuelle Krippenplatzsituation. Kommt der gut an?
Zurück zum Ende: "Ihr Kommentar war richtig gut", meint der Prüfer in der Mitte, "auch wenn man über die politische Ansicht streiten kann." Ich fühle mich wie bei diesem Hindernislauf, der den Teilnehmer durch eine Reihe Autoreifen hüpfen lässt nur, dass die Autoreifen bei mir schlimme Fettnäpfchen sind. Warum ich zur KAS will, was ich überhaupt will, heute und in Zukunft?
In kürzester Zeit staune ich darüber, wie zielstrebig ich antworten kann, wenn man mich erstmal konkret fragt. Noch vor kurzem brachte mich noch Hundepisse aus dem Konzept, und jetzt kann ich schon in ganzen, klaren Sätzen antworten.
Die Auswahlrunde im Schloss Eichholz wurde zum Entspannungswochenende mit Dauerherzklopfen. Genauso souverän und aufgeregt fühlte ich mich, als mein Großvater, mein Vater und der Rest der Familie im Bad standen und mich pflasterbereithaltend bei meiner ersten Rasur (Weihnachten 2001) beobachteten. Der Rasierer war ein Geschenk und töte meinen ersten Oberlippenflaum.
Das Pflaster hatte ich damals übrigens nicht gebraucht. Und auch die Bewerbung ums Stipendium hat gar nicht wehgetan - nach wenigen Tagen kam die Zusage mit der Post und einem "Herzlichen Glückwunsch".