Marcs Studienstart Hosen runter
Ich kann keine Bierflaschen köpfen. Wer das nicht beherrscht, hat im Studienbetrieb so eine Art Schwarzen Peter des gesellschaftlichen Miteinanders.
Daran hat Hilly Schuld. Er ist ein guter Schulfreund und der König des geselligen Miteinanders. Hilly studiert in Freiberg, ich in Freiburg. Zwischen dem "e" und dem "u" liegen gut 650 Kilometer, wenigstens 21 Autobahnraststätten und eine tiefe Freundschaft. Zu Zeiten, als wir noch jung, belastbar und frei von ernsten Hobbys waren, machte er mir immer meine Bierflaschen auf. Mit Feuerzeugen, Tischkanten, Gabeln oder Zähnen. Die Kronkorken segelten dabei in hohem Bogen hinter meine Schrankwände. Gelernt hatte ich dabei allerdings nichts.
Nun bin ich auf mich allein gestellt. Und habe Flaschenöffnen dringend nötig: Ein Erstsemester wird mit Abfeier-Kuriositäten wie der "Big Medi Night" der Medizinischen Fakultät, Ersti-Partys, Fachschaftsfeiern und Kneipentouren überhäuft. Als besonders berüchtigt gilt unter Freiburger Historikern "Die Hütte". Es handelt sich um ein Beschnupperwochenende für Erstsemester (die "Neuen"), organisiert von der Fachschaft (die "Alten").
Saufen zum Semesterauftakt
Schon in der ersten Studienwoche wird davon gesprochen, wer dabei ist, was abgeht und welche Rekorde gebrochen werden müssen. Dann gibt es wilde Spekulationen über noch wildere Trinkspiele. Antworten geben die Alten mit wissendem Lächeln oder zuckenden Schultern. Die Hütte ist der Semesterauftakt für die Geschichtsstudenten in einem Blockhaus, verborgen in den Untiefen des Schwarzwaldes.
Die Hütte wirkt wie aus längst vergangenen Zeiten: ein großes Holzungetüm mit schwerem Ofen und miefigen Toiletten. Links und rechts türmen sich Tannen neben den Fenstern empor. Nachts legt sich eine hauchdünne Schneeschicht auf die Hütte nieder. Zentrale Raum ist die Essstube, die von einer drei Meter langen Trinkliste dominiert wird. Hier kann jeder sehen, wer wie viel trinkt. Die Bierliste ist der Pranger des Sozialgefüges.
In kürzester Zeit wachsen bei einem Ersti-Gelage in der Bierspalte die Einzelstriche hinter den Namen zu ansehnlichen Palisadenzäunen. Und ebenso schnell lerne ich, mit Kronkorken und Feuerzeugen umzugehen. Schnell entsteht eine Gemeinschaftsdynamik aus Bier und Namensschildchen.
Direkt nach der Arabisch-Vorlesung fahre ich am Freitagnachmittag hinaus in den Schwarzwald und halte bis Sonntagmittag durch. Die Fachschafter (ältere Semester, die unser Wohlbefinden abwechselnd aufbauen und wieder untergraben) haben das Wochenende für die Erstis durchgeplant. Da gibt es Bergwanderungen, Schnitzeljagd und Vorlesungen im Tannenwald. Da übt man sich in Zeitlupensackhüpfen und Joghurtkleckereien.
Durch Nackedei-Spiele zum echten Studenten
Später dann folgt Gruppenarbeit die Erstsemester werden nach dem Zufallsprinzip in Gruppen wie "Böse Diktatoren" oder "Griechische Philosophen" eingeteilt. Ich bin die Völkerschlacht und muss mich mit "Waterloo", "Hastings" und "Gaugamela" zu den "Blutigen Schlachten" zusammenfinden.
Und dort finde ich mich plötzlich in Extremsituationen wieder: mit einer Schüssel Bowle auf dem Boden der Damentoilette kniend; völlig nackt beim Spiel "Kleiderkette"; Wodka-Wackelpudding nach Zeit mampfend oder schließlich mit runtergelassenen Hosen beim Improtheater. Wir haben uns Buchstaben auf die linken Pobacken gepinselt und po-pagieren beim finalen Theaterstück vor versammelter Mannschaft den sinnhaften Ausruf "F.U.C.K.". Das bringt uns "blutigen Schlachten" erst Anerkennung für knackige Backen und schließlich den Hauptgewinn: Natürlich, eine Flasche Wein.
Was dann bleibt, am Sonntag, neben säuerlich riechenden Socken, bemalten Hintern und schlechtem Gewissen ob des mangelnden Lerneifers, ist ein wahrlich großes Gefühl. Nach Wochen der Ziellosigkeit und Ohnmacht gegenüber dem 500 Jahre alten Getriebe der Uni Freiburg stellt sich eine seichte Wonne ein. Das Gefühl, im studentischen Leben angekommen zu sein, ganz fest verankert - es hat sich tatsächlich irgendwo in den Untiefen des Schwarzwaldes eingestellt.