Marcs Studienstart: Viertel vor Freundschaft - DER SPIEGEL
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Marcs Studienstart Viertel vor Freundschaft

Über die Feiertage kehrte Erstsemester Marc Röhlig zum ersten Mal in die Heimat zurück und organisierte eine Silvesterparty. Schon auf der Reise von Freiburg nach Gera schlichen sich Zweifel an: Würden die besten Kumpels von früher noch miteinander feiern können?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles ist ein wenig anders, seit ich in Freiburg lebe, und das fängt schon bei der Uhrzeit an. Meine Erklärungen dazu empfinde ich mittlerweile als einheitsbildende Maßnahme, einen Ost-West-Verständigungsauftrag. Es heißt "Viertel vor" oder aber "Dreiviertel" und ist recht einfach: In Ostdeutschland aufgewachsen, unterteile ich die Stunde in vier Viertel und sage das auch so. Als würde ich einen Kuchen rückwärts essen, füge ich beim Zeitaufsagen ein Stück der kommenden vollen Stunde hinzu. So ist es zuerst viertel zwölf, dann halb, als nächstes drei viertel und schließlich um zwölf, ein Ganzes.

Meine Kommilitonen in Freiburg haben damit aber ihre Not. Ihnen fehlt das Vierteltaktgefühl der neuen Bundesländer. Hier lerne ich, das Zifferblatt in "Viertel vor" und "Viertel nach" zu teilen. Ein neuer Wohnort bringt eben neue Erfahrungen, und die Heimat rückt mit jedem Tag ein Stückchen weiter weg.

Während ich vor den Feiertagen sechs Stunden in drei Zügen zwischen Freiburg und Gera verbrachte, wuchs das Problem zu mehr als nur Zifferblattkunde: Wie würde ich über die Weihnachtsferien meinen Freunden begegnen? Was war aus diesem verwegenen Haufen an Jungs und Mädels aus meiner Schulzeit geworden? Vermutlich hatten auch sie Veränderungen durchgemacht. Würden wir Weihnachten, Silvester und die unifreie Zeit feiern, als wäre nichts gewesen? Würden wir uns noch verstehen, wenn es Viertel vor zwölf wird?

Wir waren groß geworden in Freundschaft, gingen jeden Tag gemeinsam zur Schule und ritten regelmäßig in den Sonnenuntergang. Wir tanzten und soffen Freitagnächte durch. Wir waren Giganten in unserem Gera und von der Zukunft weit entfernt. Doch nach dem Abi ging es für alle in die Ferne: Bundeswehr in Leipzig, Architektur in Karlsruhe, Au-pair in New York, Logistikschule in Lörrach. Oder eben Geschichte in Freiburg. Ob Jens, Kathi, Nadine, Rudi oder ich – uns alle verschlug es weit weg von Gera.

Freiburger Saufspiele in Gera

Aus dieser Ferne waren wir für wenige Tage zurück und machten Urlaub von der neuen Identität, die Koffer wackersteinevoll mit Geschichten und Erlebnissen. Für unsere Silvesterfeier hatten wir die Villa Schulenburg gemietet, der Heimatstadt berühmtestes Jugendstilhaus, und wollten noch einmal so richtig einen drauf machen. In der Küche stapelten sich die Bierkästen, Schnittchen und Sektflaschen. In einer Ecke türmten sich Schlafsäcke, in der nächsten eine atomare Ladung an Knallern. Es liefen die Hits unserer Jugend und der unserer Eltern. Wir schwelgten zu den Peppers, schüttelten uns zu den Beatles oder schwoften zur "Gummibärenbande". Alles wie immer, bloß ein bisschen ungewohnt. Und dann brachte ich Freiburg ein.

Es gibt Wodkawackelpudding wie auf der Erstsemesterhütte der Historiker-Fachschaft. Wir machten Bowle-Wetttrinken wie im Schwarzwald. Und wir spielten das Keks-Kerzen-Spiel: Fünf trockene Kekse mampfen, dabei eine Kerze gegen die anderen Mitspieler verteidigen und nur kauen, wenn die Flamme leuchtet. Schließlich fütterten wir uns gegenseitig mit verbundenen Augen mit Joghurt. Zu gewinnen gab es viel: das alte Gefühl der Gemeinschaft, neu entflammt und im Jahreswechsel eingelullt.

An die Wände hatten wir kleine Zettel mit Flirtsprüchen geklebt ("Hey, ich bin so schlecht im Bett – das musst du mal erlebt haben"), und von der Decke hingen Luftballons in Herzform. Hinter der Bar klebte ein riesiges Plakat: Der Schutzpatron der Liebeleien, Agentenmacho James Bond, beugte sich über seinen Ziffernschriftzug 2-007. Und die Mission war eindeutig: Nächstenliebe. Als der Countdown auf Mitternacht begann, lagen wir uns schreiend in den Armen, kleine Ewigkeiten lang.

Stunden später erhob sich die Wintersonne über die Nebelschwaden der nächtlichen Knallerei. Nur die Jungs und Mädels in der Villa Schulenburg konnte sie noch nicht trennen. An diesem Morgen war die Welt noch einmal Kindheit, die Unibücher blieben in den Koffern, nur die Erfahrungen wurden ausgepackt. Unsere Freundschaft war wieder dort angekommen, wo sie früher war – nur hatten wir es diesmal deutlich gemerkt.

Eine Woche Heimat: Nennen wir es eine einheitsbildende Maßnahme.

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