Marcs Studienstart Karniggels im neuen Stall
Ich stehe in der Eingangshalle KG I der Universität Freiburg als einer von 3500 Studenten. Es ist mein erster Termin in einer streng durchgeplanten Einführungswoche, an deren Ende aus Einfaltspinseln Erstsemester werden sollen. Vom Studentsein trennt mich nun nur noch eine Zahl, die orange 27.
Aber das weiß ich jetzt noch nicht.
Tatsächlich ähnelt die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg nach meinem erster Eindruck dem neuen Terminal des Flughafens Köln-Bonn: Stahlarchitektur meets Beton-Schick. Es ist proppenvoll. Oben auf den Rängen schauen Studenten gelassen nach unten, einer schiebt sich ganz napoleonisch die Hand unter die Jacke. Unten drängen sich Erstsemestermassen am Check-in der Uni. Statt rollender Koffer ziehen sie Berge von Fragen hinter sich her.
Wir alle schauen mit weit aufgerissenen Augen in die Runde. Kaninchenangstblicke. Es gibt drei Reihen für die Kaninchen. Sie führen zu den Schaltern A-H, I-Q und R-Z. Ich muss zum letzten Schalter. Erste Prüfung für mich ist daher herauszufinden, welches Ende der Warteschlangen zu welchem Schalter führt. Das kostet mich 45 Minuten.
Dabei ist das nur ein Detail der vielen demotivierenden Eindrücke in Freiburg. Meine Wohnungsschlüssel hatte ich genau eine Stunde vor dem Check-in-Rätsel zum ersten Mal in eigenen Händen gehalten. Die neue Bleibe ist deswegen noch völlig leer, nachts schlafe ich auf einer Luftmatratze ohne Luft, die einzigen zwei Gegenstände im Raum sind mein Computer und der Käfig mit meinem Hamster. Bearnie frisst am liebsten Butter, Lachs und Joghurt. Was ich ihm nicht bieten kann, weil mir Kühlschrank, Küche und Nerven fehlen.
Erster Eindruck: Gar nicht meine Stadt
Mein Weg ist fremd und grau - von der Wohnungstür zur Haltestelle Reutebachgasse, quer über den Marktplatz mit der hässlichen Statue (ein aufgebocktes Holzherz) und vorbei am Edeka. Die Straßenbahn riecht anders als zuhause und der Bürgersteig fühlt sich beim Aussteigen rau und abweisend an. So gar nicht meine Stadt.
Aber ich darf mich nicht hängen lassen. Schon nach kurzer Zeit werde ich bestimmt den Weg zur Haltestelle fliegend nehmen, die Straßenbahnluft mit vibrierenden Nasenflügeln einsaugen und jeden Kopfsteinpflasterstein mindestens einmal getreten haben. Das Holzherz kann sicher auch ganz ansehnlich wirken. Fremdes wird vertraut, das bringen neue Lebensabschnitte mit sich. Und das macht das Erwachsenwerden erst interessant. Viele neue Menschen werden meinen Weg kreuzen.
Einer der ersten ist Harry. Bin ich Kaninchen, dann ist Harry der alte Hase im Campushoppelhaufen. Harry trägt einen Zottelbart, urige Gelassenheit und zehn Semester Erfahrung in seinem Gesicht. Der Geschichtsstudent ist das personifizierte Verständnis und außerdem mein Betreuer. Durch Harry bekomme ich nicht nur mein Mensaessen fast ohne Anstehen, sondern auch einen gewaltigen Schock: Wer Geschichte studieren will, muss Latein können. Wer Latein nicht beherrscht, muss es lernen. Während Harry diesen Hinweis kundtut wir sitzen in einem kleinen, viel zu warmen Café , kann ich mir dabei zusehen, wie ich vor Panik zerfließe und vom Stuhl tropfe.
Latein. Scheiße. Hätte ich mich echt mal vorher informieren können.
Wie Billard mit krummem Queue
Nun also die tote Sprache. Gut. Ich werde den Rocky Balboa des Latinums mimen und mich durchboxen. Das allerdings lässt der Stundenplan erst im zweiten Semester zu. Den bekommt man zwar nicht vorgeschrieben, aber trotzdem diktiert: Dass sich Studenten ihre Zeit selbst einteilen können, ist ein großes Missverständnis. Pflichtvorlesungen mit Zusatzveranstaltungen zu koordinieren ist nämlich wie Billard mit krummem Queue du kannst noch so präzise die rote Kugel anpeilen, nach dem Anstoß fällt sowieso die gelbe ins Loch.
Meine Veranstaltungen eiern nur so über den Stundenplan: Persisch überschneidet sich mit der Geschichtsvorlesung, das "Iwan der Schreckliche"-Seminar säbelt die Lateinstunde ab, und der Arabischkurs verbietet die Veranstaltung "Rassengesetze im Holocaust".
Nun fehlt mir nach viel Geschiebe doch wieder der Lateinunterricht, was mich glücklich macht, aber auch ängstlich, weil er nicht lange aufgeschoben werden kann. Aber das ist wohl die erste große Uni-Weisheit: Ein Ziel braucht zur Motivation keinen Zeitrahmen, sondern eine Vorstellung. Ich stelle mir vor, irgendwann Latein zu lernen und zu schaffen.
Das alles lernte ich in nur fünf Tagen, die mit der Ziffer 27 begannen, geschrieben mit orangefarbenem Filzstift auf einem kleinen weißen Zettel. Diese Nummer wies mich in der Flughafenhalle mit den Kaninchenwarteschlangen meiner ersten Infogruppe zu. Eine Dreiviertelstunde stand ich da, und dann hatte die Frau hinter dem Schalter R-Z nur diese orange 27.
"Äh, war's das jetzt schon?", habe ich sie noch unsicher gefragt. "Nee, Kleiner", antwortete die Frau hinter dem Schalter, "jetzt geht's erst richtig los."