Multimedia an Schulen "Viel Schrott dabei"
Auf der am Freitag in Stuttgart zu Ende gegangenen Lernmittelmesse "Didacta" haben sich viele Pädagogen und Bildungspolitiker kritisch über den Einsatz neuer Medien in der Schule geäußert. Nach Meinung des Elternbeirates etwa ist die Mediennutzung häufig ein "Zeitschlucker", der den Lehrern zudem technische Probleme bereite. Oft gehe es beim Einsatz neuer Medien häufiger mehr um die schöne Form als um den Inhalt.
Die Schüler sollten lieber aktiv lernen, als sich multimedial berieseln zu lassen, forderte die Vorsitzende des Landeselternbeirats, Elke Picker. Der Philologenverband sprach sich für eine Rückbesinnung auf "Tafel und Kreide" aus: "Guter Unterricht braucht nicht unbedingt eine Powerpoint-Präsentation", sagte Wulfdieter Berk vom Landesverband. Bei der Lernsoftware sei "viel Schrott dabei".
In der Tat sind Angebote wie die von der Jugendinitiative STEP 21 entwickelte Multimedia-Kiste für Schulen in Deutschland Mangelware. Das Paket beinhaltet neben ganz klassischen Arbeitsblättern auch Radio-Software, Musik- und Comicsoftware auf mehreren CD-Roms, Comic-Hefte, eine Audio-CD, Filme und Soaps in eigens für den Unterricht aufbereiteten Sequenzen auf DVD und ein Talkshow-Tool.
Doch abgesehen von solchen Einzelangeboten und symbolischen Aktionen wie "Schulen ans Netz" tut sich wenig. Schon der Overheadprojektor gilt als taktische Finesse.
Fehlinvestitionen für Verlage
Die Verlage verzeichneten auf der Fachmesse denn auch einen Trend zum herkömmlichen Schulbuch. Der erwartete Boom bei Lernsoftware habe sich nicht eingestellt. "Viele Modelle haben nicht funktioniert. Wir haben nur fünf bis sechs Prozent der Schüler mit unserem Multimedia-Angebot erreicht", sagte der Leiter der elektronischen Medienentwicklung beim Stuttgarter Ernst Klett Verlag, Hartmut Wick.
Es sei kein Geheimnis, dass die Verlage dies im Nachhinein als Fehlinvestition sehen. Der Klett Verlag will Software jetzt günstiger verkaufen. "Wir haben die Bildungsspaltung durch die Hochpreis-Strategie zementiert", sagte Wick.
Die Skepsis der Lehrer und Eltern kann die Direktorin des Landesmedienzentrums, Susanne Pacher, nicht verstehen: Mit Computern könnten Kinder individuell gefördert werden. "Welcher Lehrer kann das schon?" Das Zentrum unterstützt zusammen mit dem baden-württembergischen Kultusministerium die "Medienoffensive Schule II", durch die Vorbehalte gegen den Einsatz neuer Medien im Unterricht ausgeräumt werden sollen.
Nach auf der Didacta vorgestellten Zahlen verfügten im Schuljahr 2003/04 knapp 98 Prozent der allgemein bildenden Schulen in Baden-Württemberg über einen Internetanschluss. Dabei teilten sich im Durchschnitt neun Schüler einen Computer.
Die Parlamentarische Staatssekretärin des Bundesfamilienministeriums, Marieluise Beck (Grüne), konstatierte auf der Fachmesse "Schwellenängste" bei vielen Lehrern. Zugleich sprach die Bildungspolitikerin von einer "Rückkehr zu alten Tugenden".