Marcs Studienstart: Panik, Pommes, Paranoia - DER SPIEGEL
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Marcs Studienstart Panik, Pommes, Paranoia

Die Winterpause ist vorbei, und Erstsemester Marc Röhlig, 20, hat nichts für die Uni gemacht. Eben noch lästerte er über Gammelstudenten, nun zwickt die To-Do-Liste sein Gewissen. Mensa-Schnitzel groß wie Liechtenstein machen es auch nicht besser.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Da treffe ich sie also alle wieder, mittags vor der Mensa, die Kommilitonen und neuen Freunde. Und nach zwei Wochen Mutti, Festtagsessen und Schulfreundeskreis stellen sich die Hörsaalheimkehrer nur eine Frage: "Hast du was gemacht?" Und die Antwort ist stets: "Genauso viel wie du" – gefolgt von einem Jammern, die Bücher und Ordner zwar pflichtbewusst mitgenommen, aber nie ausgepackt zu haben. Und wer doch so weit kam, sagt dann: "Ich habe tatsächlich gelernt." Tatsächlich, als könne er seinen Eifer gar nicht fassen.

Ich habe tatsächlich nichts gemacht und kann es auch nicht fassen - schrieb ich doch noch vor wenigen Wochen vom Ende der Gammelstudenten. Und kaum fehlt über die Weihnachtswochen das tägliche Professorenmantra "Texte lesen - Vokabeln lernen - Hausarbeit beginnen", macht man genau drei Dinge überhaupt nicht: nämlich Texte lesen, Vokabeln lernen und endlich die verdammte Hausarbeit beginnen.

Nun stehen wir Faulpelze vor der Mensa in der Rempartstraße und schieben Paranoia. Seelenbalsam à la carte ist nicht zu erwarten, die Mensa ist nämlich ein gemeiner Platz. Vor allem die Kinder machen uns das Mittagspausenleben schwer. In unserem Unifresstempel gibt es nämlich Essen nicht nur für Studenten, sondern auch für ortsansässige Grundschulkinder. Was an den Mensa-Winzlingen ärgert, ist klar: Die haben's drauf. Und mir sieht man bei jeder Bewegung immer noch den unbeholfenen Erstsemester an.

Wie überall an der Uni legen sich auch hier Warteschlangen kreuz und quer durch den Raum. Tagesgericht, Essen eins oder "schneller Teller" (Kelle rein, Brei drauf, fertig)? Gezahlt wird mit dem Studentenausweis – der ist Identität, Ermäßigungsgarant und Futter-Kreditkarte in einem.

Während ich mir paniertes Etwas mit Salat (paniertes Etwas wird im Speiseplan abwechselnd als Camembert, frittiertes Tofu, Cordon Bleu oder Spargel-Käse-Tasche angepriesen) organisiert habe, rennt eine Gruppe Kinder mit dem Wiener Staatsbankett an mir vorbei: Schnitzel so groß wie Liechtenstein und mit einer Panade, die vorher auf Schuhsohlen klebte. Dazu eine Ladung Fritten, aus der man im Osten noch ganze Einfamilienhäuser bauen würde. Eine Monsterladung an Pommes. Sie verschwinden zwischen den Tischen und grölen zu Rio Reiser ihren neuen Lieblingshit "sau, sau, sau, saubillig". Na lecker.

Jeder hat eine To-Do-Liste dabei

Meine Freunde und ich aber brauchen nun Sitzplätze. Im Hauptsaal der Mensa stehen Vierertische aufgereiht wie Ostseestrandkörbe: Wer einen Platz will, muss mit Handtuch reservieren oder nach bekannten Gesichtern Ausschau halten. Da entdecken wir die Zone der Kinder für uns. Hinweisschilder bitten den Student "diese Tische für Grundschulkinder frei zu halten", doch die anarchischen Zwerge sitzen sowieso immer woanders – wir entern die Kindertische.

Zwischen Cordon Bleu und Spargel-Käse-Taschen suchen wir nach einem Ausweg aus der Faulheit. Der Lichtblick aller Vergesslichen, Verschlafenen und Verplanten ist die To-Do-Liste. Wen ich am ersten Tag nach den Ferien auch frage, alle haben eine dabei. Die To-Do-Liste ist organisiertes Uni-Management: Sie taucht immer dann auf, wenn die eigene Arbeitsmoral im Keller ist. Mit Pünktchen, Strichen oder Nummern presst der Student dann seine verpassten Aufgaben in die verbleibende Zeit. Kampf der Lernparanoia.

Oft wird die To-Do-Liste jedoch zur Fata Morgana des Schreibtischs – das Ding verblasst unter neuen Bücherstapeln schneller als jede saftige Wüstenoase.

Ich habe meine Jetzt-wieder-Uni-To-Do-Liste an diesem Vormittag geschrieben. Geordnet nach dem Tagesablauf kam hinzu, was auffiel:

  • Zahnpasta kaufen
  • Socken waschen
  • besser: Socken kaufen
  • alte Milch wegwerfen, neue Milch kaufen

Und dann, eine Stunde später, im Hörsaal der alten Uni:

  • Arabischvokabeln neu lernen (diesmal richtig)
  • Texte Proseminar lesen
  • Referat vorbereiten
  • Bibliothek > Bücher, schnell
  • endlich Profsprechzeiten rausfinden

In der Mensa konnten wir dann unsere Listen vergleichen. Die Lernen-und-Lesen-Punkte hatten alle, die Stichpunkte Bank, Post und Supermarkt waren auch überall dabei. Ganz mutige Kommilitonen dachten ans Aufräumen, andere wollten endlich einen neuen Handyvertrag. Doch der dringlichste Schlusspunkt einer jeden Liste:

  • bei Mutti ausheulen