Marcs Studienstart Keine Atempause, Geschichte wird gemacht
Vergangene Woche war nicht nur die letzte Klausurenwoche, sondern auch Valentinstag. Ich erinnere mich noch an meine erste Valentinskarte. Das war in der fünften Klasse. Ein Mädchen mit pippilangstrumpfigen Zöpfen hatte mir das rosa Faltkärtchen im Auftrag ihrer besten Freundin übergeben. Darauf stand, das ich "wirklich toll" sei und ob ich nicht mal mir ihr, also dem anonymen Mädchen, ins Kino gehen wolle: "Contact mit Jodie Foster" wäre doch "ein guter Film für uns beide". Da ich schon genug Englisch für die versteckte Botschaft verstand, freute ich mich direkt. Nach vier Minuten kam das Langstrumpf wieder, zupfte mir die Karte peinlich berührt aus den Händen und murmelte: "Sorry, hab' dich verwechselt."
Das war die einzige Karte, die ich je zum Valentinstag bekam - ab jenem Moment übernahm lieber ich das Schreiben.
Und ich schrieb wie ein Verrückter: erst Liebesgedichte, Kurzgeschichten, Fünfseitenbriefe. Später dann Französischtests, Kettenmails und Matheklausuren. Schließlich Sätze wie " war ich an jenem Tag nicht Führer des erwähnten Fahrzeugs und sehe mich daher nicht verpflichtet, das geforderte Bußgeld ". Wenn andere ein Plappermaul haben, so habe ich Laberfinger.
Doch der Text, an dem ich jetzt sitze, hat nicht viel von Kreativität: Es ist meine erste Geschichtshausarbeit - 15 Seiten, Times New Roman, Schriftgröße 12, Zeilenabstand 1,5, der ganze Wust eben. Die leeren Blätter mit Inhalt zu füllen, ist eigentlich kein Problem. Dass mich meine Dozentin im Vorfeld wohlwollend ermahnte: "Arbeiten Sie wissenschaftlich!", das allerdings schon.
1. Das richtige Thema finden
So eine wissenschaftliche Arbeit braucht zu Beginn eine gute Frage. Die stellt man in der Einleitung und hofft, sie bis zum Fazit beantworten zu können. Dazwischen, im Hauptteil, sollte der Text wirken, als kenne sich der Autor aus. Ich brauche ein Thema, das exotisch, aber keine Freakshow ist, verständlich und mit Literatur lösbar. Beispiel: "Der Holocaust aus iranischer Sicht" very bad idea; "Schrecknis Holocaust anhand von jüdischen Tagebüchern" good choice.
Ich finde für mich eine Synthese aus Hobby und Heimat. Mein Hobby, das könnt ihr oben nachlesen, ist das Schreiben. Meine Heimat, das könntet ihr hören, wäre dies hier ein Podcast, ist der Osten. Also: "Presse in der DDR". Gut, weiter.
2. Literatur suchen
Um umfangreich Ahnung zu haben, muss der Hausarbeitenschreiber umfangreich lesen. Dazu braucht es zuerst Überblickswerke, die sind meist schwer und verwirrend. Hinten haben diese Schinken einen Anhang, der das Buch noch mal verdoppelt. Hier sammeln sich Quellen und Bücher wie Sardinen in der Dose, ein Mekka an weiterführenden Texten.
Mit diesem Wissen mache ich mich an den Onlinekatalog unserer Bibliothek. Es gilt, die Fußnotenexoten zu finden. Fußnotenexoten sind jene Bücher, die auf Englisch oder Französisch daherkommen, oder aktuelle Zeitschriften oder überhaupt nicht mehr aktuelle Quellen. Die Fußnotenexoten sind die Cocktailkirschen im Sahneberg der späteren Literaturliste - der Dozent muss einfach begeistert sein.
Ich durchforste mit dem Stichwort "DDR" den Bibliothekskatalog: 7726 Treffer. Mhm. Okay, dann eben die Wörter "Presse+DDR": Jetzt 17 Treffer. Mhm. Vielleicht "Presse*+DDR". Nun gibt es wieder 20 Treffer mehr. Ich hole Stift und Papier und Kaffee, eine Kanne.
3. Lesen, lesen, lesen
Unsere Bibliothek in Freiburg sieht von außen aus wie ein stillgelegtes Parkhaus. Anstelle einer Einfahrt gibt es eine Brücke, die schwer in der Luft hängt und in die zweite Etage, die Hauptetage, führt. Dort und in alle Richtungen weg erschließen sich die Bücher- und Leseräume. Irgendwo im Erdgeschoss liegen miefige Unterrichtsräume, die daher auch ungeachtet ihrer Lage - Kellerräume genannt werden. Aber die Bibliothek ist eine Oase aus bedrucktem Papier, in ihrem Bauch wartet tausendfach Geist auf Entdeckung. Und ich darf entdecken, bis mir die Augenlider schwer werden. Fußnotenexoten lassen sich auch gähnend lesen.
4. Los endlich!
Was im Kopf ist, muss nun irgendwie auf Papier. Schreiben. Jetzt also wirklich. Wissenschaftlich. Ich fange eine Gliederung an - möchte ich mein Augenmerk auf einen kleinen Zeitraum zum Ende der Republik beschränken und lediglich - dann einfach mal die Einleitung formulieren - auch werde ich, wenn ich von Medien spreche - ich schreibe eine neue Einleitung - bis zum Fall der Mauer - und noch eine Einleitung.
Okay, ich brauche einen Zeitplan, drohend auf rotem Papier, neben dem PC hängend. Und ich brauche mehr Disziplin, weniger Ablenkung.
Sollten wir die Hausarbeit eigentlich geklammert oder lose abgeben?